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Die letzte Ausgabe der „Spex“ : Entsetzlich exklusiv und rührend inklusiv

Die Vergangenheit ist Schwarzweiß, aber die Zukunft farblos: Cover der Spex aus dem Jahr 1980 Bild: Metrolit Verlag

Ausgerechnet jetzt, wo man immer noch nicht bereit, aber bedürftiger ist denn je: Am 27. Dezember erschien die letzte gedruckte „Spex“. Das will uns was lehren.

          In die Bahnhofsbuchhandlung gegangen und die letzte „Spex“ gekauft – Enttäuschung: Man hatte eine Art Podest erwartet. Stattdessen steht die letzte Printausgabe des „Magazins für Popkultur“ im Heft-Terrassen-Garten, Abteilung „Musik“, dritte Reihe von oben – zwischen Heften, deren Zukunft wohl ebenso auf die Gegenwart der „Spex“ hinausläuft. Kurz die Erinnerungen an alle Kinder-, Jugend- und Arbeitszimmer der vergangenen dreißig Jahre nach alten Ausgaben der „Spex“ durchsucht – und eine einzige (Erinnerung) gefunden. Die aber hatte es in sich, würde man gerne schreiben. Die Wahrheit, oder zumindest die Erinnerung daran, ist, dass das zu junge Hirn vor so viel ausgesuchter „Geilheit“ nach etwa fünf Überschriften, zwei Bandnamen und dreiundzwanzig Zeilen Text bedingungslos kapitulierte. Es blieb eine große, vielleicht verdiente, doch subjektiv unbegründete – weil kaum auf Leseerfahrung beruhende – Ehrfurcht vor diesem Heft und den Menschen, die das Internet noch im Kopf hatten und über Pop-Kultur schrieben, als hätten sie die Leute erfunden, die diese produzieren.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Und so wie es immer ist, wenn einem etwas genommen werden soll, für das man sich immer nur vor seinen Freunden interessiert hat, ist man nun, da man das gedruckte Ende in den Händen hält, aufrichtig betrübt. „Bye Spex! What’s next? – Ein letztes Heft über die Zukunft“ steht auf dem Cover. Damit fängt es schon an: Nachvorneschauen in die Ausweglosigkeit. Das Foto, das den Umschlag ziert, zeigt eine Wüste – mit einem schmalen Streifen Horizont. Die Botschaft: Hiernach braucht und wird niemand mehr über die Zukunft (der Pop-Kultur) schreiben. Was bleibt, ist dem Untergang von allem in Zeitlupe zuzusehen und sich möglichst gut zu amüsieren.

          Aber, schreibt Daniel Gerhardt, das Ende sei nicht das Ende. Wohl auch, weil niemand so recht für dieses Ende verantwortlich sein will: So habe man nach der Verkündigung desselben von „ehemaligen Recken aus den Redaktionsräumen (der Spex)“ lernen können, es habe in der „38-jährigen Magazingeschichte immer nur geile Chefredakteure gegeben, die den Dreh wirklich komplett raushatten und dann, nach getaner Geilheit, von tatsächlich noch geileren Redaktionen und Chefredakteuren abgelöst wurden“. Niemals habe irgendwer Fehler gemacht. Die abgedruckten Leserbriefe, Randbemerkungen und Anmerkungen aus 38 Jahren, die von Seite zwölf an als eine „alternative Heftgeschichtsschreibung“ fungieren, sprechen eine andere, herrlich offene Sprache. Da wirkt es, als sei die „Spex“ immer beides gewesen: entsetzlich exklusiv – „Innerhalb der Redaktion gab es Stimmen, die (...) die fragten, ob David Bowie und die Inmates nicht schon aus dem Konzept von Spex fielen?“ – und rührend inklusiv – „In eigener Sache! Wir wollen mehr Gruppen kennenlernen, die noch keine eigene Platte gemacht haben und vielleicht erst ein-, zweimal aufgetreten sind. Schickt uns bitte eure Demobänder“.

          Und nun? Nun gibt es Texte über Frustration und Abstieg in der Pop-Kritik nebst der binären, dem „Pop-Feuilleton“ zugeschriebenen Top-oder-Flop-Logik, Texte über Nostalgie, Alternativen (Offenlegung von maschineller Pop-Kultur-Synthese), Plastik, queeren Pessimismus und der Legende Clara Drechsler, Redakteurin der ersten Stunde: „Dinge, die Frauen und sensible Menschen angeblich schön finden, machen mich noch heute wahnsinnig.“ Man begibt sich auf die Spuren noch zu unternehmender Schritte, hin oder zurück zu einer „Pop-Kritik, die mehr leisten möchte, als Empfehlungen auszusprechen und Hinweisschilder aufzustellen“. Oder lohnt es sich überhaupt noch, „die gesellschaftlichen wirklich bewegenden Fragen vom Pop her zu denken“? Auf die Antwort auf diese Frage wäre man gespannt und grämt sich sogleich: Denn „Spex“ wird sie zumindest in gedruckter Form nicht mehr geben.

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