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Krimiserie „Lava“ auf Arte : Niemand ist so heiß wie ein Vulkan

  • -Aktualisiert am

Umwerfende Ermittlungen: Helgi Runarssonan (Björn Hlynur Haraldsson) setzt auf der Suche nach seiner Tochter sein Leben aufs Spiel. Bild: © Víðir Sigurðsson

Wo es brodelt: In der vierteiligen Krimiserie „Lava“ macht uns Arte mit Island als kriminalistischem Hotspot bekannt. Erst in den letzten sechzig Minuten findet die Serie zu einem ansprechendem Tempo.

          2 Min.

          Was macht man eigentlich als Motorrad-Rocker auf Island, wenn man alle Straßen in dieser gewaltigen Landschaft mit der Maschine abgefahren und alle Spelunken besucht hat? Der kahlgeschorene, mit Rauschebart und dunklen Tätowierungen geschmückte Lederkuttenträger, der sich zu Beginn der isländischen Miniserie „Lava“ bei der Kriminalpolizei einfinden muss, weil diese Drogenschmugglern auf der Spur ist, scheint auf dumme Gedanken gekommen zu sein.

          Trotzdem hat Helgi Runarssonan (Björn Hlynur Haraldsson), der Ermittler, der ihn im Stile amerikanischer Ermittler befragt, für die Recherche nicht wirklich die Zeit. Helgi wird in die Provinz geschickt, wo sich ein Mordfall ereignet hat. Und dass die zwei Monate Berufserfahrung, die seine dortige Kollegin mitbringt, für einen Mordfall nicht reichen, versteht sich von selbst. Immerhin ist die Kollegin Gréta (Heiða Rún Sigurðardóttir) berühmt: Frauenfußball, Nationalmannschaft. Das ist ja nicht nichts.

          Auf dem Land: Helgi besucht Elín (Sólveig Arnarsdóttir), die Mutter seiner Tochter, auf der Südwesthalbinsel.
          Auf dem Land: Helgi besucht Elín (Sólveig Arnarsdóttir), die Mutter seiner Tochter, auf der Südwesthalbinsel. : Bild: © Víðir Sigurðsson

          Das Opfer, der Mann, den eine Gewehrkugel traf, ist in einer kleinen Gesellschaft wie der isländischen ebenfalls so bekannt, dass sich die Presse am Tatort postiert. Er saß im Vorstand einer Bank. Er hat ein Haus, das sich direkt in die Postkartenidylle vor dem „Schneeberggletscher“ schiebt. Jetzt ist er tot, und sogar sein Hund, die Kunst an den Wänden und der Fernseher bekamen ein paar Kugeln ab. In skandinavischen Krimis geht es nicht zimperlich zu.

          Die vierteilige Serie „Lava“, die Arte heute an einem Abend in voller Länge abfeiert, ist ein Skandinavien-Krimi, wie er im Buche steht. Das beginnt bei der Hauptfigur: Der Detektiv Helgi ist ein geschiedener Familienvater mit psychischem Knacks. Er leidet darunter, seiner Tochter zu wenig Aufmerksamkeit schenken zu können, schleppt unbewältigte Traumata mit sich herum, ist müde und unkontrolliert. Auch Ton und Licht sind in dieser Serie, wie wir es von den Produktionen aus dem Norden gewohnt sind - dunkel bis zur Unkenntlichkeit.

          Island ist bekannt für seine Vulkane, die auch mal den globalen Flugverkehr lahmlegen. Ein Tourist ist in eine Felsspalte gefallen und wird von einem Suchtrupp geborgen.
          Island ist bekannt für seine Vulkane, die auch mal den globalen Flugverkehr lahmlegen. Ein Tourist ist in eine Felsspalte gefallen und wird von einem Suchtrupp geborgen. : Bild: © Víðir Sigurðsson

          Die Zahl der merkwürdigen, vermutlich miteinander verknüpften Ereignisse steigt nach dem Leichenfund auf der Halbinsel Snaefellsjökull an. Am Fuße des Vulkans, der mit Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ weltberühmt wurde, befindet sich ein Lavafeld. Den Touristen, die es keuchend durchsteigen, wird die alte Geschichte eines Massenmörders erzählt, der seine Leichen in den Lava-

          Löchern versteckte. Ihnen wird eingetrichtert, sich bloß nicht in den Spalten zu verlieren. Prompt sind ein Vater und seine Tochter auch schon auf und davon. Tagelang wird mit großem Aufwand und Medienrummel gesucht. Wobei Helgi die betroffene Familie aus dem polizeilichen Alltag der Hauptstadt und die Gegend des Nationalparks aus der eigenen, mit Hilfe einer Psychologin noch näher zu untersuchenden Vergangenheit kennt.

          Kommissar Helgi Runarsson untersucht die Leiche des Finanzhais Björn Sveinsson.
          Kommissar Helgi Runarsson untersucht die Leiche des Finanzhais Björn Sveinsson. : Bild: dpa

          Der von Reynir Lyngdal, einem Regisseur, der 2011 mit der Komödie „Our Own Oslo“ einen Publikumserfolg feierte, vor großem Panorama gefilmte Thriller sticht freilich kaum aus der Masse skandinavischer Krimis hervor. Sein Reiz mag in der Ruhe und den Landschaftsaufnahmen liegen, durch die der Ermittler sein deutsches Auto steuert. Hier und da sind auch Fischerboote, Islandponys und Holzhäuser zu sehen.

          Wenn überhaupt, findet „Lava“ in den letzten sechzig Minuten zu einem ansprechenden Tempo - das ist zu spät für eine Serie, die drei Stunden am Stück gesehen werden will. Figuren wie der Anführer der Motorrad-Gang „Shadow Riders“ (Jón Páll Eyjólfsson) oder der aalglatte Schwager des Ermordeten (Atli Rafn Sigurðarson) wirken gekünstelt. Die Ex-Fußballerin und Polizistin Gréta besticht nur beim Kaugummikauen und Burger-Vertilgen. Und selbst mit dem Ermittler Helgi wird der Zuschauer trotz der zur Verfügung stehenden Zeit keineswegs warm. Was nicht allein an den ortsüblichen Temperaturen liegen dürfte. Die Hoffnung, dass irgendwann einfach mal der Vulkan explodiert und alles durcheinanderbringt, erfüllt sich nach vier Folgen nicht.

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