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Sitcom „Lehrerin auf Entzug“ : Virtualität ist Mist

  • -Aktualisiert am

Verzweifelt zwischen Home Office und Klassenzimmer: Tina (Christine Eixenberger) in „Lehrerin auf Entzug“. Bild: ZDF und BERND_SCHULLER

Home Office statt Klassenzimmer und eine engagierte Grundschullehrerin, die „Kreidestaub inhaliert wie andere Koks“: Bei ZDFneo ist in der gleichnamigen Webcomedy eine „Lehrerin auf Entzug“.

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          Irgendwann vor den Sommerferien 2020: Adieu, Covid-19-Beschränkungen, willkommen, Schule der Zukunft. In der Webcomedy „Lehrerin auf Entzug“, die in der Mediathek seit dem 10. Juli zu sehen ist und nun im linearen Fernsehen bei ZDFneo erscheint, ist die Kurve der Neuansteckungen signifikant abgeflacht. Es herrscht Erleichterung allerorten, vor allem aber bei der passionierten Grundschullehrerin Tina Färber (Kabarettistin Christine Eixenberger), die „Kreidestaub inhaliert wie andere Koks“.

          Unter den „Homeschooling“-Bedingungen hat sie mindestens ebenso gelitten wie die meisten ihrer Schüler. Endlich wieder Präsenzunterricht! Zum Beispiel mit schlecht gewischten Tafeln, übermüdeten Beschulungsunwilligen, überambitionierten Eltern, mit Kruzifixen an der Wand (jedenfalls in Tinas Schule) und dem Schweiß von Generationen in der Turnhalle. Schwätzen, Kippeln und Briefchen schreiben, unbenutzbare Toiletten und nicht zuletzt Direktor Riedlechner (Thomas Huber), der die Schule am schönsten in den Ferien findet – wenn die Blagen über alle Berge sind. In Zukunft kommen dazu ein paar hoffentlich funktionierende Laptops, weil sich gerade herumspricht, dass die Digitaloffensive des Bundes nicht nur ein Gerücht war, sondern wirklich die Anschaffung einiger Hard- und Software erlaubt. Ob allerdings die Verbindungskapazitäten ausreichen, ob es in absehbarer Zeit schnelle Glasfaser auf den letzten Schulmetern gibt, sei lieber dahingestellt.

          Herrlich, findet Tina. Außergewöhnliches Engagement lohne sich eben, bedeutet ihr der duzfreudige Bildungsforscher Professor Haller (Felix Hellmann) im bayerischen Kultusministerium und malt der Vorzeigelehrerin ihren künftigen Bildungsauftrag in leuchtenden Farben aus: „Du bist nichts weniger als der Neil Armstrong der Grundschulpädagogik.“ Präsenz sei out. Sie dürfe nun das Online-Musterklassenprojekt leiten, könne das virtuelle Curriculum der Stunde mitbestimmen. Nach Monaten des Homeschooling, in denen maskierte Eltern unter konspirativen Bedingungen Papierpakete mit Arbeitsaufträgen an der Schulpforte in Empfang nahmen; in denen verwunderten Lehrern plötzlich auffiel, dass von digitaler Ausstattung vieler Schüler zu Hause nicht die Rede sein kann und in der Schulcloud höchstens die Hälfte der Klasse aufzufinden war; in denen instabile Verbindungen Lehrergesichter in den ulkigsten Posen einfrieren ließen und für manche selbst E-Mails zu Verwirrung führten, ist Tina bedient.

          Und sie nimmt die Herausforderung an, zumal ihr Wettbewerbsgeist geweckt ist. Eine geheimnisvolle Parallelklasse will den Zukunftspokal. Von virtueller Körperertüchtigung bis zur online übertragenen Naturexkursion – bei der ihre Schüler die Waldgeräusche ausschalten und lieber fette Beats unterlegen –, Tina gibt alles, auch wenn sich Elternabende auf Zoom nur mit viel Schnaps ertragen lassen. Bis sie erfährt, dass ihr neues E-Learning-Programm einem einzigen Zweck dienen soll – die Lehrer aus Fleisch und Blut aus Kostengründen wegzurationalisieren. Bis 2025 fehlten ohnehin 15.000 Grundschullehrer, meint das Ministerium. Rektor Riedlechner hält dagegen: „Wo bleibt da Herz, Verstand, Gefühl?“ Erzeugt werde „eine Generation von Autisten“. Und ohne Glitzerstickersammlung.

          Die sechs Achtminüter von „Lehrerin auf Entzug“ nehmen das aktuelle Schulproblem wünschenswert aktuell auf die Schippe. Die Witzdichte ist freilich eher gering, dafür spielt Christine Eixenberger mir Herzblut. Dem Buch von Tobias Öller hätte mehr Biss und weniger Mission besser gestanden, Sinan Akkus’ Regie nutzt die Möglichkeiten, die die Simulation von Zoom-Meetings bietet, ist aber ansonsten eher einfallslos. Im Vordergrund steht eine Botschaft: Virtualität allein ist Mist, der pädagogische Eros fliegt nur dort, wo Menschen Menschen begegnen. Als prompte Reaktion auf das Zeitgeschehen erhält die Produktion von uns eine Zwei mit Sternchen.

          Lehrerin auf Entzug, 0.45 Uhr, ZDFneo

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