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ZDF-Krimi „So weit das Meer“ : Ihn trieb die Sehnsucht nach Rache

  • -Aktualisiert am

Wolf Harms (Uwe Kockisch) und Uta Carstens (Suzanne von Borsody) haben eine neue Spur. Bild: ZDF und Christine Schroeder

In „So weit das Meer“ tötet ein Mann den Vergewaltiger seiner Tochter. Nach fünfzehn Jahren hinter Gittern holt ihn eine Erkenntnis ein.

          Montag und Mittwoch waren wir im Schwarzwald, Dienstag in der Eifel und Donnerstag in der Bretagne. Freitag ging es nach Berlin, Kiel und Istanbul. Samstag, nach einem Schweden-Abstecher zu Arte, meldete sich Kommissar Rocco Schiavone aus den italienischen Alpen, Sonntag der „Tatort“ aus Dortmund, danach buhlten Maria Wern aus Gotland im Ersten und ein neues Trio aus Stockholm im Zweiten um unsere Aufmerksamkeit. Wir wählten Stockholm.

          Und jetzt „So weit das Meer. Ein Küstenkrimi“. Er wird in der schieren Masse der Krimis im Fernsehen verschwinden – nicht, weil er schlecht oder langweilig wäre; die aufgezählten Filme sind alle solide gemacht. Sondern weil es einfach noch mehr ist vom Immerähnlichen.

          Drama um Schuld und Vergebung

          Immerhin gibt es in „So weit das Meer“, geschrieben von Paul Milbers und Sabine Radebold, weder einen Ermittler noch ein Ermittlergespann, dessen Profil gepflegt werden müsste. „So weit das Meer“ (Regie Axel Barth) handelt von einem Vater, der sich aus Liebe zu seiner Tochter zu einem Mord hinreißen ließ, und von der überraschenden Erkenntnis, dass Selbstjustiz nicht zielführend ist. Ein Drama zum Thema Schuld und Vergebung.

          Gespielt wird dieser Vater von einem Schauspieler, der extrem in sich ruht und umso stärker berührt, wenn es in ihm rumort. Uwe Kokisch kennt man als Commissario aus der Donna-Leon-Reihe, aber auch als Stasi-Offizier in „Weißensee“. Wobei die wenigsten wissen, dass er einst persönlich unter dem DDR-Regime litt; er kam 1961 nach einem Fluchtversuch für ein halbes Jahr ins Gefängnis.

          In „So weit das Meer“ begleitet ihn die Kamera (die uns später ein sehr hübsches, streng komponiertes Ostsee-Stillleben zeigt: grauer Steg auf blauem Grund plus Bohrinsel am Horizont), auf dem Weg aus einem norddeutschen Gefängnis: Wolf Harms, ein Mann Mitte siebzig.

          Harms hat fünfzehn Jahre hinter Gittern verbracht. Seine Frau Agnes (Imogen Kogge) wartet vor dem Gefängnis, man umarmt sich unsicher – zwei sanftmütige Menschen, die sich einmal sehr nah gewesen sein müssen, aber genau wissen, dass man daran nun nicht anknüpfen kann. Ihre erste Fahrt mit dem Punto geht zum Meer, Freiheit spüren, dann zu Tochter Jette (Katharina Schüttler), die ihren Papa Wolf zärtlich begrüßt und ihm auch das jugendliche Enkelkind Nils (Junis Marlon) präsentiert, das er nicht kennt. „Hallo, Opa“ sagt Nils. Opa wird mit ihm noch etwas am Segelboot arbeiten müssen, bis er sich daran gewöhnt.

          Wer ist der wahre Täter?

          Über die Tat, die Harms ins Gefängnis brachte, wird in diesen Szenen so wenig gesprochen wie möglich: Wolf Harms erschoss den Vergewaltiger von Jette. Das kann man jetzt endlich abhaken, was Harms wohl noch besser gelingen würde, könnte er diese neumodischen Kaffeemaschinen allein bedienen, die es vor fünfzehn Jahren noch nicht gab.

          Im Ort reden die Leute unterdessen, wie Menschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eben so reden – Erklärdialoge wie im Philosophieunterricht. Einer der Männer, die auf dem Versorgungsschiff einer Bohrinsel arbeiten, auf dem Harms als Kapitän anfangen soll, findet es nachvollziehbar, dass Wolf sich damals eine Pistole besorgte. Sein Kollege eher meschugge. Die gebrochene Mutter des Ermordeten wiederum, Uta Carstens (Suzanne von Borsody), faucht ihm bei der zufälligen Begegnung an der Straße ein „Mörder!“ entgegen.

          Harms steckt es weg. Erst ein Zufall, bei dem das Drehbuch emotional zu dick aufträgt, wühlt ihn stark auf: Der Ermordete hat eine Schwester. Sie ist zur Verzweiflung ihrer schicksalsgeplagten Mutter schwer krank, braucht eine Knochenmarkspende – und spricht Nils an, der bis dahin nicht weiß, bei einer Vergewaltigung gezeugt worden zu sein. Die Überraschung: Nils ist laut Blutanalyse nicht mit dem Toten verwandt.

          Das Drama driftet nun für eine Weile in Richtung Whodunit. Harms begreift, einen Unschuldigen getötet zu haben, ist schockiert und beantragt Akteneinsicht, um den wahren Täter zu finden. Schnell hat er einen Mann in Verdacht. Wenn er da mal nicht, flüstert der Film, denselben Fehler begeht wie vor fünfzehn Jahren, als Harms seiner Rachsucht freien Lauf lief, statt sich um seine Familie zu kümmern. Am Ende wird alles kunstfertig zusammengeknotet. Zwei Menschen stehen am Grab, ein Segelboot fährt raus aufs sonnenbeschienene Meer.

          So weit das Meer, heute um 20.15 Uhr im ZDF

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