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Fernsehfilm im ZDF : Der Junge ist weg

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Der Schreck des leeren Kinderbettes: Stefanie Witte (Marie Leuenberger) sucht ihren Sohn Sascha. Bild: Marion von der Mehden

Kommissarin Jana Winter sucht bei ihrem zehnten Fall einen Achtjährigen, der aus dem Bett stieg und verschwand. Auf der Suche nach dem Kind geht es Richtung Norden.

          Der in der bitterkalten, vom Winter entfärbten Landschaft zwischen Schleswig und Padborg angesiedelte Krimi „Das verschwundene Kind“ setzt auf eine Geschichte, die das Fernsehen so oft durchgespielt hat, dass man sie kaum noch anschauen mag: Ein kleiner Junge ist fort, die Ermittler arbeiten gegen die Zeit. So stimmig wie im zehnten Fall um Jana Winter aber, dieser als Figur seit ihrem ersten Einsatz 2006 behutsam weiterentwickelten Kriminalkommissarin, geht das selten über die Bühne.

          Das liegt zunächst an der Besetzung: Natalie Wörner als Jana Winter, Ralph Herforth, Max von Pufendorf und Martin Brambach als ihr Team kann man nicht oft genug loben, und in dem Film „Das verschwundene Kind“ kommen weitere Typen mit Bodenhaftung wie Thomas Loibl und Barnaby Metschurat hinzu.

          Zum anderen haben die Drehbuchautoren Daniel Schwarz und Thomas Schwebel eine Story entwickelt, die ihre Windungen und Wendungen hat und doch nichts weiter versucht, als die Suche nach dem Achtjährigen, der aus dem Bett stieg und verschwand, Stunde um Stunde nachzuzeichnen.

          Ein leeres Bett und große Verzweiflung

          Sie beginnt kurz nach einer Geburtstagsfeier im Wald, bei der Sascha (Bendix Hansen), der ohne Vater aufwächst, durch ein Teleobjektiv beobachtet wird. Saschas Mutter (Marie Leuenberger), eine schlichte Frau, die sich mit Gelegenheitsjobs und dem Austragen von Zeitungen über Wasser hält, merkt nichts davon. Am Abend zerstreut sie die Ängste ihres Sohnes, als der mit ausgestrecktem Zeigefinger in das Dunkel vor dem Kinderzimmerfenster zeigt und „Ich glaube, da ist jemand!“ ruft. Doch später ist sein Bett leer und ihre Verzweiflung groß.

          Das routinemäßige Abklappern derjenigen, die ein besonderes Verhältnis zu Sascha hatten, führt zu mindestens drei Verdächtigen. Im Wildpark, für dessen Eule Sascha sich begeisterte, schnappt sich der Besitzer gleich nach der Befragung durch die Kommissare eine Schrotflinte – um in einem Anfall von Selbstjustiz zu seinem Schwager zu brausen, Saschas Vater. Dieser Vater wiederum, ein Kurierfahrer, wird von seinen Kollegen „Jürgen, das Phantom“ genannt. Er ist seit Jahren darauf bedacht, keine Spuren im Leben zu hinterlassen; vielleicht macht man das so, wenn man einmal des Mordes an einem Kind verdächtigt wurde.

          Nicht minder suspekt ist Marius, Saschas älterer Bruder mit schwach ausgeprägter Frustrationstoleranz. Er ist in einem abgelegenen Wohnheim für schwererziehbare Jugendliche untergebracht. Die Jugendlichen werden von ihrem Betreuer, einem an Saschas Schicksal wenig interessierten Mann, allsommerlich zum Zelten nach Dänemark gekarrt.

          Schön und rauh wie das Leben

          Das ist ja ganz nah. So wie Skandinavien für die Krimireihe „Unter anderen Umständen“ auch genremäßig ganz nah ist. „Ich bin eine große Liebhaberin des skandinavischen Films, dessen Schauspielführung, Dramaturgie und Ästhetik mich in meiner Arbeit von Anfang an inspiriert und beflügelt hat“, sagte die Regisseurin Judith Kennel neulich und gab zu erkennen, dass Jana Winter bei ihrem elften Fall auch dienstlich „Richtung Norden“ geschickt wird.

          Der zehnte Fall belässt es bei einem Abstecher ins Nachbarland und der Begegnung mit einem dänischen Psychologen. Wir folgen Polizisten, die mit Taschenlampe und Hund unterwegs sind, und Kommissaren, die sich die Nacht um die Ohren schlagen. Die Überlebenschancen eines Kindes sind bei Außentemperaturen von minus fünfzehn Grad gering. Wir sehen Dienstbesprechungen, bei denen die Ratlosigkeit allen ins Gesicht geschrieben steht.

          Dazu Nachbarn, die Kerzen vor dem Reihenhäuschen der Mutter aufstellen, einen Dienststellenleiter, der die Alkoholgrenze verpasst, eine wenig umweltgerecht entsorgte Daten-CD, eine wenig fachgerecht bediente Dusche und die nordische Landschaft, schön und rauh wie das Leben. Das ZDF hätte zum kleinen Jubiläum der Jana-Winter-Reihe keinen besseren Film abliefern können.

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