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„Krieg der Welten“ bei FOX : Flucht durch den Tunnel

  • -Aktualisiert am

Wenn die Menschheit als Ganzes angegriffen wird: Wie hält man es dann mit den Angehörigen? Bild: obs

Die Teleskop-Tentakelwesen sind wieder da: H.G. Wells’ Klassiker „Krieg der Welten“ lässt sich auch als Serie erzählen. Vielleicht gar mit einem neuen, offenen Ende und einer Fortsetzung?

          3 Min.

          Der Tunnel zwischen Frankreich und England ist nicht für Fußgänger gebaut worden. Im Alltag brausen Hochgeschwindigkeitszüge durch die Röhre unter dem Kanal. In der außergewöhnlichen Situation, von der H.G. Wells in seinem Science-Fiction-Klassiker „Krieg der Welten“ erzählte, ist jedoch jede Form von Untergrund hilfreich, jedenfalls für einen Moment am Beginn des Angriffs auf die Erde.

          Und weil die Menschheit durch die ungekannte Bedrohung mehr oder weniger lahmgelegt wird, taucht kurz diese Idee auf: zu Fuß nach Hause, durch den Tunnel. Die teure, aber längst selbstverständlich gewordene Investition in eine Verbindung zwischen den beiden europäischen Großmächten Frankreich und England war seinerzeit eine Koproduktion, und da passt es nur zu gut, wenn nun die neue achtteilige Miniserie „Krieg der Welten“ darauf anspielt: denn auch in diesem Fall haben sich Akteure auf beiden Seiten des Kanals zusammengetan. Canal+ in Frankreich und Fox Channel in Großbritannien holen die Geschichte so ein bisschen nach Hause, denn der 1898 erschienene Roman erzählte ja von einer Invasion des Vereinigten Königreichs.

          Der Weltuntergang hat eine geläufige Dramaturgie

          Inzwischen hat sich aber vor allem die amerikanische Verfilmung durch Steven Spielberg aus dem Jahr 2005 im Gedächtnis festgesetzt, mit Tom Cruise in der Hauptrolle und New Jersey als Hauptschauplatz. Ganz einfach nach „good old England“ zurückversetzen ließ sich die Sache aber dann doch nicht, dazu reicht ein nationales Budget in Europa nicht. So sind nun Frankreich und England die wichtigsten Schauplätze, der Rest der Welt kommt zuerst einmal durch einen jungen Mann aus Afrika ins Spiel, der in Calais auf eine Überfahrt hoffte. Er wird bald zu einer Verkörperung des übergreifenden Themas: Wenn die Menschheit in ihrer Gesamtheit angegriffen wird, also als Großfamilie, wie hält man es dann mit den eigenen Angehörigen?

          „I don’t care about him“, sagt eine der wenigen Überlebenden der ersten Angriffswelle über Kariem Gat Wich Machar, den jungen Mann aus Afrika. Sie sorgt sich um die Menschen, die ihr davor am nächsten standen. Ihre Tochter Emily ist hingegen ist unbedingt gewillt, dem Verwundeten zu helfen. Sie wird als eine Art Medium charakterisiert, für die unmittelbare Bekämpfung der außerirdischen Aggressoren ist sie nicht zu gebrauchen, sie wird aber noch ihre entscheidenden Momente haben.

          Mal schauen, ob sie schauen: Helen Brown (Elizabeth McGovern) und Bill Ward (Gabriel Byrne) suchen im Fahrstuhl Zuflucht vor dem „Krieg der „Welten“.

          Weltuntergänge und vor allem solche, die mit knapper Not abgewendet werden, haben allesamt eine geläufige Dramaturgie. Zuerst wird in knappen Zügen der Alltag gezeigt, die unhinterfragten Routinen, und die zwischenmenschlichen Probleme, die plötzlich riesengroß werden, wenn es darauf ankommt. Howard Overman, der die neue Version von „Krieg der Welten“ veranwortet, hat diesen Aspekt womöglich auch aus taktischen Gründen stark hervorgehoben: Er bietet Figuren für eine deutlich längere Serie auf, als es die acht Folgen schließlich sein werden. Er verspricht also so etwas wie „The Walking Dead“, auch wenn er weiß, dass er mit gut sechs Stunden auskommen muss.

          So bekommt jede Hauptfigur feinsäuberlich ihre Haupt- und Nebenangelegenheiten zugeordnet. Ein britischer Neurologe (Gabriel Byrne), der die Außerirdischen „versteht“, kümmert sich obsessiv um seine geschiedene Frau (Elizabeth McGovern), von der zu Beginn lange Zeit nicht absehbar ist, ob sie bloß dramatische oder später auch (für das Geschick der Restmenschheit) instrumentale Funktion hat. Eine französische Funktechnikern (Léa Drucker) arbeitet im Team mit einem attraktiven Soldaten (Adel Bencherif), sucht aber auch verzweifelt ihre Schwester, das Sorgenkind der Familie.

          Der Rest ist Routine: Spannende Locations und Effektgestaltung. Bei Spielberg konnte man in atemberaubender Zuspitzung erleben, was es heißt, mit einem unheimlichen Tentakelwesen in einem Raum zu sein, das noch dazu ein Kind in seinen Fängen hat. Daran wird sich „Krieg der Welten“ nicht direkt messen wollen, wenngleich auch in diesem Fall das Design der feindlichen Kreaturen wichtig genug ist, dass die Serienmacher die Enthüllung bis in die dritte Folge verschieben – für solcherart Suspense ist bei einem Mehrteiler schön Zeit.

          Noch nicht enthüllt wurde für die berichtende Presse, ob Overman und seine Autoren sich eine originelle Lösung für das Ende der Geschichte ausgedacht haben. Da wird die Romanvorlage nämlich manchmal als unbefriedigend empfunden, weil es an einem ordentlichen Showdown mangelt, an einer Szene, die alles zusammenfasst wie in Roland Emmerichs „Independence Day“, wo die feindliche Spezies schließlich buchstäblich dumm aus der Wäsche schaut. Spielberg blieb weitgehend bei der Lösung von Wells, der damals noch nicht an die Handlungsmacht-Ideologie dachte, die das Hollywood-Kino so stark vertritt: Probleme müssen immer durch Helden gelöst werden, lange Zeit meistens weiße Männer. Bei Wells hingegen löst sich das Problem wie von selbst, ein im Grunde brillantes, ökologisches Ende, über das die Macher der französisch-britischen Adaption von „Krieg der Welten“ im Detail aber sicher neue Überlegungen angestellt haben werden.

          Krieg der Welten beginnt am Mittwoch um 21 Uhr bei Fox, zu empfangen über Sky und Magenta TV und Vodafone.

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