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Krimi-Doku bei 3sat : Gottes Sendbote

Erpressungsresistent: Susanne Klatten Bild: ddp

Die Quandt-Erbin Susanne Klatten wurden von einem Liebhaber erpresst. Sie machte den Fall öffentlich. Hinter ihrem Erpresser verbirgt sich ein Sektenführer. Auf dessen Spuren setzt sich eine hervorragende Dokumentation.

          2 Min.

          Wer ihren Namen hört, erinnert sich sofort: Vor fünf Jahren wurde Susanne Klatten, Quandt-Erbin, BMW-Großaktionärin und die reichste Frau Deutschlands, verheiratet und Mutter von drei Kindern, erpresst. Ihr Liebhaber Helg Sgarbi drohte ihr, heimlich aufgenommene Videos ihrer Treffen zu veröffentlichen, sollte sie ihm nicht vierzehn  Millionen Euro Schweigegeld zahlen.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Doch Susanne Klatten wollte sich nicht erpressen lassen. Sie schaltete die Polizei ein und nahm damit ganz bewusst in Kauf, dass ihre Affäre publik wurde. Es war ein mutiger Schritt dieser so öffentlichkeitsscheuen Frau, die mit ihrer Familie sehr zurückgezogen in München lebt.

          Wo ist die Beute geblieben?

          Sgarbi gestand vor Gericht, Susanne Klatten und drei weitere vermögende Frauen ausgenommen und erpresst zu haben und wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Was Sgarbi jedoch nie verriet: Wo ist die Beute geblieben? Und wie steht er zu Ernano Barretta, dessen sektenähnlicher Organisation Sgarbi offenbar seit Beginn der neunziger Jahre angehörte und der als Hintermann der Erpressungen gilt?

          Die Dokumentation „Verführt und erpresst“ widmet sich nun genau dieser Beziehung Sgarbis zu Barretta, der sich im Nebenzimmer einquartierte, wenn Sgarbi sich mit Susanne Klatten traf. Der immer in der Nähe war, als Sgarbi zur Geldübergabe auf einer Autobahnraststätte in Tirol fuhr. Und auf dessen Anwesen in Italien 1,7 Millionen Euro in bar gefunden wurden, die mutmaßlich aus der Beute stammen. Barretta wurde im Juni 2012 in erster Instanz zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen schweren Betrugs verurteilt. Doch wie genau die beiden Männer zueinander standen, darüber erfuhr man bislang – auch wegen Sgarbis Schweigen – nur wenig.

          Ein vermeintlicher Wunderheiler

          Umso beeindruckender ist es, wie konkret und umfassend der Schweizer Journalist Romeo Regenass und der Regisseur Aldo Gugolz die Hintergründe der Erpressung aufarbeiten. Sie zeichnen in ihrer Dokumentation das Bild eines Mannes, der sich als Sendbote Gottes ausgab, als Wunderheiler, der Menschen von ihren physischen und psychischen Beschwerden befreien, Gedanken lesen und an mehreren Orten gleichzeitig sein könne. Seinen Anhängern versprach Barretta, sie auf direktem Weg ins Paradies zu führen – und brachte sie so dazu, ihm ihr ganzes Geld zu übergeben, sogar ihre Pensionskassen aufzulösen, und ihm nach Italien zu folgen.

          Schweigsamer Erpresser: Helg Sgarbi
          Schweigsamer Erpresser: Helg Sgarbi : Bild: AP

          Sgarbi war in der Gruppe der Petrus, Barrettas Lieblingsjünger, und für die Finanzen zuständig, wie die Aussteigerin Petra schildert. Sie studierte mit Sgarbi zusammen in Zürich, lernte so Barretta kennen und stieg erst aus der Gruppe aus, nachdem Sgarbi verhaftet wurde. Es sind vor allem ihre Aussagen, die einen tiefen Einblick geben, wie Barretta es schaffte, seine Jünger an sich zu binden. Petra sagt auch: „Ich bin absolut überzeugt, dass der Helg nichts für sich behalten hat.“ Alles Geld sei in Barrettas Hände geflossen. So konnte er im Luxus leben, während seine Jünger Fronarbeit leisteten.

          Neben den Aussagen Petras kommen in der Dokumentation auch Angehörige von Opfern dieser Machenschaften zu Wort, etwa eine Freundin der Schweizer Gräfin Verena du Pasquier, Sgarbis erstem Opfer. Videoaufnahmen von den spirituellen Treffen der Gruppe, Bilder von der Durchsuchung von Barrettas Anwesen durch die italienische Polizei und Aussagen eines Jugendfreundes von Barretta spinnen ein dichtes Netz an Informationen, das vor allem von der beeindruckenden Recherche des Journalisten Regenass zeugt, der die Gruppe schon seit Anfang der neunziger Jahre beobachtet.

          So bleibt kein Zweifel, dass Sgarbi seinem Meister Barretta bedingungslos folgte – und es wohl bis heute tut. In einem Aufsatz schrieb Sgarbi einmal über Barretta: „Wenn ich die Bilanz ziehe zwischen dem, was ich gegeben und erhalten habe, stehe ich in einer Schuld, die ich nie begleichen kann.“

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