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„Ku’damm 63“ im ZDF : Brav durch die wilden Sechziger

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Von der zeithistorischen Klammer ist in „Ku’damm 63“ wenig übrig. Kostüm- und Szenenbild sind stimmig (Maria Schicker und Axel Nocker), aber die Parallele von Tanzschulgeschehen und historischer Entwicklung wird nur pflichtschuldig weitergeführt. Hauptautor Marc Terjung, Seraina Nyikos und Johannes Rothe projizieren sie nun auf die „skandalösen“ lateinamerikanischen Tänze. Tango wird als direktes Vorspiel zum Sex behandelt, ohne dass die entsprechenden Tanzszenen zwischen der frustrierten Helga und dem Tanzlehrer Amando Cortez (blass: Giovanni Funiati) knisterten. Durchweg sind die Drehbücher auf Überdramatik abonniert, für die Schöllacks kommt es nun dicke: Mutter Caterina gerät an Heiligabend unter den Bus und kann sich fortan nur mit Stahlkorsett aufrecht halten. Ihre frühere Affäre Fritz Assmann (Uwe Ochsenknecht) spielt wieder eine Rolle. Da man für den Mauerbau, den ja schon „Charité“ bespielt hat, zwei Jahre zu spät kommt, sind historische Fluchtpunkte nun der Besuch Kennedys und der deutsche Vorentscheid zum „Grand Prix Eurovision de la Chanson“.

Für jede der drei Töchter kommt es schlimm. Sie lavieren zwischen Anpassung und Aufbruch. Statt hier aber die Parallele zur Zeitgeschichte zu ziehen, spielt sich diese Entwicklung weitgehend im Privaten ab oder wird kriminalistisch heikel. Monika hat eine Fehlgeburt, die Joachim völlig aus der Bahn wirft. Während sie zur Musik zurückfindet und mit der Chansonniere Hannelore Lay (Helen Schneider) neue Kompositionswege beschreitet, hadert er mit seinem verstorbenen Rüstungsindustriellenvater. Hier deutet sich der Achtundsechziger-Konflikt an, wird aber nicht politisch, sondern als Zeichen der psychischen Erkrankung Joachims individualisiert. Helga tanzt sich in Amandos Bett, während ihr homosexueller Mann Wolfgang wegen des Suizids eines jungen Mannes in Haft verzweifelt und eine dramatische Entscheidung trifft. Freddys neue Kellerbar wird von Antisemiten verwüstet. Die Handlung um Eva und ihr vorläufiges Ende in einer Zelle wirkt wie eine emanzipatorische Verlegenheitslösung, bei der Mutter Caterina vor Gericht ihren theatralischen Auftritt hat.

Einige gelungene Szenen zeigen, dass aus „Ku’damm 63“ mehr hätte werden können. Insbesondere der Schlagabtausch zwischen Hannelore Lay, die ins kalifornische Exil gegangen war, „um nicht für Goebbels singen zu müssen“, und Caterina, die die nachkriegsdeutsche Litanei von den Opfern der im Land Gebliebenen herbetet, ist ein Höhepunkt. In Freddys Beatschuppen ist immer noch eine Menge Stimmung, die Verzweiflung des Holocaust-Überlebenden weicht neuem Mitwirkungswillen. Jedenfalls an der Zukunft von Monika und der gemeinsamen Tochter. Das Hakenkreuz, das die Antisemiten auf den Boden seines Clubs gemalt haben, überdeckt er mit einem Teppich. Damit die Tanzenden darauf herumtrampeln, heißt es. Einmal wird kurz von Prozessen geredet, die in Frankfurt vorbereitet werden. Möglicherweise wird man den Weg der Schöllacks in „Ku’damm 68“ weiter begleiten können. Dann soll es politischer sein. Als Zwischenstation des restaurativen Zeitgeists wird „Ku’damm 63“ dadurch nicht besser.

Ku‘damm 63 beginnt am Sonntag um 20.15 Uhr im ZDF.

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