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Berichte über Kriminalität : Gemessene und gefühlte Sicherheit

Im nordhessischen Bad Arolsen kam es in der Nacht zum Freitag zu einem tödlichen Verkehrsunfall. Bild: dpa

Der Bundesinnenminister hat die polizeiliche Kriminalitätsstatistik vorgestellt: Schwere Straftaten haben erheblich zugenommen. Doch das wird von den Medien kaum aufgegriffen.

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          Als Bundesinnenminister Thomas de Maizière am vergangenen Montag die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik für das Jahr 2016 vorstellte, hatte er keine gute Nachrichten zu verkünden. Die Zahl der von der Polizei notierten Straftaten insgesamt hat sich kaum verändert, die der politisch motivierten und die der besonders schweren allerdings schon. Rund 6,37 Millionen Straftaten sind im vergangenen Jahr in Deutschland insgesamt angezeigt worden, das ist ein Anstieg um – nur – 0,7 Prozent. Bei Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen sieht die Sache schon anders aus: Hier gab es eine Zunahme im Vergleich zu 2015 um 14,3 Prozent auf 2418 Fälle. Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen stieg um 12,8 Prozent auf 7919 Fälle an, bei Gruppenvergewaltigungen und „überfallartigen“ Gruppenvergewaltigungen war die Zunahme noch drastischer: um 106,3 Prozent auf 524 Fälle beziehungsweise um 54,1 Prozent auf 225 Fälle. Bundesweit kam es 2016 zu 193542 Gewalttaten; das ist eine Zunahme um 6,7 Prozent. Die Zahl der schweren Körperverletzungen stieg um 9,9 Prozent auf 140033 Fälle.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was die Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten angeht, so ermittelte die Polizei 181509 Personen (Steigerung um 9,2 Prozent), davon werden 69163 als „nichtdeutsche Tatverdächtige“ ausgewiesen (Steigerung um 25,5 Prozent). Dass es einen Zusammenhang zwischen dieser Kriminalitätsentwicklung und der Zuwanderung gebe, sei nicht von der Hand zu weisen, sagte der Innenminister, doch sei dies mitnichten ein Grund für Pauschalurteile. Die überwiegende Mehrzahl der Zuwanderer verhalte sich friedlich und gesetzestreu. Angesichts von rund 1,1 Millionen Zuwanderern, die allein im Jahr 2015 nach Deutschland kamen, ist das evident. Ebenso evident ist jedoch, dass der Anteil bestimmter Tätergruppen bei Gewaltdelikten wesentlich höher ist als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung.

          Zweierlei Maß

          Dass Thomas de Maizière die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik mit derlei einordnenden Bemerkungen vorstellte, kommt nicht von ungefähr. Spätestens seit den massenhaften sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln und in anderen deutschen Städten ist für jedermann erkennbar, dass sich die Sicherheitslage im öffentlichen Raum besonders für Frauen verändert hat. Und hierbei handelt es sich nicht um eine „gefühlte“ Sicherheitslage, von welcher Claus Kleber am Montagabend im „heute journal“ sprach, sondern von der „gemessenen“, von der Kleber erstaunlicherweise im selben Atemzug meinte, sie sei „besser“ als die gefühlte.

          Das wird man nur behaupten können, wenn man die Schwere unterschiedlicher Straftaten nicht gegeneinander gewichtet, sondern schlicht auf die Gesamtsumme schaut, oder – wenn man die Ouvertüre der Vorlage der Kriminalitätszahlen für das Ganze hält. Rund eine Woche vor de Maizières Rapport kam der „Spiegel“ nämlich mit einer Exklusivmeldung, die weite Verbreitung fand. Sie lautete, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche zurückgegangen sei. Rund 151 000 Einbrüche habe die Polizei im vergangenen Jahr registriert, hieß es da, das seien fast zehn Prozent weniger als 2015. Besonders stark seien die Zahlen in Nordrhein-Westfalen gesunken, auf knapp 52 600 Fälle, was einem Rückgang um 15,7 Prozent entspreche. Auch in Hamburg, im Saarland und in Hessen habe die Zahl der Einbrüche „im zweistelligen Prozentbereich“ abgenommen.

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          An den Zahlen ist nichts falsch, allerdings ist der durch sie vermittelte Eindruck, um es vorsichtig zu sagen, schon etwas seltsam. Nordrhein-Westfalen ist besonders sicher und nicht der „Failed State“, von dem der „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer unter anderem mit Blick auf die Odyssee des Berlin-Attentäters Anis Amri durch das Bundesland Anfang des Jahres schrieb? Dagegen sprach und spricht schon die Statistik des Landeskriminalamts, die der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) Anfang März vorstellte. Auch er hatte Zahlen parat, die in der Gesamtheit positiv klingen konnten: Es wurden 1,47 Millionen Straftaten registriert, das sei ein Rückgang um 3,2 Prozent, die Aufklärungsquote sei auf 50,7 Prozent gestiegen. Das dicke Ende aber nannte eine darauf fußende Meldung der Deutschen Presse-Agentur, die weite Verbreitung fand und die Überschriften in Zeitungen und Online-Auftritten prägte, erst danach: Die Zahl der Morde wuchs in NRW 2016 um 8,7 Prozent auf 113 Fälle, die der Totschlagstaten um 12,1 Prozent auf 259 Fälle, die der Raubüberfälle um 9,7 Prozent auf 817 Fälle und die der Sexualstraftaten um 5,4 Prozent auf 10 376 Fälle. Die Zahl der Vergewaltigungen und besonders schweren sexuellen Nötigungen stieg gar um 24,9 Prozent. Von rund 476 000 Tatverdächtigen insgesamt seien rund 48 000 Zuwanderer.

          Aggressiv auftretende Gruppen

          Mit der im Mainzer Nachrichtenstudio „gemessenen“ oder „gefühlten“ Zahl von Straftaten korrespondiert das schwerlich. Wobei man zugestehen muss, dass das „heute journal“ einige der gravierendsten Zahlen nannte und von den Erfahrungen der Polizei im vermeintlich beschaulichen Mainz berichtete, die es, wie die Kollegen in anderen Städten, mit immer aggressiver auftretenden Gruppen zu tun hat. Ausgewählte Zahlen und entsprechende Zitate des Bundesinnenministers boten auch die „Tagesthemen“ auf, versinnbildlichten das besondere Problem von Gewalttaten von Zuwanderern und an Zuwanderern freilich an einem Beispiel, das die Lage vielleicht nicht umfassend charakterisiert: Es ging um gewalttätige Tumulte nach der Essensausgabe in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft und darum, dass „junge Männer“ ohne Aussicht auf einen positiven Asylbescheid und ohne Perspektive besonders „gefährdet“ seien, Täter zu werden.

          Es kommt eben immer auf den Kontext an oder darauf, welchen Aspekt man bei einem komplexen Geschehen wie der Kriminalitätsentwicklung wählt und ob man diesen so präsentiert, als stehe er wenn nicht für das Ganze, so doch für das Gravierendste – und das sind in vielen Fällen journalistischer Aufbereitung erstaunlicherweise eben nicht die Gewaltdelikte und Rohheitsverbrechen. Die „Tagesschau“ meldete einzig und allein, dass die Zahl politisch motivierter Verbrechen einen neuen Höchststand erreicht habe, was einer der ersten Punkte aus de Maizières Darstellung war, die über den Ticker gingen. Alles weitere konnte man, wie das bei der ARD üblich ist, ausführlich und umfassend im Internet nachlesen, unter „tagesschau.de“. Einen Kontrapunkt zum „Spiegel“ hatte übrigens, ebenfalls noch vor der offiziellen Verkündung der Kriminalitätsstatistik durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die „Welt am Sonntag“ gesetzt. Sie nannte die Gesamtzahl von Straftaten und die Zahlen der Gewaltdelikte.

          „Das ist inakzeptabel“

          Zum Gesamtbild gehört auch, dass Zuwanderer vermehrt Täter wie Opfer schwerer Gewalttaten waren, dass die überwiegende Mehrzahl der Tatverdächtigen bei bestimmten Delikten Männer und die Opfer fast immer Frauen sind und – dass die Zahl von Straftaten, die von mutmaßlichen Rechtsextremen begangen wurden und sich gegen Ausländer oder Minderheiten richten, um 2,6 Prozent gestiegen ist und mit 23 555 einen Höchstwert erreicht hat. Die Zahl solcher Taten von Linken hat um 2,2 Prozent auf 9389 Straftaten abgenommen, die Zahl der „politisch motivierten Ausländerkriminalität“ wiederum ist um 66,5 Prozent auf 3372 Straftaten gestiegen. 10 751 Fälle von „Hasskriminalität“ wurden gezählt, darunter 8983 fremdenfeindliche und 1468 antisemitische Straftaten. Respektlosigkeit, Hass und Gewalt in diesem Land hätten zugenommen, sagte Thomas de Maizière bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik: „Das ist inakzeptabel.“

          Um daran etwas zu ändern, muss man das Problem freilich erst einmal benennen – so wie es der Minister tat, wie es im Spiegel der Medien da und dort aber kaum aufscheint oder von Hinweisen wie dem eines Wiesbadener Polizeipsychologen begleitet wird, der darauf abhob, dass die Entwicklung angesichts vieler alleinstehender, schlecht integrierter junge Männer ohne Familie, ohne Ausbildung und womöglich ohne Bleibeperspektive „nicht überraschend“ sei. Zugespitzter noch formulierte es ein Journalist in einem Online-Auftritt, in dem es hieß, junge Männer seien „erfahrungsgemäß generell anfälliger dafür, Straftaten zu begehen, als etwa Rentnerinnen über achtzig.“

          Rassistische Kategorien leicht gemacht

          Das mag wohl sein, aber was ist das für eine fade Pointe? Tut es etwas zur Sache, wenn es darum geht, die Dinge zunächst einmal zu benennen – unter der Maßgabe, dass Straftaten unter allen Umständen für jedermann verboten sind und es die vornehmste Aufgabe des Staates ist, seine Bürger vor Straftätern zu schützen, ganz gleich, wie alt diese sind, welches Geschlecht sie haben, aus welchen sozialen Verhältnissen sie stammen, welcher Religion sie angehören und wessen ideologischen Geistes sie sind? Das Herumdrucksen erst macht es denjenigen leicht, die von einem oder von vielen Fällen auf alle – Zuwanderer, Ausländer, Einheimische, Linke, Rechte, Männer, Frauen, Muslime, Christen – schließen und in rassistischen Kategorien denken. Deren Geschäft funktioniert nur, wenn ausgeblendet wird, was unter das Brennglas gehört.

           

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