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Schweizer „Tatort“ : Kinder aus Grosny

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Im „Tatort: Kriegssplitter“ sucht Reto Flückiger (Stefan Gubser), hier bei der Verhaftung eines Verdächtigen, nach einem tschetschenischen Kriegsverbrecher. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Der Schweizer „Tatort“ rollt den Tschetschenien-Konflikt und dessen Folgen auf. Ein Kriegsverbrecher lebt unter falschem Namen in Luzern. Bislang blieb er unentdeckt. Doch das ändert sich.

          Unter den islamistischen Terroristen, die im Oktober 2002 im Moskauer Dubrowka-Theater 700 Geiseln nahmen, waren auch Frauen. Sie hatten bei russischen Säuberungsaktionen in Tschetschenien zuvor Vater, Brüder und andere Verwandte verloren. Auch bei der Stürmung einer Schule in Beslan 2004 durch tschetschenische Terroristen beteiligten sich sogenannte „Schwarze Witwen“, nahmen 1100 Menschen, vorwiegend Kinder, gefangen. Allein 129 zivile tote Geiseln in Moskau, 300 in Beslan: Das ist die Bilanz der jeweiligen umstrittenen Stürmung des Ortes durch russische Einsatzkräfte.

          Die Geiselnahmen mögen im öffentlichen Gedächtnis vergleichsweise präsent sein. Anderes ist im Nachrichtenfluss untergegangen: Die Rolle der „Schwarzen Witwen“ beispielsweise, zum Teil junge Frauen und Mütter, die sich von separatistischen Kommandanten anwerben, als Selbstmordattentäterinnen ausbilden und in den Tod schicken ließen. Auch Kriegsfolgen haben eine eigene Konjunkturkurve, sie ist eng verknüpft mit dem sonstigen Nachrichtenangebot. Alle Welt schaut zurzeit nach Syrien. Schaut noch jemand auf die Folgen des „Tschetschenienkonflikts“?

          Ja. Zum Beispiel Stefan Brunner und Lorenz Langenegger (Buch) und Tobias Ineichen (Regie), die in diesem Themen-„Tatort“ konzentriert und pointiert die fiktionale Aufspürung eines tschetschenischen Kriegsverbrechers namens Ruslan Abaev (Jevgenij Sitochin), der seit Jahren unter falschem Namen in Luzern unbehelligt seine Flaschen zum Glascontainer trägt, durchspielen. Ohne langes Drumherumgerede veranschaulicht „Kriegssplitter“ seine Positionen: Die Trennlinie zwischen Widerstandskämpfer und Terrorist kann man einigermaßen sauber ziehen, sie ist nicht bloß eine Frage der politischen und nationalen Perspektive. Der Krieg und seine Folgen zerstören das Leben von Kindern und Kindeskindern, selbst wenn sie sich in der neutralen Schweiz ein neues Leben aufbauen konnten.

          Was willst Du mit der Waffe? Laura Balsiger (Magdalena Neuhaus, rechts) entdeckt, was ihre Schwägerin Nura Achmadova (Yelena Tronina) im Gepäck hat.

          Die „Schwarzen Witwen“ hatten nicht selten Kinder – im „Tatort“ sind es die Zwillinge Nura Achmadova (Yelena Tronina) und Nurali Balsiger (Joel Basman): Sie sind in Grosny unter bedrückenden Umständen aufgewachsen, er früh schon von Schweizer Eltern adoptiert. Nura aber, mit Schleppern nach Luzern gelangt, trachtet nun ihrem untergetauchten Onkel, dem Kriegsverbrecher, nach dem Leben.

          Fahnder wider Willen

          Nurali dagegen lebt mit seiner jungen Frau Laura (Magdalena Neuhaus) und Baby nahezu spießbürgerlich und arbeitet in einer Versicherung. Gegen seinen Willen wird er in die Jagd nach dem gesuchten Kriegsverbrecher hineingezogen. Er wird zum Zentrum der Politthriller-Geschichte, in der die Polizisten Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) den anderen Mitspielern fast immer den einen entscheidenden Schritt hinterher sind.

          Zu Beginn wird ein investigativer Journalist aus einem Hotelfenster gestoßen. Zwei Sekunden freier Fall führen an dem Balkon vorbei, auf dem Kommissar Flückiger und die verheiratete Eveline (Brigitte Beyeler) gerade ihr Schäferstündchen genießen. Nicht nur der flüchtende Täter setzt Flückiger zu. Seine heimliche Beziehung will was Festes. Im entscheidenden Moment besucht er sie zur Aussprache und verpasst den untergetauchten Kriegsverbrecher. Hinter diesem sind inzwischen auch ein Killer und der russische Botschafter Koslow (Ivan Shvedoff) her. Nura spürt indessen Ena Abaev (Natalia Bobyleva) auf, die die Exfrau des gesuchten Mannes zu sein scheint. Wer kriegt ihn zuerst?

          Neben all den „Tatort“-Weiterentwicklungen, die das Format seit geraumer Zeit formal experimentierend, durch inhaltlichen Dreh ins Komische oder Absurde, durch Gewaltorgien und durch immer neue Kommissarspaarungen am Leben halten sollen, wirkt der Schweizer „Tatort“ mit „Kriegssplitter“ nicht retro, sondern solide klassisch. Vor allem relevant (Musik Fabian Römer, Kamera Michael Saxer). Für eine Debatte über Flüchtlingspolitik eignet sich sein Aufriss nicht, wohl aber für eine Diskussion darüber, was vermeintlich weit entferntes Kriegsgeschehen mitten unter uns anrichten kann.

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