https://www.faz.net/-gqz-8w8id

„Tatort. Nachbarn“ aus Köln : Es kann der Frömmste nicht in Frieden sterben

Es läuft nicht gut zwischen Anne (Birge Schade) und Frank Möbius – das wird schon mal mit einer Milchdusche ausagiert. Bild: WDR/Martin Menke

Das echte Grauen wohnt in der Vorstadtsiedlung: Im „Tatort. Nachbarn“ finden die Kölner Kommissare mehr als eine Leiche in scheinbar aufgeräumten Kellern.

          2 Min.

          Der Auftakt hat Dampf. Das hat allerdings vor allem mit Pharrell Williams’ Mantra-Ohrwurm „Happy“ zu tun. Er untermalt eine Schnittcollage mit ordentlich Tempo. Es gibt Luftballons, Konfetti, Sonnenschein, Party, Gartenidyll und sogar Cheerleader. Der Prolog kommt daher wie ein Musikvideo. Er dient als Kontrastmittel für das, was in den folgenden anderthalb Stunden im Kölner „Tatort“ passieren wird – Mord unter Nachbarn. Und weil es so schön klingt, ertönt die Musik wieder und wieder. Das soll schocken. Derweil erinnert der Titel „Nachbarn“ – bildschirmfüllend in Karminrot eingeblendet – daran, dass das echte Grauen in der Vorstadtsiedlung wohnt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Dorthin führt die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) ihr Fall: Die Leiche eines Mannes wurde von einer Brücke auf die Straße geworfen. Der Gerichtsmediziner Joseph Roth (Joe Bausch) kommentiert das mit dem schlechten Witz: „Alles Gute kommt von oben.“ Die beiden Kommissare zeigen sich wenig schlagfertiger, auch sie sind vom Drehbuch schon mal mit besserem Text versorgt worden. Aber schließlich geht es in dieser Folge um jene Dinge, die nicht zur Sprache kommen.

          Das Haus des Opfers, Werner Holtkamp (Uwe Freyer), ist eines von vielen identischen, in Reihe geschalteten Einfamiliendomizilen: Satteldach, weißer Putz, Zypressen im Garten. Schnell stellt sich heraus, dass Holtkamp, bevor man seinen Körper von der Brücke stieß, mit einer Nachttischlampe erschlagen wurde. Dabei sollte es wie Selbstmord aussehen.

          Das Ermittlerduo pendelt im Folgenden zwischen Büro und Siedlung hin und her und lernt die lieben Nachbarn kennen. Da sind die Voigts: Vater Leo (Werner Wölbern), Adoptivtochter Sandra (Claudia Eisinger) und deren Tochter Mira (Lena Meyer). Im Alltag spornt Voigt seine Enkelin auf dem Sportplatz zu Höchstleistungen an, während Sandra zu Hause Wäsche aufhängt. Die Familie Scholten – Jens (Florian Panzner), Ehefrau Hella (Julia Brendler) und Tochter Paulina (Lilli Lacher) – wirkt wie aus dem Ikea-Katalog gefallen, da scheint alles am rechten Platz, vom High-End-Plattenspieler bis zum Gasgrill. Nur das Ehepaar Möbius ist auffällig. Anne Möbius (Birge Schade) ist ein von ihrem Mann Frank (Stephan Grossmann) vernachlässigter Vamp. Im hellerleuchteten Wohnzimmer legt sie, mit reichlich Martini intus, im Bademantel zu Bruce Springsteens „Hungry Heart“ einen Ausdruckstanz hin, sehr zur Freude der beiden Ermittler. Ihr Mann ist Druckmaschinen-Vertreter, daheim kümmert er sich nur um seine Bartagamen (zwei mittelgroße Echsen); das Einkehrlokal seiner Wahl trägt den Namen „Poison“.

          Die Verstrickungen zwischen dem Opfer und den Nachbarn sind mannigfaltig. Der Regisseur Torsten C. Fischer und der Drehbuchautor Christoph Wortberg sorgen für reichlich Episoden, die dem Unheimlichen hinter der idyllischen Fassade Ausdruck verleihen, übertreiben es dabei allerdings auch. So erzählen sich die beiden Kinder – Mira und Paulina – Gruselgeschichten von einer weißen Fee, während aufgehängte Tierknochen in Baumästen klappern und sich eine Puppenmaske im Wind dreht.

          Als Zuschauer hat man vor allem damit zu tun, die Querverbindungen zwischen den Figuren zu sortieren. Der Fall an sich gerät außer Sicht. Am Ende ist alles so abgründig, dass es verwundert, wie die beiden ewig überraschten Kommissare – die stets wirken, als hätten sie ihre Klamotten vertauscht – den Fall mehr durch freies Assoziieren als durch handfeste Recherche lösen. Wie heißt es so schön in dem Song „Happy“? „Happiness is the truth.“ Von Glück oder Glückseligkeit kann hier freilich keine Rede sein.

          Weitere Themen

          Von Schranken und Wänden

          Ostkreuz sieht Europa : Von Schranken und Wänden

          Drang nach Abschottung und Sehnsucht nach Gemeinschaft: Eine Berliner Ausstellung des Fotografenkollektivs Ostkreuz zeigt Europa als widersprüchlichen Kontinent.

          Topmeldungen

          Trump beim Spatenstich mit Foxconn-Vertretern

          Foxconn-Fabrik in Wisconsin : Trump und sein „achtes Weltwunder“

          Amerikas Präsident inszeniert sich gerne als Retter der Industrie. Ein einstiges Vorzeigeprojekt mit Foxconn im Rostgürtel droht nun aber zu scheitern. Auf Trumps Wirtschaftspolitik wirft das ein wenig schmeichelhaftes Licht.
          Passanten mit Mund- und Nasenschutz in Berlins Tauentzienstraße

          Auf Cluster schauen : Zeit für einen Strategiewechsel gegen Corona?

          Viele Gesundheitsämter sind immer noch darauf konzentriert, Einzelkontakte nachzuverfolgen. Die Verbandschefin der Ärzte im Öffentlichen Dienst will einen anderen Weg gehen und Infektionscluster in den Blick nehmen.
          Wieder kein Sieg: Kölns Dimitris Limnios kann es nicht fassen.

          1:1 in Stuttgart : Kölner Sieglos-Serie hält

          Der 1. FC Köln gewinnt schon wieder nicht. Beim starken Aufsteiger VfB Stuttgart zeigt das Team von Trainer Markus Gisdol aber immerhin Moral. Nach einem Blitztor der Gastgeber hilft ein Elfmeterpfiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.