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„Krieg und Frieden“ : Die Helden des Rückzugs auf der Siegerstraße

Natascha (Clémence Poésy, l.) und Sonja (Ana Caterina Morariu) befragen den Spiegel nach der Zukunft Bild: ZDF

Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ zu verfilmen, ist verwegen. Im ZDF ist zu sehen, wie man das Epos adäquat umsetzt - trotz nötiger Verkürzung. Der Vierteiler mit Start an diesem Sonntag zeigt allerdings mehr Frieden denn Krieg.

          Dies ist ein Kutschen-und-Kanonen-Film, der gleichwohl großes Fernsehen bietet. Robert Dornhelm, der österreichische Regisseur, Fabrizio Lucci, der italienische Kameramann, die italienischen Autoren Enrico Medioli und Lorenzo Favella sowie ihr englischer Kollege Gavin Scott haben im Auftrag von sechs europäischen Fernsehstationen, mit einer europäischen Schauspielergarde von bisweilen bestechendem Format und einem Etat von 26 Millionen Euro aus Leo Tolstois zweitausend Seiten umfassendem Weltroman „Krieg und Frieden“ innerhalb von zwei Jahren einen vierhundert Minuten langen Vierteiler erstellt, inszeniert, geschnitten, komponiert.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Musik, die der Pole Jan Kaczmarek dazu liefert, mischt eigene Töne mit klassischem Repertoire von Beethoven bis Chopin - sie ist, was man einen Klangteppich nennen mag, vor allem also opak und ähnlich überopulent wie eines der vielen, nicht enden wollenden Diners im Palais des Grafen Ilja Andréjewitsch Rostów.

          Eine Fülle umständlicher und skurriler Momente

          Tolstois Werk, 1868 und 1869 in vier Bänden erschienen, ist, neben vielem anderen, auch ein Vier-Familien-Roman aus Russlands Adel zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Den Rostóws fällt die eher genießerisch-gemütvolle Rolle zu, den Kurágins der berechnende und intrigante Part, für die Bolkónskis sind Misanthropie und großes Pathos reserviert, die Besúchows stehen für eine ziemlich zerstreute Geistigkeit, vor allem jedoch für überraschende Kontinuität - auf dem Totenbett macht Graf Kirill seinen unehelichen, also illegitimen Sohn Pierre zum Alleinerben eines der stattlichsten Vermögens im ganzen weiten Land.

          Der unglückliche Pierre (Alexander Beyer) gerät bei Borodino zwischen die Fronten

          Diesem Pierre - einem Parzival des Lebens, etwas linkisch, orientierungslos und stets zu kindlichem Staunen bereit - lässt der unbestechliche Tolstoi zwar keineswegs die ganze Sympathie zukommen, aber er macht ihn zu einer Art Rückgrat der Erzählkonstruktion. Dabei lenkt Pierre die Handlung nicht. In ihm aber laufen viele Gefühlsfäden der Liebes- und Leidensaffären zusammen, er ist der Katalysator eines ohne ihn träge reagierenden Gesellschaftskosmos - und er kann dies sein, weil er so anders ist als das ihn umgebende Figurenensemble.

          Wohl die beste Entscheidung des Regisseurs Dornhelm war es, diesen anerkannten Außenseiter als einzigen der Protagonisten - und gegen Tolstois Vorlage - mit einer Brille auszustatten und dieses Accessoire dann zum eigentlichen Helden der Verfilmung zu promovieren. Pierres permanentes Haushalten und Hantieren mit dem Gestell ergibt eine Fülle mal umständlicher und mal skurriler Momente - unübertrefflich skurril etwa wird es, wenn sich Pierre, dem man im letzten Teil und Sekunden vor der drohenden Erschießung eine Kapuze überzieht, vorher noch selbst das Augenglas abnimmt. Letztlich also - und das ist dramaturgisch überaus plausibel - sieht man den ganzen Film durch und mit Pierres Brille.

          Neben Alexander Beyer brilliert Alessio Boni

          Den deutschen Schauspieler Alexander Beyer als Pierre zu besetzen ist ein weiterer Glücksfall. Gegen das Porträt, das der Autor von ihm zeichnet, ist Beyer keineswegs „dick und breit“, sondern ein wohlproportionierter Kerl. Was man ihm aufgrund seiner expressiven Passivität aber von der ersten Szene abnimmt, sind all die anderen Eigenschaften, mit denen ihn Tolstoi ausstattet: Er ist selbst dann noch gutmütig, bescheiden und ein rührend einfacher Mensch, wenn er ein Attentat auf den einst so verehrten Napoleon plant.

          Neben Beyer brilliert Alessio Boni als Andrej Bolkónski. Bolkónski ist gleichermaßen misogyner Gatte, heroischer Offizier, menschenskeptischer Pantheist, zutiefst verletzter, dann hochherziger Liebhaber und zuletzt ein so jämmerlich wie gefasst zugrunde Gehender. Boni versteht es trefflich, aus dem zerrissenen Charakter eine Prachtgestalt der Identität zu entwickeln, gleichsam den Heldentenor im Gesellschaftsreigen. Überhaupt haben die Bolkónskis Glück. Valentina Cervi macht aus Andrejs Schwester Márja die überzeugendste weibliche Partie und übertrifft damit die durchaus nicht schwache Clémence Poésy, die als Natáscha Rostówa freilich gegen ein mächtiges Vorbild anspielen muss: Audrey Hepburn war die Menschen-Ikone in King Vidors Kinofassung des Stoffes von 1956.

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