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„Ku’damm 63“ im ZDF : Brav durch die wilden Sechziger

  • -Aktualisiert am

In Schwung? Maria Ehrich (links) und Sonja Gerhardt als Tanzschulschwestern. Bild: ZDF und Boris Laewen

Das ZDF bildet sich auf seine Mehrteiler viel ein. Die aufwendig gestaltete Geschichte einer Tanzschuldynastie in „Ku’damm 63“ ist als zeithistorisches Sittenbild leider eine Enttäuschung. Trotz großartiger Schauspielerinnen.

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          Mehrteiler mit zeitgeschichtlichem Hintergrund gelten als „Königsdisziplin“ im Fernsehen. Sie erlauben ein breites Panorama der historischen Ereignisse, im Glücksfall auch eine tiefe Figurenentwicklung über einen längeren Zeitraum. Unterhaltung mit Anspruch für ein großes Publikum. „Events“ wie „Dresden“, „Adlon“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“, allesamt im ZDF, sind Aushängeschilder mit der Behauptung des Alleinstellungsmerkmals, auch wenn früher RTL („Deutschland 83“) und noch früher Sat1 („Die Luftbrücke“) groß mitmischten, von der ARD (zuletzt „Charité 3“) ganz zu schweigen.

          Inzwischen scheinen die Hauptevents der jüngeren deutschen Geschichte etwas abgefrühstückt. Zuletzt überzeugte „Charité 3“ als bisher beste Ausgabe der Reihe, weil sie konzentriert nur wenige Wochen rund um den Mauerbau 1961 in den Blick nahm und seine Auswirkungen für die fast am Berliner Grenzstreifen liegende Traditionsklinik plastisch erzählte. Im Grunde war dieser Erfolg Pech für die ZDF-Familiensaga rund um die West-Berliner Tanzschule „Galant“, die mit „Ku’damm 56“ 2016 vielversprechend anfing und auch mit „Ku’damm 59“ 2018 überzeugen konnte.

          Ideengeberin und Autorin Annette Hess und Regisseur Sven Bohse gingen bei „Ku’damm 56“ von einer glücklichen Prämisse aus. Tanzschulen waren Benimmschulen. Hier lernte man gesellschaftlichen Umgang, Konversation, Haltung und tanzen. Die Inhaberin der Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm, Caterina Schöllack (Claudia Michelsen), die Patriarchin, war ganz Kind ihrer Zeit. Die „schlimme Zeit“ verdrängen, Kontrolle wiedergewinnen und weitermachen, das gab sie ihren drei Töchtern Helga (Maria Ehrich), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle) mit auf den Weg.

          Während Helga und Eva „vorteilhafte“ Ehen mit einem Professor (Heino Ferch) respektive einem Staatsanwalt (August Wittgenstein) schlossen, brachte Rebellin Monika den Rock’n’Roll und ihren unkonventionellen Tanzpartner Freddy (Trystan Pütter) aufs Parkett. Die neue Musik wurde zum Treiber des Fortschritts. Vom trauerumflorten Fabrikantensohn Joachim Franck (Sabin Tambrea) vergewaltigt, ging Monika später mit ihm eine Liebesbeziehung ein und bekam ein Kind von Freddy. Detailreich ausgestattet, ließ „Ku’damm 56“ die Wirtschaftswunder-Fünfziger genauso akribisch wiederauferstehen wie der Nachfolger „Ku’damm 59“. Auch hier trug die Idee noch: Musik und Tanz als Spiegel und Dynamik des Zeitgeists. Dieses Mal wurden Monika und Freddy Schlagerstars im Heile-Welt-Heimatfilm, bis ein Skandal die Bigotterie der Zeit entlarvte und Monika zu neuen Ufern aufbrach. Helga fand heraus, dass ihr Mann ein heimlicher „175er“ war, und zerstörte seine Liebe zum Ost-Berliner Anwalt Hans Liebknecht (Andreas Pietschmann). Eva, die sich von ihrem Mann getrennt hatte und ihre Unabhängigkeit durch „Herrenbesuch“ finanzierte, wurde durch den „Familienvorstand“ ins Koma geprügelt.

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