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Schwäbische Komödie im Ersten : Da geistert ein kleines Video durchs World Wide Web

Ach Kind, das wird schon: Julia (Inka Friedrich) tröstet die sitzengelassene Braut Marie (Teresa Klamert). Bild: SWR/Schwabenlandfilm/Reiner Pfis

Wer ist hier eigentlich wer? Und warum müssen die zwei sich jetzt versöhnen, um die Bankenkrise zu beenden? „Eine Hochzeit platzt selten allein“ ist eine unerwartete Herausforderung für die Zuschauer.

          Gut, denkt man, so eine ARD-Komödie am Freitagabend, wie sehr kann die einen intellektuell schon fordern? „Eine Hochzeit platzt selten allein“ spielt im fiktiven schwäbischen Örtchen Hopfingen – nicht zu verwechseln mit dem echten Ort Höpfingen im Rhein-Neckar-Kreis – zwischen Fachwerkhäusern, einer Dorfkneipe namens „Zum Lustigen Fässle“ und einer etwas deplaziert wirkenden Eisdiele. Dazu dudelt das Best of von Paolo Conte. So weit, so übersichtlich. Und dann tauchen innerhalb weniger Minuten lauter lose zusammenhängende Figuren auf, die alle gefühlt gleich heißen und von den anderen auch stets mit Nachnamen genannt werden: der Bühler, der Kemmler, der Dillinger, der Schwegler, der Schnellinger, der Breitenreiter. Vielleicht entwickelt man einen feineren Filter für diese Namen, wenn man in Schwaben oder Bayern aufwächst. Alle anderen müssen bei diesem Film von Lancelot von Naso tatsächlich aufpassen. Oder den Plot einfach entspannt über sich hinweggleiten lassen, das bietet sich bei solchen Filmen ja ohnehin an.

          Julia Bähr

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Sache beginnt jedenfalls gleich dramatisch: Marie (Teresa Klamert) fährt heulend im Brautkleid zur Burg oberhalb des Ortes und droht, sich umzubringen, weil ihr Verlobter sie kurz vor der Hochzeit sitzengelassen hat. Ihre ehemalige (und offenbar noch immer amtierende) Babysitterin Julia (Inka Friedrich) fährt mit ihrer Tochter Lea (Ella Lee) hinterher, um Marie von den Zinnen der Burg zu pflücken. Dort kommt es zum ersten Showdown. Marie verkündet ihre Schwangerschaft, und ihr herbeigeeilter Vater, der Schwegler (Ludger Pistor), wütet sofort gegen den Ex-Verlobten: „Die Dillingers lassen immer ihre Frauen im Stich, wenn’s drauf ankommt!“

          Es fehlt Geld in der Kasse

          Der Vater vom Dillinger-Daniel, also der alte Dillinger, auch genannt der Bierdillinger (sehen Sie, es geht schon los), ist ebenfalls gegen die Hochzeit. Die Liebesgeschichte ist allerdings etwas unsinnig verfahren, der Bräutigam weiß gar nicht, dass er Schluss gemacht haben soll, er möchte Marie immer noch heiraten, und auch ansonsten fragt man sich, wie viel er von seiner Umgebung eigentlich so mitkriegt. Jedenfalls genügt das nicht für einen ganzen Film, es muss etwas Größeres her. Eine Bankenkrise! Also ist Julias Vater (Peter Lerchbaumer) eben der Seniorchef der Bank Unterhopfingen, eines kleinen gallischen Dorfes der Branche, „das bei diesem ganzen Milliarden-Monopoly nicht mitmacht“. Ganz im Gegensatz zur Bank, die Maries Vater, Sie erinnern sich, der Schwegler, leitet. Hier ist das Drehbuch ungewohnt subtil: Wenn der große, turbokapitalistische Player „Volkskasse“ heißt, ist das ein klares Zeichen dafür, dass die Sache in der tiefsten Provinz spielt.

          Aber auch die Bank Unterhopfingen hat Ärger. Mitarbeiter Andreas (Oliver Wnuk), der sich gerade angeschickt hat, sowohl den Chefposten als auch das Bett von Julia nach freundlicher Übernahme zu besetzen, hat ohne Kreditvertrag Geld verliehen, und das fehlt jetzt in der Kasse. Der Breitenreiter, auch genannt Hopfendieter, kann es aber gerade nicht zurückzahlen. Also versucht die Hälfte des Ensembles, es irgendwo aufzutreiben. Die andere Hälfte steckt mit der Volkskasse in Schwierigkeiten, weil Lea eine Schlägerei zwischen dem Vater der Braut und dem Vater des Bräutigams in der Bank gefilmt hat, bei der der Schwegler dem Bierdillinger kein Geld auszahlen will – aus reiner, aufrichtiger Feindschaft, aber da Lea das Ganze filmt und online lädt, fürchten plötzlich alle Kunden, die Volkskasse wolle niemandem mehr sein Geld zurückgeben. Voilà: eine kleine Bankenkrise.

          Wegen dieses Videos wird Lea von einem Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums (Herbert Knaup) befragt. Er wittert eine Verschwörung dahinter, dabei wollte sie nur einen Jungen aus der Schule beeindrucken. In diesen Szenen stellt sich die etwas unheimliche Frage, ob die Drehbuchautoren Jürgen Werner und Christoph Sonntag sich mit dem Internet nicht auskennen oder auf genialische Weise die Formulierungen von Menschen antizipieren, für die das alles Neuland ist. Also hat Lea angeblich ein Blog mit zwölf „Followern“, an die sie das Video „losgeschickt“ hat. Dass die Vierzehnjährige selbst genau so redet, spricht für die erste Variante. Die Nachrichtensprecherin im Fernsehen sagt ernsthaft „Seit heute geistert ein kleines Video durchs World Wide Web“, und verpixelt sind darin dann nicht die Gesichter, sondern der Hintern, den der Bierdillinger seinem Erzfeind zeigt.

          Der Rest ist Stammtischgelaber darüber, ob das Geld auf der Bank einem eigentlich noch gehört. Am Ende muss sich irgendwer mit irgendwem vertragen, und das löst dann angeblich alle Probleme auf einmal, aber die Plausibilität dieser Entwicklung ließe sich nur überprüfen, indem man die mittlerweile tolstoischen Ausmaße des Filmpersonals inklusive alter Feindschaften aufmalen würde. Und dann gibt es noch eine Feier im „Lustigen Fässle“, bei der laut der Rechnung, die auf den Tisch geknallt wird, zweiunddreißig Leute innerhalb weniger Stunden 6200 Euro versoffen haben. Dass sie trotzdem noch zu wissen scheinen, wer wer ist, kann man ihnen gar nicht hoch genug anrechnen.

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