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Kroatien-Krimi im Ersten : Komm, Schatz, lass uns segeln gehen

Pittoreske Landschaft und der ein oder andere Mordfall: Hier ermitteln die neuen TV-Kommissare der ARD. Bild: ARD Degeto/Erika Hauri

Deutschlands Fernseh-Kommissare ermitteln inzwischen in der ganzen Welt, jetzt legen sie auch in Split an: Die neue Reihe „Kroatien-Krimi“ könnte interessant werden.

          3 Min.

          Deutschland ist zu klein für all die Krimis, die bei uns im Fernsehen laufen. „Tatort“ und „Polizeiruf“ klappern die Großstädte ab und gehen aufs Land, wo die ZDF-Krimis längst sind, von der Waterkant bis nach Oberbayern. Und auch der Export läuft blendend: Venedig ist Krimistandort alter Schule, Triest kam hinzu, die Bretagne, Skandinavien, Istanbul, Tel Aviv, und jetzt - eröffnet eine Dependance des Ersten in Kroatien. Damit jeder weiß, wo das spielt, heißt die neue Serie auch gleich so: „Der Kroatien-Krimi“, und die exakte Verortung findet sich im Titel der ersten Episode: „Der Teufel von Split“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Mit diesem bekommen es die Kommissarin Branka Marić (Neda Rahmanian) und ihre beiden Kollegen Emil Perica (Lenn Kudrjawizki) und Borko Vucević (Kasem Hoxha) zu tun. Zunächst aber müssen sie ihr Verhältnis untereinander klären, geht es doch um die Frage: Wer wird neuer Chef? Branka oder Emil? Branka sicherlich nicht, bedeutet ihr Förderer und Dezernatschef Tomislav Kovacić (Max Herbrechter) und - schlägt sie dann doch vor. Bossy war Branka Marić ihren beiden Mitermittlern gegenüber offenbar schon immer, kaum dass sie befördert wurde, kommen ihr die Kommandos geschmeidig über die Lippen, verbunden mit der Frage, ob die Herren ein Problem damit hätten. Haben sie natürlich nicht, und haben sie selbstverständlich doch. Der Ältestenrat des Dezernats - eine Runde schwerhöriger Mummelgreise - hadert auf jeden Fall mit der Kommissarin, die wenig Lust zeigt, der Altherrenrunde die Fortschritte der Ermittlungen zu schildern, auch wenn binnen zwei Tagen drei Menschen ermordet worden sind. Sie hat Wichtigeres zu tun.

          In der Gerichtsmedizin, die von der Pathologin Vera (Katja Studt) geleitet wird, mit der Branka Marić immer erst mal einen Kurzen kippt, bevor es zur Leichenschau geht, liegen die Mordopfer: ein abgewirtschafteter Trinker und Spieler, der Chef der Baubehörde von Split und dessen wesentlich jüngere Frau. Die beiden Männer waren im Jugoslawien-Krieg in derselben Einheit. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Morde etwas damit zu tun haben könnten. Späte Rache für Kriegsverbrechen? Das einzig überlebende Mitglied der Truppe, der Bauunternehmer Jerko Novak (Ralph Herforth), stützt die These. Das erste Mordopfer, Ante Remić, damals Offizier der kroatischen Armee, habe Dreck am Stecken gehabt - er sei „der Teufel von Split“ gewesen.

          Clever mit großer Klappe

          Dass es genauso nicht war und nicht ist, dämmert dem halbwegs routinierten Krimizuschauer gleich. Was an Verwicklungen folgt, ebenfalls. Und nicht nur Plot und Dramaturgie, auch die Figurenkonstellation kommt einem bekannt vor. Es riecht ein wenig nach dem „Tatort“ aus Hamburg. Branka Marić wirkt wie die kleine Schwester des unter Dauerfeuer stehenden LKA-Panzerfaust-Ermittlers Nick Tschiller. Sie ist clever, hat eine große Klappe, für die Hierarchie und Förmlichkeiten nichts übrig, wartet nicht auf einen Durchsuchungsbeschluss, schlägt sich durch und hat für die Stunden nach Dienstschluss zwei Liebhaber. Der eine, der Pilot Kai (Andreas Guenther), fliegt und ist günstigerweise wochenlang weg. Der andere, Lado Trifunović (Aleksandar Jovanovic), segelt und scheint sich seinen Seglerunterhalt durch Aktivitäten zu finanzieren, welche ein Fall für die Polizei wären - stünde er Branca Marić nicht stets in entscheidenden Momenten zur Seite. Ein Familienmensch ist die Kommissarin obendrein. Ihrer Mutter kann sie nichts recht machen, ihr Bruder Pavel, ein berühmter Handballspieler, schläft bei ihr seinen Rausch aus, und der älteste Bruder Marin (Goran Navojec) soll im Krieg ums Leben gekommen sein. Er diente in ebenjener Einheit wie alle anderen, die in der ersten Episode des „Kroatien-Krimis“ eine Rolle spielen.

          Ausgedacht hat sich das der Drehbuchautor Christoph Darnstädt, der seit fünfundzwanzig Jahren im Geschäft und ein Krimi-Routinier ist und den Hamburger „Tatort“ mit Til Schweiger und Fahri Yardim mitentwickelt hat. Regie führt Michael Kreindl, der in allen Fernsehfilmspielarten zu Hause ist und im Krimifach schon alles gemacht hat, Klassiker wie „Ein Fall für zwei“ oder „Der Alte“; Action („Alarm für Cobra 11“) und die komödiantische Variante („Der Cop und der Snob“, „Josephine Klick - Allein unter Cops“).

          Die Damen und Herren, die an dem neuen „Kroatien-Krimi“ der ARD mitwirken (die ARD-Redakteure Barbara Süßmann und Sascha Schwingel nicht zu vergessen), sind also wirklich vom Fach. Sie machen auch keine Fehler, aber etwas Besonderes nun auch wieder nicht. Dass eine Frau im Job ihren Mann steht, spiegelt sich im Fernsehprogramm seit Jahren; dass man sich zwecks historischen Lokalkolorits bei der jüngeren Kriegsvergangenheit im ehemaligen Jugoslawien bedient, ist naheliegend; und dass wir über die Hauptfigur alles in allen Facetten erfahren, während im Hintergrund Ermittlungsroutine vor herrlicher Landschaft gezeigt wird (Kamera Stefan Spreer), ist ebenso Standard wie all die Dialoge, die man schon im Schlaf mitsprechen kann: „Er ist seit höchstens einer Stunde tot - noch kein Rigor.“ „Glaub mir, das war Raubmord, ich hab’s im Urin.“

          Hinzu kommt die Besonderheit der öffentlich-rechtlichen Exportkrimis: Sie bedienen sich anderer Herren Länder Leute, Kultur, Geschichte und Landschaft, um Geschichten wie von nebenan zu drehen, in denen man sich heimisch fühlt. Sie sind das „Traumschiff“ im Krimiformat, in dem alle perfekt hochdeutsch sprechen und jemand mit Akzent - wie der waschecht kroatische Ermittler Borko Vucević nur auffällt, weil er aus der Reihe fällt. Doch aus der Reihe fällt hier am ehesten die Hauptdarstellerin Neda Rahmanian, die im Fernsehen noch nicht zu den Etablierten zählt. Ihre Figur erhält freilich erst zum Ende der ersten Episode so viel Tiefe, dass man sich denkt: Das könnte noch interessant werden. Es könnte aber auch sein, dass es so weitergeht wie mit vielen Hauptabendkrimis: Man guckt sie so weg.

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