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TV-Film „Tod in Sevilla“ : Genüsslich durchs Russenbordell

  • -Aktualisiert am

„Obi Wan“ Falcón: In Marokko sucht der verkleidete Kommissar (Juan Diego Botto) nach dem Sohn einer Freundin. Bild: ZDF/Julio Vergne

Mit „Tod in Sevilla“ zeigt das ZDF einen Hochglanzkrimi mit dem spanischen Kommissar Falcón. Da gibt es viel nackte Haut zu sehen, etwas wirklich wichtiges fehlt allerdings.

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          Ehrlich ist er ja, dieser stromlinienförmige Hochglanzkrimi aus Spanien nach einem Roman des englischen Bestsellerautors Robert Wilson – vielleicht aber auch nur viel zu macho-cool, um wenigstens unehrlich zu sein. Gleich in den ersten Hochgeschwindigkeitsminuten – am Tempo gibt es nichts zu mäkeln – präsentiert er uns ein Kondensat von Inhalt und Stil: eine islam(ist)ische Beerdigungszeremonie, bei der der schnieke Jesusbart-Kommissar Javier Falcón (Juan Diego Botto) so unauffällig wie ein blinkender Flipperautomat im Hühnerstall einige Meter neben der Trauergemeinde steht und Blicke mit einem Informanten (ebenso unauffällig gespielt: Alberto San Juan) tauscht.

          Dann Szenenwechsel in ein edles Russenbordell mit genüsslicher Kamerafahrt auf eine nackt herumliegende Frau, bevor wir einen chefmäßigen Oberrussen seinen Safe leeren und verschwinden sehen. Die dritte Szene zeigt, wie der Oberrusse, der offenbar „zu Juri Donstoffs Bande überlaufen“ möchte, am Telefon in seinem Wagen von der Rückkehr des gefürchteten anderen Oberoberrussen Leónid aus Moskau erfährt. Er hört die Erschießung des anrufenden Kumpanen durchs Telefon und verliert vor Schreck die Kontrolle über das Steuer, um damit mausetot aus der Handlung auszuscheiden. Die durchaus turbulenten Ereignisse lassen selbstverständlich genug Zeit für einen weiteren genüsslichen Blick auf die schöne nackte Frau, jetzt mit blutiger Lippe. Da sehen wir auch schon den Unhold selbst, glatzköpfig, sinister. Weil derweil die Telefonverbindung abgerissen ist, darf Leónid mit prächtigem Mafiarussenakzent darüber fluchen. Da er vom Unfalltod des Überläufers eigentlich nicht wissen kann, hätte es auch die Wahlwiederholung getan.

          Hier dürfen Russen noch sein, wie in Achtzigerjahre-„Bond“-Filmen

          Doch wir sind, das ist spätestens jetzt klar, in den seichtesten Gestaden des Genres gestrandet. Hier dürfen die Russen noch so knackeböse und brotdoof sein wie in Achtzigerjahre-„Bond“-Filmen. Diese Bosheit wird so übertrieben oft betont – „für diese Leute ist selbst Vieh mehr wert“ – und ausgemalt, dass selbst Krimilegastheniker darin eine Ablenkung wittern dürften, hinter der diese Angelegenheit mit den Islamisten wieder hervorlugt. Wie wenig originell die beiden Erzählstränge verschleift sind, überrascht dann aber doch.

          Bereits vor fünf Jahren wurden einige Falcón-Bücher Wilsons in England verfilmt. Auch das war eine aalglatte Angelegenheit ohne jede Subtilität. Dass man selbst diese Trivialvorlage noch einmal unterbieten kann, zeigt uns also jetzt eine spanisch-deutsche, will sagen: deutsche Gebührengelder verbratende Koproduktion unter der etwas zu stilbewussten Regie von Manuel Gómez Pereira. Das Drehbuch von Nicolás Saad, das viel zu viele Themen ungeschickt anreißt, aber für keine der teils martialischen Gewalttaten ein Motiv zu liefern weiß, schert sich so wenig um Glaubwürdigkeit, dass man es – vor allem im letzten Teil, in dem ein turboentradikalisierter Jugendlicher, ein schwuler Saudi, ein völlig unverständlicher Terroranschlag und eine gemeingefährliche Oma eine wichtige Rolle spielen – für eine Parodie halten möchte.

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          Die Schauspieler aber füllen ihre Klischeefiguren ohne jede Selbstironie aus. Allen voran der nach der kurzen Beerdigungsszene als Schlafzimmer-Ritter an der Seite einer anderen nackten Frau namens Consuela (Paz Vega) eingeführte Schnuckelkommissar Falcón. Nur seine ebenfalls hübsche Kollegin Cristina (Cuca Escribano) ist hier nie nackt. Wie üblich wird Falcón persönlich in den Fall hineingezogen, denn Consuelas Sohn wurde entführt, um Druck auf ihn auszuüben. Gleich zwei russische Mafiabanden behaupten, den Jungen in der Gewalt zu haben (das immerhin ein amüsanter Einfall). Beide fordern die Herausgabe einer konfiszierten Festplatte. Darauf befindet sich Videomaterial aus dem Bordell: „Das machen die Russen gern so. Sie machen jeden erpressbar.“

          Die heldenhafte, schwer vorschriftswidrige und mehrfach an den Rand der Katastrophe führende Rettungsoperation des pausenlos betörend melancholisch dreinblickenden Polizisten lässt bis zum fast ins Komische abdriftenden Showdown im marokkanischen Fès keine Krimiplattitüde aus. Auch die erwartbare Sexszene kurz vor dem entscheidenden Einsatz bekommen wir ohne alle Raffinesse serviert, „Du bist völlig verschwitzt. Zieh das aus!“. Ebenso das erwartbare Ende. Wer Wilsons Roman „Andalusisches Requiem“ nicht zur Hand hat, für den wird die Handlung im zweiten Teil kaum nachvollziehbar sein. Man fragt sich bei diesem Film, der reine Oberfläche ist und sich vornehmlich darin gefällt, ein fesches Hemdenmodel und rehäugige, meist leichtbekleidete Frauen an schönen Schauplätzen (Marbella, Sevilla, Fès) zu arrangieren, musste das sein? Doch in Mainz scheint zu gelten: Bezahlt ist bezahlt, jetzt darf der Stoff auch in die Welt.

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