https://www.faz.net/-gqz-va7l

Kriegsserie „The War“ : Meinen Geist kann er nicht töten

Amerikanische Heldensaga: „The War” Bild: REUTERS

Der Rest der Welt darf bestenfalls mit Stichworten aufwarten: Die Serie „The War“ führt den Amerikanern den Zweiten Weltkrieg als „episches Gedicht“ vor - und sorgt dafür, dass vom Kriege nur noch ein amerikanisches Echo übrigbleibt.

          Es war kalt im japanischen Kriegsgefangenenlager. Glenn Frazier, der Soldat aus Mobile, Alabama, war von daheim andere Temperaturen gewöhnt, und so steckte er seine eisigen Hände in die Hosentaschen. Dem Lagerkommandanten mochte das gar nicht gefallen. Ein richtiger Soldat, befand er, laufe nicht mit Händen in den Hosentaschen herum.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Gefangen, aber nicht auf den Mund gefallen, machte Frazier ihn darauf aufmerksam, dass hier kein Soldat, sondern ein Kriegsgefangener vor ihm stehe. Worauf der Kommandant seinen Säbel zückte, die Klinge an Fraziers Kehle legte und ihn aufforderte, sich auf die Exekution vorzubereiten. Der Dolmetscher fragte ihn, ob er noch ein letztes Wort sagen wolle. Frazier wollte es. „Er kann mich töten“, ließ er dem Kommandanten durch den Dolmetscher bestellen, „aber er kann nicht meinen Geist töten.“ Und dieser Geist, fügte er hinzu, werde sich im Körper des Kommandanten einnisten, bis zu seinem Todestag.

          Die Szene ist perfekt

          Frazier, jetzt ein Veteran, der im gepflegten Zivil der Kamera gegenübersitzt, erzählt die Geschichte ohne pathetische Schnörkel. Dazwischengeblendet werden Aufnahmen aus dem Kriegsgefangenenlager, Fotos von säbelschwingenden Japanern und vom pausbäckigen Gefreiten Glenn Frazier. Ein dissonanter, rhythmisch zugespitzter Soundtrack sorgt für emotionalen Nachdruck. Als Frazier dann auch noch sagt, er habe niemals vorher oder nachher erlebt, dass ein Japaner seine Drohung nicht in die Tat umgesetzt habe, ist die Szene perfekt. Zweieinhalb glänzend ausbalancierte Fernsehminuten zwischen Lebensgefahr und amerikanischem Heroismus. In den fünfzehn Stunden, die der Dokumentarfilmer Ken Burns sich genehmigt, um in sieben Folgen den Zweiten Weltkrieg für den nichtkommerziellen Public Broadcasting Service (PBS) aufzuarbeiten, mag das eine Episode unter Hunderten sein. Aber sie wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Mammutserie.

          Zigarettenpause: Amerikanische Soldaten in Deutschland

          Burns bezeichnet „The War“ als „episches Gedicht“. Er hätte auch von einer Elegie sprechen können, mit der er seine Serialisierung amerikanischer Geschichte und Obsessionen fortsetzt. Er hat den Bürgerkrieg, den Baseball als Nationalsport und den Jazz als Nationalmusik in ausführlichen, nicht unumstrittenen Szenenfolgen und Bilderstrecken rekonstruiert. Immer war dabei die visuelle Dokumentation überzeugender als die analytische Schärfe seiner Darstellung. Nicht anders ist es mit „The War“. Aus seltenen Bildern und Filmaufnahmen, aus den Erinnerungen von Kriegsteilnehmern und ihren Angehörigen, die zu Hause um sie bangten, setzt er ein Mosaik zusammen, dem es an innerer Spannung nicht fehlt. Er weiß Emotionen bis in die Gefühligkeit zu schüren, und seinem Vertrauen in die „oral tradition“ opfert er gern den Rundblick. Aber diesmal verengt er derart die Perspektive, dass vom Zweiten Weltkrieg nur noch ein amerikanisches Echo übrigbleibt. Der Rest der Welt darf bestenfalls mit Stichworten aufwarten.

          Die „Greatest Generation“

          Wie gewohnt, hat Burns seine Erzählung tief in der persönlichen Erfahrung von Zeitzeugen verankert. Vier Brennpunkte hat bei ihm der Krieg, und sie alle befinden sich innerhalb der Landesgrenzen: Mobile im Bundesstaat Alabama, Waterbury in Connecticut, Luverne in Minnesota und Sacramento in Kalifornien. Es ist jedoch nicht das Leben in der amerikanischen Provinz, das er als Spiegel für seine zeitlich versetzte Kriegsberichterstattung heranzieht, es kann nur die Erinnerung an jenes Leben sein. Und wie es die Erinnerung an sich hat, ist sie einem beständigen Wandel ausgesetzt. Veränderung und auch Verklärung bleiben nicht aus. Es wird also niemanden überraschen, wenn abermals volltönend das Lied von der Heldenhaftigkeit und Ausnahmestellung der „Greatest Generation“ erklingt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankreich : Macron plant Ansprache

          Der französische Präsident wird am Montag wegen der heftigen Proteste eine Rede an die Nation halten. Zuvor trifft er sich mit Gewerkschaften und Arbeitgebern.

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.