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„Kritischer Journalismus“ bei der „taz“ : Die falschen Fragen

Hat einen ganz eigenen Begriff von „kritischem Journalismus“: „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl Bild: Daniel Pilar

Die „taz“ will mit Philipp Rösler über „Hass“ reden. Der FDP-Chef zieht das Interview zurück, das Blatt druckt nur die Fragen. Wer sie liest, kann Rösler verstehen. Währenddessen stellt die Chefredakteurin einen Redakteur kalt. Der hatte falsche Fragen gestellt.

          „Warum werden Sie gehasst?“ „Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland?“ „Sind Sie als Kind deswegen diskriminiert worden?“ „Würden Sie sich selbst als Migrant bezeichnen?“ „In Niedersachsen, wo Sie herkommen, wurden Sie häufig als ,der Chinese’ bezeichnet. Ist das aus Ihrer Sicht Ausdruck von Hass oder Ressentiment?“ „Sie bekommen immer wieder Hassmails. Weil Sie FDP-Chef sind? Oder weil man Ihnen Ihre nichtdeutschen Wurzeln ansieht?“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das sind ein paar der Fragen, welche die „taz“ dem FDP-Vorsitzenden und Vizekanzler Philipp Rösler gestellt hat. In einem Interview, das zwar Ende August geführt, von Rösler aber hernach nicht freigegeben wurde. Also hat die „taz“ vor zwei Tagen nur die Fragen veröffentlicht und an den Stellen, an denen Röslers Antworten hätten stehen sollen, Weißraum gelassen. Vor der Interviewseite findet sich sogar eine ganze Seite Weißraum, nur mit zwei Anführungszeichen.

          Wer hat sich skandalös verhalten?

          Die „taz“ wollte also mit „Philipp Rösler über Hass“ reden. Der FDP-Vorsitzende wollte das offenbar nicht. Zumindest nicht im Nachhinein. Und das wiederum ruft Ines Pohl, die Chefredakteurin der „taz“, auf den Plan. Im Blog ihres Blattes schreibt sie von einem „Interview, das im Wahlkampf schädlich zu sein scheint“, und schildert, wie die FDP-Pressestelle das Interview zu verändern suchte und Rösler es schließlich ganz zurückzog. Sie hält das offenbar für einen Skandal.

          Viele Leser hingegen scheinen eher das Verhalten der „taz“ und ihrer Chefin für einen Skandal zu halten. So lesen sich jedenfalls die meisten Zuschriften zum Blog, die sich zu einem veritablen Shitstorm entwickelt haben. Die „taz“-Chefin nimmt für ihre Kolleginnen, die das Gespräch führten, in Anspruch, sie hätten über Rassismus und Ressentiments reden wollen, vorgeworfen wird den „taz“-Journalistinnen, sie hätten respektlos oder gar rassistisch gefragt. Das findet auch Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung, der im „taz“-Hausblog sagt, er wäre an Röslers Stelle mitten im Interview rausgegangen: „Ich hätte es an seiner Stelle auch nicht zum Abdruck freigegeben, weil ich manche Fragen schlicht als unverschämt empfinde. Da ist für mich die Grenze dessen, was sich Leute zumuten lassen müssen, erreicht. Wer mit Menschen arbeitet, die von Rassismus betroffen sind, der weiß, dass das zu Retraumatisierungen führt. Ich habe viel mit Menschen zu tun, die damit alltäglich konfrontiert sind, die es einfach satthaben und frustriert sind.“

          So viel Hass in einem Interview war selten

          Wenn man die Fragen der „taz“ hintereinanderweg liest, mag man Reinfranks Eindruck teilen. Allein die Penetranz, mit welcher die Interviewerinnen die Vokabel „Hass“ verwenden, ist mehr als befremdlich. Sie fragen nicht nur ein um das andere Mal nach dem „Hass“, dem Rösler persönlich, als Politiker, auch in seiner Partei ausgesetzt sei, nach „Bambus“-Anspielungen des Parteifreundes Rainer Brüderle. Auch zur FDP selbst fällt das Stichwort „Hass“: „Traditionell wichtigstes FDP-Thema sind die Steuern. Dafür wird die Partei gewählt, aber auch gehasst. Können Sie das nachvollziehen?“

          So viel Hass in einem Interview war selten. Und man kann verstehen, dass dies der FDP-Pressestelle übel aufstieß und der Pressesprecher Peter Blechschmidt sagt, man sei mit dem Interview in diesem Duktus nicht einverstanden gewesen. Das Gespräch sei unter dem Stichwort „Hass“ auch nicht angefragt worden. Ines Pohl schreibt, sie hätten das Thema „Hass im Wahlkampf“ ausdrücklich vorgeschlagen.

          Viel Wind um Interviews, aus denen nichts wird

          Unabhängig von der Fragwürdigkeit der „taz“-Fragestellung gilt: Wenn einem eine solche Zurückweisung als Journalist mit einem Interview widerfährt, sollte man auf seinem Standpunkt bestehen, gesagt ist schließlich gesagt, oder die Sache von sich aus in den Wind schießen. Das ist Alltagsgeschäft. Überflüssig, peinlich und angesichts der persönlich peinigenden Fragen abenteuerlich ist jedoch die Heldenpose, in die sich die „taz“-Chefin Ines Pohl wirft. Vor zehn Jahren, damals noch unter der Chefredakteurin Bascha Mika, hat die „taz“ das schon einmal exerziert. Damals ging es um ein Interview mit Olaf Scholz, seinerzeit Generalsekretär der SPD, um das es Streit gab und das die „taz“ dann mit lauter Schwärzungen brachte, um auf die vorgeblich skandalöse Praxis der Autorisierung von Wortlautinterviews aufmerksam zu machen. Sogar eine Tagung veranstaltete das Blatt hernach in Berlin, mit Politikern und Journalisten. Heraus kam dabei nichts. Nicht jeder macht so viel Wind um Interviews, aus denen nichts wird. Man macht Interviews, oder man macht sie nicht.

          Noch unangenehmer wird die Selbststilisierung der „taz“ und ihrer Chefin, wenn man sieht, wie andere im Blatt wegkommen. Mit der Grünen-Chefin Claudia Roth etwa sprach die „taz“ über das Thema „Spießigkeit“. Die Grünen als „Spießerpartei“ - das war ein Elfmeter, den Claudia Roth verwandeln musste. Was sie mit der ihr eigenen Verve auch tat.

          Eine ganz eigene Themenkonjunktur

          Nicht gefragt wurde sie jedoch nach einem Thema, das - um Ines Pohl zu zitieren - „im Wahlkampf schädlich zu sein scheint“: die Pädophilen und deren Einfluss auf die Gründungsgeneration der Grünen, der unter anderem dazu führte, dass sich im Grundsatzprogramm der Grünen 1980 die Forderung fand, pädophile Handlungen zu legalisieren. In das Programm der Grünen zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 1985 wurde ein Papier aufgenommen, das die These verfolgte, jede Form von „gewaltfreiem“ Sexualverkehr müsse straffrei bleiben, auch der zwischen Kindern und Erwachsenen. Der Skandal, den die Politologen Franz Walter und Stephan Klecha im Auftrag der Grünen untersuchen, hat bekanntlich inzwischen auch die FDP und den Kinderschutzbund erreicht. Das wäre also sogar ein Thema für das Gespräch mit Rösler und dasjenige mit Roth gewesen. Aber danach wurde nicht gefragt.

          Die Themenkonjunktur der „taz“ ist unter der Chefredakteurin Ines Pohl nun mal eine ganz eigene. Einen Artikel des Redakteurs Christian Füller, der sich kritisch mit den Grünen und den Pädophilen beschäftigte und im August in der „sonntaz“ erscheinen sollte, schoss die Chefredakteurin in letzter Minute aus dem Blatt. Anschließend war davon die Rede, das Stück hätte nur zur Nachbearbeitung gehen sollen. Dabei war es fix und fertig und zur Kontrolle beim Justitiar gewesen. Inzwischen hat Ines Pohl den Autor Christian Füller ganz kaltgestellt. Bis auf weiteres, hat sie die Ressortleiter des Blattes schriftlich angewiesen, dürften „keine Texte von ihm in der taz erscheinen. Bitte sorgt dafür, dass dies nicht passiert.“ Die bis dato von dem Redakteur betreute Bildungsseite der „taz“ machen jetzt andere. Noch Fragen?

          Die Möglichkeiten von kritischem Journalismus

          Falls es Usus werde, schreibt Ines Pohl zur Causa Rösler im „taz“-Blog, dass Politiker „künftig bei Missfallen komplette Interviews sperren, schränkt dies die Möglichkeiten eines kritischen Journalismus über die Maßen ein. Deswegen haben wir uns entschlossen, das Interview ohne die Antworten zu publizieren.“

          Ob das wirklich der Grund war? Nach der von der Chefredakteurin geprägten Haltung der „taz“ zu den Grünen im Wahlkampf fragen wir bei der Gelegenheit lieber nicht. Und auch nicht nach den „journalistischen“ Maßstäben, die dort für „kritischen Journalismus“ gelten. Wer bei der „taz“ die falschen Fragen stellt, so viel scheint sich herauszukristallisieren, muss auf der Hut sein.

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