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Berichte über Kriminalität : Gemessene und gefühlte Sicherheit

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An den Zahlen ist nichts falsch, allerdings ist der durch sie vermittelte Eindruck, um es vorsichtig zu sagen, schon etwas seltsam. Nordrhein-Westfalen ist besonders sicher und nicht der „Failed State“, von dem der „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer unter anderem mit Blick auf die Odyssee des Berlin-Attentäters Anis Amri durch das Bundesland Anfang des Jahres schrieb? Dagegen sprach und spricht schon die Statistik des Landeskriminalamts, die der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) Anfang März vorstellte. Auch er hatte Zahlen parat, die in der Gesamtheit positiv klingen konnten: Es wurden 1,47 Millionen Straftaten registriert, das sei ein Rückgang um 3,2 Prozent, die Aufklärungsquote sei auf 50,7 Prozent gestiegen. Das dicke Ende aber nannte eine darauf fußende Meldung der Deutschen Presse-Agentur, die weite Verbreitung fand und die Überschriften in Zeitungen und Online-Auftritten prägte, erst danach: Die Zahl der Morde wuchs in NRW 2016 um 8,7 Prozent auf 113 Fälle, die der Totschlagstaten um 12,1 Prozent auf 259 Fälle, die der Raubüberfälle um 9,7 Prozent auf 817 Fälle und die der Sexualstraftaten um 5,4 Prozent auf 10 376 Fälle. Die Zahl der Vergewaltigungen und besonders schweren sexuellen Nötigungen stieg gar um 24,9 Prozent. Von rund 476 000 Tatverdächtigen insgesamt seien rund 48 000 Zuwanderer.

Aggressiv auftretende Gruppen

Mit der im Mainzer Nachrichtenstudio „gemessenen“ oder „gefühlten“ Zahl von Straftaten korrespondiert das schwerlich. Wobei man zugestehen muss, dass das „heute journal“ einige der gravierendsten Zahlen nannte und von den Erfahrungen der Polizei im vermeintlich beschaulichen Mainz berichtete, die es, wie die Kollegen in anderen Städten, mit immer aggressiver auftretenden Gruppen zu tun hat. Ausgewählte Zahlen und entsprechende Zitate des Bundesinnenministers boten auch die „Tagesthemen“ auf, versinnbildlichten das besondere Problem von Gewalttaten von Zuwanderern und an Zuwanderern freilich an einem Beispiel, das die Lage vielleicht nicht umfassend charakterisiert: Es ging um gewalttätige Tumulte nach der Essensausgabe in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft und darum, dass „junge Männer“ ohne Aussicht auf einen positiven Asylbescheid und ohne Perspektive besonders „gefährdet“ seien, Täter zu werden.

Es kommt eben immer auf den Kontext an oder darauf, welchen Aspekt man bei einem komplexen Geschehen wie der Kriminalitätsentwicklung wählt und ob man diesen so präsentiert, als stehe er wenn nicht für das Ganze, so doch für das Gravierendste – und das sind in vielen Fällen journalistischer Aufbereitung erstaunlicherweise eben nicht die Gewaltdelikte und Rohheitsverbrechen. Die „Tagesschau“ meldete einzig und allein, dass die Zahl politisch motivierter Verbrechen einen neuen Höchststand erreicht habe, was einer der ersten Punkte aus de Maizières Darstellung war, die über den Ticker gingen. Alles weitere konnte man, wie das bei der ARD üblich ist, ausführlich und umfassend im Internet nachlesen, unter „tagesschau.de“. Einen Kontrapunkt zum „Spiegel“ hatte übrigens, ebenfalls noch vor der offiziellen Verkündung der Kriminalitätsstatistik durch Bundesinnenminister Thomas de Maizière, die „Welt am Sonntag“ gesetzt. Sie nannte die Gesamtzahl von Straftaten und die Zahlen der Gewaltdelikte.

„Das ist inakzeptabel“

Zum Gesamtbild gehört auch, dass Zuwanderer vermehrt Täter wie Opfer schwerer Gewalttaten waren, dass die überwiegende Mehrzahl der Tatverdächtigen bei bestimmten Delikten Männer und die Opfer fast immer Frauen sind und – dass die Zahl von Straftaten, die von mutmaßlichen Rechtsextremen begangen wurden und sich gegen Ausländer oder Minderheiten richten, um 2,6 Prozent gestiegen ist und mit 23 555 einen Höchstwert erreicht hat. Die Zahl solcher Taten von Linken hat um 2,2 Prozent auf 9389 Straftaten abgenommen, die Zahl der „politisch motivierten Ausländerkriminalität“ wiederum ist um 66,5 Prozent auf 3372 Straftaten gestiegen. 10 751 Fälle von „Hasskriminalität“ wurden gezählt, darunter 8983 fremdenfeindliche und 1468 antisemitische Straftaten. Respektlosigkeit, Hass und Gewalt in diesem Land hätten zugenommen, sagte Thomas de Maizière bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik: „Das ist inakzeptabel.“

Um daran etwas zu ändern, muss man das Problem freilich erst einmal benennen – so wie es der Minister tat, wie es im Spiegel der Medien da und dort aber kaum aufscheint oder von Hinweisen wie dem eines Wiesbadener Polizeipsychologen begleitet wird, der darauf abhob, dass die Entwicklung angesichts vieler alleinstehender, schlecht integrierter junge Männer ohne Familie, ohne Ausbildung und womöglich ohne Bleibeperspektive „nicht überraschend“ sei. Zugespitzter noch formulierte es ein Journalist in einem Online-Auftritt, in dem es hieß, junge Männer seien „erfahrungsgemäß generell anfälliger dafür, Straftaten zu begehen, als etwa Rentnerinnen über achtzig.“

Rassistische Kategorien leicht gemacht

Das mag wohl sein, aber was ist das für eine fade Pointe? Tut es etwas zur Sache, wenn es darum geht, die Dinge zunächst einmal zu benennen – unter der Maßgabe, dass Straftaten unter allen Umständen für jedermann verboten sind und es die vornehmste Aufgabe des Staates ist, seine Bürger vor Straftätern zu schützen, ganz gleich, wie alt diese sind, welches Geschlecht sie haben, aus welchen sozialen Verhältnissen sie stammen, welcher Religion sie angehören und wessen ideologischen Geistes sie sind? Das Herumdrucksen erst macht es denjenigen leicht, die von einem oder von vielen Fällen auf alle – Zuwanderer, Ausländer, Einheimische, Linke, Rechte, Männer, Frauen, Muslime, Christen – schließen und in rassistischen Kategorien denken. Deren Geschäft funktioniert nur, wenn ausgeblendet wird, was unter das Brennglas gehört.

 

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