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Zerschlagung von hr2 : Ist das Kulturfunk, oder warum soll das weg?

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Lauter schöne Logos: hr2 in der Eigenankündigung. Bild: HR/F.A.Z.

Der Hessische Rundfunk „reformiert“ seine Radiowelle hr2-kultur und schafft sie dabei ab. Ein Wortprogramm wird zur „Klassik-Welle“. Was Kulturschaffende dazu sagen, Teil 3.

          Michael Quast

          Seid mutig und wortlastig

          Ich bin ein begeisterter Anhänger des gesprochenen Wortes. Wahrscheinlich ein berufsbedingter Defekt.

          Das Radio schien mir immer der natürliche Ort des gesprochenen Wortes. Ich bin weniger ein Gezielt-Hörer als ein Gelegenheitshörer, so wie wahrscheinlich die meisten. Aber das gesprochene Wort im Radio hat mich stets interessiert, überrascht, getroffen, beglückt, berührt, manchmal auch genervt (weniger des Inhalts wegen als wegen schlechter Sprecher), meistens bereichert. Das gesprochene Wort im Radio bereichert mein Leben. So pathetisch, so wahr. Ja, manchmal auch die Musik, schon, aber die kann ich mir sonstwo besorgen, wenn ich ein Musikstück hören will, warte ich doch nicht, bis es zufällig mal im Radio kommt und ich dann auch noch Zeit dafür habe. Doch das Wort, der Bericht, die Live-Schaltung, die Rezitation, das inszenierte Wort, das Gespräch, entzünden meine Phantasie und bereichern mein Leben.

          Ich will als Radiohörer nicht eingelullt, sondern angeregt, überrascht, informiert, unterhalten und gebildet werden. Das war bei hr2 möglich. Jetzt wird der Wortbeitrag als störend empfunden. Er ist eh in den letzten Jahren immer stärker reglementiert, das heißt gekürzt worden. Als hätten die Radiomacher Angst vor dem Wortbeitrag. Angeblich schalten die Hörer weg, wenn zu lange gesprochen wird. Ihr armen ängstlichen Radiomacher, vergesst den Mainstream, vergesst die Quote. Da hat FFH frisch und flott den hr seit langem abgehängt. Vergesst die Kids, die holen sich ihre Musik längst aus dem Netz. Geht nicht die langweiligen, ausgelutschten Wege des geringsten Widerstands, die ihr als neu bezeichnet. Seid experimentell, elitär, einseitig, extrem – kurz: seid mutig und wortlastig.

          Michael Quast, hier bei einer Feierstunde zum zehnjährigen Bestehen der Fliegenden Volksbühne, im Frankfurter Römer, Anfang Dezember 2018.

          Noch ein Gedanke. Man spricht doch von der Alterspyramide, die sich auf den Kopf stellt. Das heißt, bald werden wir alten Säcke die Mehrheit haben. Nicht die Jungen, die hr-Herren als Hörer gewinnen wollen, nein, wir Alten werden die Mehrheit stellen. Also macht verdammt nochmal wortlastiges Programm für unsere Gebühren. Bereichert unser Leben! Das bringt die Quote der Zukunft.

          Michael Quast ist Schauspieler und Regisseur. Er ist Mitgründer des Festivals „Barock am Main – Der Hessische Molière“ und leitet die Fliegende Volksbühne Frankfurt.

          Niki Stein

          Das System frisst sich selbst auf

          Neulich rief mich ein berühmter österreichischer Schauspieler an: Er hätte gerade ein Hörspiel von mir gehört, dass hätte ihn so begeistert, dass er gleich zum Hörer greifen musste. – Nun sollte ein Filmregisseur ins Grübeln kommen, wenn ihm das ausgerechnet bei einem Hörspiel passiert und nicht in seiner ureigenen Domäne.

          Es sind die Bilder im Kopf, die den stärksten Eindruck machen. Und dass ich mich darin ausprobieren konnte, verdankte ich einem Redakteur von hr2. Mutig, neugierig, kompromisslos im Anspruch, kurz: den eigentlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ernst nehmend.

          Sein nächstes Stück ist ein Spielfilm über Ludwig van Beethoven: Niki Stein.

          Im Fernsehen starren sie schon lange auf die „Kultur“, wie das Kaninchen auf die Schlange. Den Zuschauer bloß nicht überfordern. Die Schwerhörigkeit des überalterten Publikums wird mehr diskutiert als der Inhalt. Und dann wundern sie sich, wenn nur noch die Blinden zuschauen. Jetzt werden also auch die Tauben berieselt mit den Klassikkonserven der Rundfunkarchive. Das Programm wird sich anhören wie diese Touristenkonzerte, die bezopfte Mozartdarsteller in Prag, Wien oder Venedig chinesischen Reisegruppen darbieten: „Vier Jahreszeiten“, „Ave Maria“, „Donauwalzer“ – eigentlich egal. Hauptsache, es dudelt. Und die Rundfunkanstalten mutieren vollends zu Pensionskassen. Das System frisst sich von innen auf.

          Niki Stein ist Regisseur und Drehbuchautor und lebt in Frankfurt. Von ihm lief zuletzt der Film „Die Auferstehung“ im Ersten.

          Karsten Wiegand

          Menschen erreichen

          Selbstverständlich sollen Verantwortliche in einem Sender (oder auch zum Beispiel einem Theater oder einer Zeitung) Vorstellungen darüber entwickeln, was sie verändern wollen. Dass dann viele Menschen aufschreien, alles müsse bleiben wie es ist, oder so wollten sie die Veränderung nicht, gehört dazu. Es beweist weder, dass die Pläne besonders mutig sind noch besonders blöde. Solche Proteste können eine wunderbare Chance sein, Konzepte zu überdenken, zu verändern und neu zu schärfen. Dafür muss man offen sein, in Dialog gehen und sich vorstellen können, dass man nicht schon allein die richtige Lösung besitzt.

          Führt das Staatstheater Darmstadt: Karsten Wiegand.

          2014 glaubte der Bayerische Rundfunk, die richtige Lösung zu haben: Um viel mehr jüngere Hörerinnen und Hörer zu gewinnen, sollte der Klassikkanal Bayern4 ins Digitalradio DAB+ verlegt werden, um Platz zu schaffen für den Jugendkanal „Puls“. Viele Widerstände und sogar eine Klage änderten nichts, der Plan wurde vom Rundfunkrat abgesegnet und sollte 2018 vollzogen werden. Ende 2017 sagte der BR den Frequenztausch überraschend ab: Man habe in der Zwischenzeit durch große Anstrengungen auf andere Weise viele neue jüngere Hörerinnen und Hörer gewonnen. Für noch mehr Reichweite in der jüngeren Zielgruppe müsste man das klassische Radio und das lineare Fernsehen „popularisieren“. Dagegen wehrten sich die Privatanbieter. Seine Entscheidung sah der BR daher als „Schritt auf die privaten Radiobetreiber und Verlage in Bayern zu“.

          Die überraschend offene Begründung sagte also: Ein öffentlich-rechtlicher Sender muss sich nicht so „popularisieren“, wie (manche) private Radiobetreiber und Verlage. Er kann sich darauf besinnen, wofür er steht und warum es gebührenfinanzierte Sender überhaupt geben soll: für Qualität. Wenn man erstaunt bemerkt, wie viele Menschen sich begeistert lange Podcasts anhören, dicke Romane lesen, viele Stunden im Theater verbringen, dann kann man offenbar auch mit Niveau Menschen erreichen. Dafür muss man nicht alles lassen wie es ist. Aber wenn man etwas verändert, dann bitte nicht aus Angst, sondern aus Anspruch und Kreativität.

          Karsten Wiegand ist Theater- und Opernregisseur. Er ist Intendant des Staatstheaters Darmstadt.

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