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„Krieg gegen die Drogen“ auf Arte : Milde Strafen kriegt nur die Mittelschicht

  • -Aktualisiert am

Im Visier der Drogenfahndung: Marshall Larry Cearly kontrolliert den Verkehr einer amerikanischen Kleinstadt nahe der Grenze zu Mexiko. Bild: ZD / Sam Cullman / Derek Hallquist

Eugene Jarecki zeigt die Abgründe von Amerikas „Krieg gegen die Drogen“. Sein Film legt nahe, dass dieser Krieg als Mittel zur Diskriminierung ethnischer oder sozialer Gruppen instrumentalisiert wird.

          Wenn amerikanische Präsidenten die Rhetorik des Kreuzzugs bemühen, scheiden sich daran zumeist die Geister. Ronald Reagan verwendete sie in seiner Amtszeit in Bezug auf den Kampf gegen Drogen, und er betonte, dass die amerikanische Staatsmacht ihn mit bisher ungekannter Härte führen werde.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Eugene Jarecki macht es sich in seinem Film „Amerikas längster Krieg“ zur Aufgabe, diese Härte in all ihren Facetten zu zeigen und zu veranschaulichen, wie tiefgreifend mehr als vierzig Jahre des „War on Drugs“ die amerikanische Gesellschaft verändert haben. Jarecki hat Häftlinge und deren Familien besucht, mit Aufsehern und Polizisten gesprochen, Drogenfahnder bei der Arbeit begleitet. Diese Szenen schneidet er so geschickt mit Archivmaterial aus Politik und Zeitgeschichte, dass daraus ein dichtes Gesamtbild einer vielschichtigen Katastrophe entsteht.

          Rassendiskriminierende Strafen

          In diesem Bild erweist sich Drogenbekämpfung in Amerika als Mittel zur Diskriminierung ethnischer oder sozialer Gruppen, das zu keinerlei Besserung geführt hat, sondern nur zu überfüllten Gefängnissen und einem sich selbst erhaltenden System, gar einer Industrie. Das Prinzip ist, nicht erst seit Reagans Zeiten, das der drakonischen Bestrafung.

          Es ist erstaunlich, wie offen in diesem Film auch Menschen das amerikanische Strafrecht kritisieren, die es selbst ausführen. So macht der Leiter eines Gefängnisses keinen Hehl daraus, dass in seinen Augen die Anti-Drogen-Gesetze im ganzen Land private Haftanstalten in Betrieb halten, weil sie sich wirtschaftlich rentieren und den Kommunen nutzen. Richter kommen zu Wort, die sich für mildere Strafen aussprechen. Dabei geht es insbesondere um die auch als rassendiskriminierend empfundene Unterscheidung der „schwarzen Unterschichtsdroge“ Crack und der „weißen Mittelschichtsdroge“ Kokain, die chemisch sehr eng verwandt sind, aber bei der Strafbemessung lange Zeit im Verhältnis hundert zu eins behandelt wurden. Unter Präsident Obama wurde das Verhältnis auf achtzehn zu eins reduziert, aber auch das empfinden Vereine wie „Familien gegen obligatorische Mindeststrafen“ noch als zutiefst ungerecht.

          Gewaltverbrechen ausgeblendet

          Was die in Amerika üblichen Mindeststrafen bedeuten, sieht man im Film konkret: Da ist etwa ein zwanzigjähriger Schwarzer aus Kansas, der mit fünfzig Gramm Crack erwischt wurde und zwanzig Jahre ohne Bewährung absitzen muss. Ein weißer Mittvierziger aus Iowa, der hundert Gramm Crystal Meth zum Verkauf anbot, nachdem er in der Arbeitslosigkeit abhängig worden war und dann seine Sucht durch eigenes Kochen der Droge zu finanzieren versucht hatte, sitzt lebenslänglich ohne Aussicht auf Bewährung.

          Während Jareckis Film in seinem dokumentarischen Teil eine Wucht entfaltet, der man sich kaum entziehen kann und die das Strafsystem als grotesk überzogen erscheinen lässt, offenbart der analytische Teil eine Tendenz, die schließlich auf einen sehr prekären Vergleich hinausläuft: David Simon, der die Serie „The Wire“ geschrieben und zuvor einige sehr kluge Kommentare abgegeben hat, spricht vom Krieg gegen die Drogen als einem „Holocaust in slow motion“, und auch ein Historiker versteift sich darauf. Das wäre nicht nötig gewesen.

          Auch wenn der Film leider den Aspekt der drogenbedingten Gewaltverbrechen fast gänzlich ausblendet, bleibt sein Anliegen, eine Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen, legitim und wird durch zahlreiche Einzelbeobachtungen dringlich. Zum Beispiel die, dass es verrückt ist, wenn Polizisten nach der Anzahl ihrer Verhaftungen bezahlt werden.

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