https://www.faz.net/-gqz-a3pkz

Fernsehfilm „Kranke Geschäfte“ : Patienten als Devisenbringer

  • -Aktualisiert am

Marie und Armin Glaser wissen nicht, warum es ihrer Tochter Kati trotz verabreichter Medikamente immer schlechter geht. Bild: ZDF und Dusan Martincek

Urs Eggers letzter Film „Kranke Geschäfte“ handelt von Medikamentenversuchen in der untergehenden DDR. Die Geschichte ist gut recherchiert und skandalisiert nicht. Durch Corona kommt eine besondere Dimension hinzu.

          3 Min.

          DDR 1988, Bezirkskrankenhaus Karl-Marx-Stadt: Die vierzehnjährige Kati (Lena Urzendowsky) leidet unter massiven Sehstörungen, plötzlich aufgetretenen Lähmungen und anderen Ausfallerscheinungen. Ein Gehirnscan wäre nötig, um die Diagnostik abzuschließen. Dr. Sigurd (Corinna Harfouch) dämpft die Erwartungen der besorgten Eltern Marie (Felicitas Woll) und Armin Glaser (Florian Stetter). Erst einmal fünf Wochen abwarten, bis zum MRT-Termin. Man könne froh sein, dass es einen modernen Kernspintomographen gibt, wo regelmäßig Menschen sterben, weil selbst Defibrillatoren Mangelware sind.

          Während Marie besonnen bleibt, rastet Armin aus. Für ihn bricht eine Welt zusammen. Dem sozialistischen Traum von der durch Staatstreue privilegierten Kleinfamilie geht die Luft aus. Binnen Jahresfrist wird sein sozialistischer Staat selbst verendet sein, ideologisch pleitegegangen, und nicht nur für ihn gestorben. Sein Vorgesetzter wird ihn, den „Zweihundertprozentigen“, da bereits als „Krankheitsherd“ aus dem Dienst entfernt und als Dissident ins Gefängnis gebracht haben.

          Das ist die Ironie der Geschichte, die der Fernsehfilm „Kranke Geschäfte“ erzählt, und es ist nicht die einzige realexistierende Fiktionsfarce: Im Gefängnis trifft Armin Glaser die „zersetzenden Subjekte“ wieder, die er als Oberleutnant der Stasi überwacht und im manipulativen Verhör psychisch zermürbt hat. Zum Beispiel, weil sie bei Konzerten Wolf-Biermann-Lieder gespielt hatten.

          Mangel war in der DDR bekanntlich relativ. Plötzlich geht hier alles schnell, Kati bekommt ihr MRT – und die Aussicht auf ein neuartiges Mittel. Marie erhält einen Schnelldurchlaufvortrag über die Wirkungen, den Krankenschwester Jürgens (Nina Gummich) als Zeugin unterschreibt. Armin bleibt misstrauisch, lässt Dr. Sigurds Büro durchsuchen und ihre Kontakte überwachen. Er findet Beweise wie gewünscht, stangenweise Westzigaretten, Amphetamine und einen Walkman.

          Anscheinend kommt regelmäßig ein Lieferant aus der BRD und überbringt Medikamente. Dass nicht Dr. Sigurd die Verräterin ist, sondern den Patienten verheimlichte Medikamententests stattfinden, die von DDR-Managern zur Devisengenerierung eingefädelt und von der Staatsführung unterstützt werden, erschließt sich Armin erst langsam. Bekäme Kati das wirksame Mittel, wären seine Gewissensnöte geringer. Aber sie ist anscheinend in der Kontrollgruppe mit dem wirkungslosen Placebo.

          Im Nebenbett geht es der jungen Punkerin Niki (Amber Bongard) dagegen immer besser. Armin erpresst Dr. Sigurd, die Spritzen zu vertauschen. Ein Held wird dieser Mann nicht, höchstens ein Vater, der sein Kind um jeden Preis zu retten sucht. Und ein Störfaktor für den reibungslosen Ablauf der Geschäfte zwischen dem westdeutschen Pharmahersteller Necker (Udo Samel) und dem desillusionierten Staatssekretär (Jörg Schüttauf), der weiß, dass die Millionen Westmark nicht nur der Anschaffung medizinischen Geräts, sondern der Vergoldung der Wasserhähne in Wandlitz dienen.

          „Kranke Geschäfte“ ist ein sorgfältig recherchierter Fernsehfilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Zwar gab es mit der „Deklaration von Helsinki“, die auch die DDR-Führung unterschrieben hatte, genaue Vorgaben für Medikamententests, eingehalten wurden sie aber weder in der DDR noch in anderen „sozialistischen Bruderländern“. Nicht immer wurden – und werden – Patienten aufgeklärt. Aktuell bekommt „Kranke Geschäfte“ eine besondere Dimension: Während alle Welt auf einen Covid-19-Impfstoff wartet, halten manche klinisch überwachte Tests für überflüssigen Luxus. Corona-Impfung – koste es, was es wolle?

          Dem Film ist anzurechnen, dass er die Vorgänge nicht übertrieben skandalisiert. Firmenchef Necker und seine Mitarbeiter (Matthias Matschke, Johannes Allmayer) betonen, dass es wegen des Contergan-Skandals in der Bundesrepublik eine Stimmung gebe, die quasi zur Konspiration dränge. Das neue Mittel Beta-Interferon (das heute tatsächlich erste Wahl bei MS-Schüben ist) sei vielversprechend. Die DDR-Ärzte erscheinen nicht als skrupellose Strippenzieher. Sie ringen – in Maßen – um ihren hippokratischen Eid. Sie wollen heilen können. Der Film erzählt dazu noch eine Coming-of-Age-Geschichte. Vatertochter Kati, die Lena Urzendowsky eindringlich spielt, freundet sich mit ihrer unkonventionellen Bettnachbarin an und bricht auf eigene Faust zum Depeche-Mode-Konzert nach Ost-Berlin auf. Die wichtigste Rolle aber bleibt Stetters privilegierter Stasioberleutnant, der sich vom Täter zum Kritiker wandelt.

          „Kranke Geschäfte“ ist der letzte Film des Anfang des Jahres verstorbenen Regisseurs Urs Egger. Egger, mehrfach preisgekrönt, inszenierte große, emotionale Stoffe schnörkellos und differenziert. Seine Heldengeschichten gingen nie glatt auf, er drehte keine Themenfilme. Egger zeigte Menschen, und das wirkungsvoll. Das ist bei seiner letzten Arbeit (Buch Johannes Betz, Kamera Lukas Strebel) nicht anders. Am Ende ist „Kranke Geschäfte“ mehr Familiengeschichte als Skandaltrompete. Er zeigt eine wichtige Facette klandestiner deutsch-deutscher Beziehungen. In Urs Eggers Handschrift, die wir vermissen werden.

          Kranke Geschäfte läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte, am Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

          Weitere Themen

          Alles Theater

          Michael Gambon wird 80 : Alles Theater

          Von Beckett bis „Harry Potter“ ist er als Mann des intuitiven Handwerks zu sehen: Dem Schauspieler Michael Gambon zum Achtzigsten Geburtstag.

          Topmeldungen

          Wie lässt sich eine Million in Form eines Grundstücks anlegen?

          Monopoly, Börse oder Spende : Was tun mit einer Million?

          Eine Frau erbt ein Grundstück im Wert einer Million. Wie lässt sich damit Geld verdienen, wenn das Grundstück nicht benötigt wird? Darauf lässt sich ein Supermarkt bauen, oder das Grundstück in Aktien eintauschen.
          Katja Scholtz (links) und Kirstin Warnke

          Volkskrankheit Migräne : Dann bin ich wohl ein Totalschaden

          Sie kennen sich nur flüchtig. Dann erfährt die eine, dass die andere auch Migräne hat – wie sie selbst. Und schreibt ihr. Ein Mailwechsel über Schmerzen, Scham und flüchtige Momente der Freude.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.