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Provinzposse um eine Hütte : Wem soll es gehören?

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Die Hütte von Andreas Geiger steht zwischen den Welten – das Landgericht muss entscheiden. Bild: © SWR/Eikon Media

In Donzdorf hat eigentlich jeder eine Hütte – die des Filmemachers Andreas Geiger steht aber auf einer Grundstücksgrenze. Den Streit um sie hat er im Dokumentarfilm „Halbe Hütte“ eingefangen.

          Über seine Heimatverbundenheit hat sich Andreas Geiger wenig Gedanken gemacht, bis ihm sein Vater eine Wiese und eine Hütte am Rand der Schwäbischen Alb überschrieb. Eigentlich kein sonderlich wertvoller Besitz. Im Verlauf einer nachbarschaftlichen Auseinandersetzung um den einfachen Holzverschlag zur Aufbewahrung von ausgedienten Landmaschinen aber entdeckt der Filmautor nicht nur seinen Kampfgeist, sondern auch seine Wurzeln neu.

          Manches Mal braucht es ja Gegner, um die eigene Position zu stärken. Jedenfalls hat im Dorf Donzdorf eigentlich jeder eine Hütte. Genau wie ein Stück Land. Die Liebe zur Scholle will gepflegt sein wie die makellosen Vorgärten, in denen der Chemiekeulenkrieg gegen den Buchsbaumzünsler in vollem Gang ist. Hüttenlos heißt im Schwabenland heimatlos, heißt geschichtslos – das entdeckt Geiger für sich. Die einfache Balkenkonstruktion mit Dach errichtete der Großvater 1937 auf der Schinderwasen, bevor er in den Krieg zog und nie wiederkam. Die Wiese, ein Filetstück mit wundervoller Aussicht. Die Hütte darauf, so zeigt es der Verlauf der vom Autor selbst erzählten und erlebten Provinzgeschichte „Halbe Hütte“ (Arte/SWR), besteht aus lauter mit Sentimentalität aufgeladenen Balken, auch wenn sie inzwischen vor sich hin modern. Eigentum verpflichtet.

          In diesem Fall zum Rechtsstreit mit possenhaften Zügen, die den Bürgermeister, das Bauamt, Amts- und Landgericht, die Donzdorfer und den Übeltäter, einen unbekannten reichen Käufer des Dorfwaldes und der Jagdliegenschaften, mit entsprechender Anwaltshilfe in Stellung bringt. Geigers Hütte, stellt sich heraus, entstand nicht nur ohne Baugenehmigung, aber nach Polizeiverordnung, sondern steht zu zwei Dritteln auf dem Grund des Mannes, der der Gemeinde den Wald und ausgedehnte Ländereien vor Jahresfrist – im merkwürdig abgekürzten Schnellverfahren, so wird es hier zumindest suggeriert – abgekauft hat. Die Schinderwasen liegt mittendrin und weckt Begehrlichkeiten. Vermessen wurde, sagt man im Dorf, erst nach Kaufabschluss. Der neue Zweidrittelbesitzer lässt sich allerhand einfallen, um Geiger die Lust an seiner Hütte zu verleiden. Auch mit öffentlichen Wegerechten geht er kreativ um. Haufenweise Geld habe er in Hongkong gemacht, die Gemeinde brauchte die Mittel dringend für eine Umgehungsstraße.

          Pech gehabt. Das Gericht entscheidet nach Rechtslage eindeutig, die Verkündung begleitet Kopfschütteln des Amtsschimmels. Gernot, der Donzdorfer Heimatforscher, bezieht Stellung, so auch Margret, die lokale Architektin. Der Bürgermeister und der Bauamtsleiter monieren notwendige Sicherungsmaßnahmen. Abreißen dürfte Geiger aber nur sein Drittel. Lager und Geschützlinien sind klar bezeichnet.

          Dass der Streit um die Schinderwasen-Hütte so oder ähnlich etwa auch in Berlin stattfinden könnte und der Weg zu „Entmietungs“-Szenarien wie im preisgekrönten Dokumentarfilm „Betongold“ nicht weit ist, liegt auf der Hand. Immobilienbesitz, und sei er noch so winzig, ist hierzulande ein unerschöpfliches Streitthema. Nimmt man einschlägige (Groß-)Investorengeschichten hinzu, wird das Thema so plastisch wie unerschöpflich. Wenn selbst im weiteren Stuttgarter Umland der Ausverkauf des Grund und Bodens stattfindet, dann steht es schlecht um unser aller Gemeinwesen. So sieht es zumindest „Halbe Hütte“, ein Film, der keine objektiv-sachliche Dokumentation unternimmt, sondern die grotesk-absurde Zuspitzung sucht. Die ironisch gefärbte moderne Blasmusik zur Eröffnung des Schlachtfelds bestimmt den Fortgang. Dass der Schwabe nicht nur ein ordnungsliebender, sondern auch ein listiger Zeitgenosse sein kann, sieht man an der verblüffenden Schlusswendung von „Halbe Hütte“. Was Werner Meier von der Kunsthalle Göppingen und der Künstler Thomas Putze damit zu tun haben, sehe man selbst und staune nicht schlecht.

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