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Kulturmagazin „Liebling“ : Leander Haußmann rasiert sich mit dem blanken Messer

  • -Aktualisiert am

„Liebling” erscheint ab März monatlich Bild: miha medien

Nach knapp einjähriger Pause erscheint wieder das Kulturmagazin „Liebling“. Es erzählt, was die Welt der Kunst im Innersten zusammenhält. Selbst die literarische Seite der gemeinen Seife offenbart sich darin und Leander Haußmann inszeniert seinen Tod per Küchemesser.

          Der Preis ist ein Skandal: 2,80 Euro am Kiosk, sogar dreißig Cent weniger im Abonnement für den von Markus Peichl herausgegebenen „Liebling“, das sehr großformatige, achthundert Gramm schwere Mode-, Film-, Musik- und Kunstblatt aus Berlin. Das ist zu billig. Allein das Papier dürfte schon so viel Wert sein, man kann mit einer Ausgabe beispielsweise sein Zimmer tapezieren, am besten kauft man sich zwei Exemplare, um Vorder- und Rückseite bewohnen zu können.

          „Liebling“ unterscheidet sich nicht nur äußerlich von allen anderen Kulturzeitschriften und Magazinen, es handelt sich hier um etwas wesentlich anderes als die schick gemeinten bunten Blätter rund um Prada-Anzeigen, die man zwischen Laptop und Thermoskanne auch noch in die Tasche quetscht und schläfrig im Zug durchblättert, um sie sogleich zu vergessen. Man kann sich „Liebling“ als eine Art Instrument denken, es erinnert darin an die Hochzeiten des Zeitungswesens, als Sherlock Holmes seinen Doktor Watson gern darüber belehrte, dass seine beste Waffe nicht der Revolver, sondern die „Times“ sei, dort fand er die kleinen Informationen, die die großen Fälle lösen.

          Seife ist literarisch

          „Liebling“ verfolgt einen ähnlich vernunftgesteuerten Ansatz, obwohl das Editorial den Wert von Zuversicht und Emotionalität betont. In den Artikeln wird kaum gejubelt, sondern nachgedacht, analysiert und argumentiert, es ist kein affirmatives Beschreiben von Berühmtheiten und Produkten, wie es etwa „Wallpaper“ zum Überdruss tut, sondern ein offenes und dialektisches Nachdenken über die Bedeutung eines Objekts oder einer Person für diese Zeit, insofern hat „Liebling“ mehr vom „Merkur“ als von „Monopol“.

          Eine Strecke beschäftigt sich mit Seifenstücken und wie sie sich im Laufe ihres Gebrauchs verändern, auch hier ist der dialektische Ansatz erkennbar: Während die Haut sauber und gepflegt wird, reißen und schrumpfen die Seifenstücke, behalten aber eigentümlichen Charme, wie die Fotos von Koo Bohnchang belegen. Zeitgenössische Autoren wie Harriet Köhler und Eckhart Nickel haben dazu witzige und kluge Geschichten geschrieben. Plötzlich geht es also beim Thema Seife um eine literarische Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Gegenwart. Penibel wird der Eindruck vermieden, für eine in-crowd zu schreiben, jede Person wird ausführlich vorgestellt und situiert, jedes Objekt wird so beschrieben, dass auch der letzte Provinzler kapiert, worum es geht, etwa über Sonnenbrillen einer bestimmten Marke, die wie folgt angepriesen werden: „Endlich gibt es Shades von Matthew Williamson, Raf Simons und Veronique Branquinho, natürlich beim Londoner Lieblingslabel Linda Farrow.“ Auch wenn man noch nie einen der zitierten Namen gehört hat, vermittelt einem der Kurzessay von Alex Bohn, wieso die besonders gut sein könnten, weil sie nämlich ihrer Pflicht genügen, „den Betrachter für das zu entschädigen, was sie verbergen“.

          Rasur mit schweren Gerät

          Als überraschend interessant erweist sich auch die Idee, den Regisseur Leander Haußmann um eine Minigeschichte aus vierundzwanzig Bildern zu bitten, die wiederum für eine Sekunde Film stehen sollen. Zwar sind Ideen, Gags und Aktionen in Zeitschriften in den letzten Jahren wirklich inflationär geworden, aber in diesem Fall ist man doch dankbar für den Witz und die Eleganz der Sache. Man sieht Haußmann völlig verstrubbelt und unscharf bei der morgendlichen Rasur, statt eines Rasierers hält er aber ein schweres Küchenmesser in der Hand. Die Kurzstory dazu: Seine Frau hat sich seinen Wilkinson geschnappt, der Mann muss eilig zum Fototermin, wo er rasiert zu erscheinen hat, und greift zum schweren Gerät. In der Geschichte imaginiert er einen falschen Schnitt an der Schlagader und wie er hilflos zu Boden sinkt: „Die Putzfrau kommt erst Donnerstag, Schmetterlinge, blauer Himmel, Sonnenblumen, leichter Wind, das Rauschen des Meeres, roter Zungenkuss, Negerkuss, Rotwein, frei sein.“

          Von März 2008 an wird „Liebling“ monatlich kommen, diese Ausgabe muss also für den ganzen Winter reichen. Das dürfte zu schaffen sein, es steht eine Menge drin. Fünf Euro wären auch in Ordnung.

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