https://www.faz.net/-gqz-7k3hg

Krimi „Dampfnudelblues“ im Ersten : Gegen diese Landsmänner ist kein Kraut gewachsen

Die Pflanze links im Bild kann man nicht rauchen: Polizist Franz (Sebastian Bezzel, rechts) und Rudi (Simon Schwarz) Bild: ARD Degeto/BR/Bernd Schuller

Niederbayern ist nicht überall: In dem Film „Dampfnudelblues“ spielt Sebastian Bezzel einen sehr entspannten Dorfsheriff. Dabei zeigt sich einmal mehr, wo in Deutschland der wahre Wilde Westen liegt.

          3 Min.

          Das niederbayerische Niederkaltenkirchen gibt es nicht, könnte es aber geben. Einen Polizisten wie Franz Eberhofer könnte es geben, gibt es aber nicht. Ort und Figur sind Erfindungen der Landshuter Autorin Rita Falk, die sich mit vier Regionalkrimis eine große Anhängerschaft erschrieben hat. So erfolgreich, dass ihr zweiter Roman mit dem luftigen Titel „Dampfnudelblues“ fürs Kino verfilmt wurde, dort mit einer halben Million Zuschauer leidlich erfolgreich lief und heute zur besten Sendezeit in der ARD ein Millionenpublikum finden soll.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          „Stirb du Sau“ steht in großen Lettern auf der Hauswand von Schulrektor Höpfl (Robert Palfrader). Höpfl ist ein unbeliebter Einzelgänger, aber deswegen ein Großaufgebot von der Leine zu lassen, fällt dem Dorfsheriff Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel, in sich ruhend) noch lange nicht ein. Dummerweise verschwindet Höpfl, taucht wieder auf und ist gleich danach tot, von einem Zug enthauptet. „Am Höpfl sei Köpfl“, witzelt ein Beamter am Tatort. Man ist schließlich in Bayern, Ausrufezeichen, da geht es derb zu.

          Der Polizei-Rocker mit der Senftube ermittelt

          Dazu gehören auch frauenprügelnde Säufer, ein sehr direkter österreichischer Pathologe, neugierige Nachbarn und die handelsüblichen Resopaltisch-Wirtshausphilosophen, die sich eine Halbe nach der anderen zuführen. „Auserzählt“ nennt man solche Versatzstücke bei den Öffentlich-Rechtlichen immer nur dann, wenn man Schauspieler austauschen will.

          So sagt man es auf Bayrisch: Schuldirektor Höpfl (Robert Palfrader, rechts) ist nicht beliebt

          Eberhofer raucht, trägt Jeans, tagelang dasselbe T-Shirt mit der Aufschrift „Rock Rules“ unter Polizeihemd und Lederjacke. Er frühstückt regelmäßig drei Leberkässemmeln, den Senf appliziert er im Büro aus der Tube - in Herzform. Sein Dienstwagen ist ein Youngtimer, ungefähr so alt wie das Lied von ACDC, das er als Klingelton seines unsmarten Handys benutzt. Mit seiner Susi, einer „Riesenfrau“, wie die Oma findet, will er partout noch nicht ans Familiengründen. Als er sie uncharmant auf Cellulite hinweist, verlässt sie nackt auf dem Fahrrad den Bauernhof, auf dem Franz mit seinem kiffenden Vater (Eisi Gulp) und seiner schwerhörigen Oma und Kochkünstlerin (Ilse Neubauer hört, was sie will) haust.

          Eberhofer hat eine Vergangenheit als Kriminaler. Weil sein damaliger Kompagnon Birkenberger (Simon Schwarz) bei der Festnahme eines Kinderschänders einen fatalen Fehler beging, schiebt Eberhofer Dienst als Bereitschaftspolizist. Er kommt, wenn Nachbarn sich streiten, er bewacht das Fußballspiel in der Kreisklasse. Birkenberger ist als Kaufhausdetektiv unterfordert und gar nicht begeistert, als Eberhofer auftaucht, um ihn zu aktivieren. Ihre gegen alle Dienstvorschriften betriebene Ermittlung führt in den privaten Sadomaso-Keller des Opfers - und zu einem Stricher, der wiederum Sohn der zerbrochenen Dorfschönheit und eines heimgekehrten Fremdenlegionärs ist.

          Arbeitsteilung: Die Polizisten ermitteln, die Großmutter serviert Brezen

          Denn siehe: Die Dorfwelt von einst ist globalisiert, es gibt Drogen, Internet und emanzipierte Frauen, die schrundigen Pranken der Bauern sind einem feminineren Männerbild gewichen. Nur das Essen der Oma ist noch so, dass es den Veganer graust. Überall nur böse Fette.

          Die Susi und der Franzl

          Und da ist dann noch dieser Kreisverkehr, von dem aus man auf die Autobahn Richtung Deggendorf und München und in die weite Welt oder wieder hinein ins bayerische Herzland kommt. Wo Eberhofers neu geborene Nichte Sushi wartet, Spross einer deutsch-thailändischen Verbindung. Das Baby ist dem Onkel Franz zugetan, es wird ihm bei seiner immerwährenden Durchfahrung des Lebenskreisverkehrs eine neue Richtung geben.

          Der Haussegen hängt schief: Franz mit Freundin Susi (Lisa Maria Potthoff)

          Der Regisseur Ed Herzog und sein Drehbuchautor Christian Zübert warten bis in die Nebenrollen hinein mit klingenden Namen auf - Sigi Zimmerschied, Lisa Maria Potthoff, Stephan Zinner, Max Schmidt, Thomas Kügel, Ernst Hannawald. Sie lassen dem Ensemble und der Geschichte Raum und Zeit, verzichten weit-, aber nicht durchgehend auf Slapstick, lassen brutale Augenblicke neben zarten stehen. Und zeigen unverstellt, dass sie mit Begeisterung auf den Schultern von Riesen stehen. Kein Zufall, dass Eberhofers Freundin Susi heißt - wie die Susi aus Dietls „Münchner Geschichten“ -, dass Franz wie weiland Tscharlie des Nachts vor ihrem Fenster steht und sein verzweifeltes Susi-Rufen nicht erhört wird; dass der Heizungspfuscher Flötzinger am Stammtisch wie der Gustl nicht die Goschen halten kann.

          Besonders genau haben die Macher eine Fernsehserie aus dem Nachbarland Österreich studiert. David Schalkos stilbildendem Achtteiler „Braunschlag“ sind nicht nur Schauspieler entliehen - Robert Palfrader, Simon Schwarz, Nina Proll, Maria Hofstätter -, sondern daraus auch Einstellungen und Zitate übernommen, bis hin zur Tischtennisplatte im Kellerverlies à la Fritzl. So radikal grotesk wie „Braunschlag“ ist „Dampfnudelblues“ dann doch nicht, darauf ist das deutsche Publikum nicht vorbereitet. Aber sehen lassen kann sich der Film durchaus.

          Weitere Themen

          Verhüllungskünstler Christo ist tot

          Mit 84 Jahren gestorben : Verhüllungskünstler Christo ist tot

          In Deutschland hat Christo die Verhüllung des Reichstags vor 25 Jahren ewigen Ruhm gebracht. Weltweit faszinierte die Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften Millionen. Nun ist er gestorben.

          „Ein ziemlich tödliches Problem“

          Amazonasforscherin im Gespräch : „Ein ziemlich tödliches Problem“

          Vor einem Monat warnten Prominente auf der ganzen Welt vor einem Genozid an den indigenen Amazonasbewohnern. Wie hat sich die Situation entwickelt? Und welche Schritte sind jetzt nötig? Wir haben die Forscherin Sofia Mendonça gefragt.

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.