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Kriegsverbrechen : Nicht nach Glina! Dort schießen die Tschetniks!

Sein Mörder ist bis heute nicht gefasst: SZ-Journalist Egon Scotland (1948 bis 1991) Bild: privat

1991 wurde im Kroatienkrieg der deutsche Journalist Egon Scotland von einem Scharfschützen erschossen. Sein Kollege Karl Hoffmann hat die Suche nach dem Mörder in einem Radio-Feature verarbeitet, das zum Todestag gesendet wird.

          Die Nachricht löst in der deutschen Presse einen Schock aus: Am 26. Juli 1991 wird Egon Scotland, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, bei der Anfahrt auf das kroatische Dorf Jukinac von der Kugel eines Scharfschützen getötet. Das Projektil durchschlägt den Scheinwerfer, durchdringt den Motorblock und zertrennt die Bauchschlagader. Scotland verblutet innerlich, stirbt auf dem Weg ins Krankhaus; der Fahrer des Wagens, der Reporter Peter Wüst, überlebt. Der Hörfunkjournalist Karl Hoffmann, langjähriger Freund des 1948 in Hagen geborenen Scotland, beschäftigt sich seit Jahren mit der Aufklärung des Falls. Er hat Augenzeugen aufgespürt, die Geschehnisse an diesem blutigen Julitag rekonstruiert. Das Ergebnis seiner Recherchen dokumentiert nun ein knapp einstündiges Radiofeature, das der Bayerische Rundfunk zum Todestag Egon Scotlands ausstrahlt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Stadt Glina gehört zur Krajina, dem Grenzgebiet zwischen Bosnien und Kroatien. Dorthin war Scotland von Zagreb aus aufgebrochen, um den Verbleib einer befreundeten Journalistin zu klären. Die Warnung, dass sich in Glina serbische Tschetniks, die lokale Polizei und die Jugoslawische Volksarmee beharkten, ignorierten die beiden Deutschen. Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, ist bis heute ebenso unklar wie die Frage, warum: Das Auto war als Pressefahrzeug deutlich markiert.

          Dragans Ziel ist die ethnische Säuberung des Gebiets

          Klar ist indes, dass der Schütze zur Truppe des Dragan Vasiljkovic gehörte oder gar dieser selbst war. Der selbsternannte „Kapetan“, Gründer einer humanitären Organisation namens Fonds Kapetan Dragan, gilt den orthodoxen Serben bis heute als auf Youtube zu bestaunender Held, den katholischen Kroaten als Kriegsverbrecher. Hunderte von Toten und Vergewaltigten sollen auf das Konto seiner Miliz gehen. Am 26. Juli 1991 plant Dragan, die Polizeistation in Glina einzunehmen. Aber aus der Kommandoaktion wird eine zehnstündige Schlacht, in deren Scharmützel Wüst und Scotland hineingeraten.

          Der mutmaßliche Kriegsverbrecher sitzt in australischer Auslieferungshaft: Dragan Vasiljkovic alias Daniel Snedden alias Kapetan Dragan

          Dragans Ziel ist die ethnische Säuberung des Gebiets. „Er war Gott und Knüppel“, erinnert sich ein Zeitzeuge. „Von ganz oben, von Miloševic“, habe er seine Befehle bekommen, gibt Dragan später zu Protokoll. Er lässt sich als Befreier der Republik Serbische Krajina feiern; die Machthaber stilisieren ihn zum Nationalhelden, in Wirklichkeit hat man den brutalen Hochstapler fallengelassen. Er verschwindet so schnell, wie er kam, geht zurück nach Australien, wohin er 1969 ausgewandert war. Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nennt ihn 2007 in einem Atemzug mit Milan Babic, Radovan Karadžic, Slobodan Miloševic, Ratko Mladic und Vojislav Seselj.

          Als Golflehrer namens Daniel Snedden in Australien

          „Der Führer eines serbischen Todesgeschwaders lebt und arbeitet als Golflehrer in Perth“ - so lautet die Überschrift eines australischen Zeitungsartikels, der 2005 Daniel Snedden, wie sich Dragan in seiner Wahlheimat nennt, aufspürt. Vasiljkovic wird verhaftet, kommt aber nach zwei Jahren frei, weil ein Gericht die Auslieferung mit der Begründung verweigert, in Kroatien erwarte ihn kein gerechter Prozess. Das australische Bundesgericht revidiert Ende 2009 diese Entscheidung, ordnet die neuerliche Festnahme an. Dragan taucht unter, wird zwei Monate später festgenommen und sitzt seither in Auslieferungshaft. In Kroatien erwarten ihn nach Einschätzung von Experten mindestens fünfzehn Jahre Haft.

          In Glina aber - das ist das gruselige Ende dieses verdienstvollen Features - wirbt heute ein Paintball-Club um Kunden. Funsport mit Farbgeschossen.

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