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TV-Kritik: Berlin direkt : Sommerinterview mit Konstruktionsfehler

  • -Aktualisiert am

Schrebergarten-Idylle statt kritisches Nachfragen

Hier hätte ein Journalist nachfragen dürfen. Warum setzt die CDU-Vorsitzende auf einen solchen Konsens? Der sogenannte Kohlekompromiss von Anfang dieses Jahres ist nämlich von den beteiligten Umweltverbänden sofort wieder vergessen worden. Was bedeutet diese Erfahrung für eine solche Konsenssuche, wenn etwa ein CDU-Landesverband in Nordrhein-Westfalen gleichzeitig mit den massiven Konflikten um die Braunkohle fertig werden muss? Natürlich vermied Frau Kramp-Karrenbauer ebenfalls nicht den Hinweis, die Klimapolitik dürfe „die wirtschaftliche Dynamik“ nicht beeinträchtigen. Allerdings befindet sich die deutsche Wirtschaft mittlerweile selbst ohne Klimapolitik im Rückwärtsgang. Der massive Stellenabbau der um ihr Überleben kämpfenden Deutschen Bank lief zwar erst an diesem Abend über den Ticker. Nur ist das lediglich ein Krisenzeichen für die Kernsektoren unserer Volkswirtschaft. Keine Nachfrage dazu von Koll. Kein kritischer Einwand, um Frau Kramp-Karrenbauer herauszufordern. Wenn sich Frank Plasberg am vergangenen Montag gegenüber dem AfD-Politiker Uwe Junge so verhalten hätte, wäre die Kritik an ihm sogar nachvollziehbar gewesen.

Immerhin konnten die Zuschauer diese Ignoranz noch als Ausdruck gegenwärtiger Schrebergarten-Idylle werten. Dort hat man sich im Glanz eines zehnjährigen Booms gemütlich eingerichtet. Wirtschaftspolitik ist kein Thema mehr, sondern die von Friedrich Merz ironisch aufgeworfene Frage, ob „sich jede Minute ein deutscher Journalist in Robert Habeck verliebt“. Die CDU-Vorsitzende verwies für die Antwort an den anwesenden Journalisten. Die gab er nicht, was aber nicht weiter auffiel: Koll hatte schließlich auch keine sinnvollen Fragen gestellt. Dafür gab es weitere Beispiele. Etwa als es um den Atomkonflikt mit Iran ging. Frau Kramp-Karrenbauer setzte sich für ein Festhalten am Atomabkommen mit Teheran ein, trotz der angekündigten Produktion waffenfähigen Urans. Dagegen ist nichts zu sagen. Allerdings gegen ihren seltsam anmutenden Hinweis auf Gespräche mit der Regierung in Israel. Diese teilt in diesem Konflikt die Position der Vereinigten Staaten. Koll hätte diesen offensichtlichen Widerspruch thematisieren müssen, tat er aber nicht.

So ermöglichte dieses Sommerinterview einen weiten Horizont, aber lediglich bezüglich der  Möglichkeiten politischer Phraseologie. Dabei ging es nicht darum, ob sich eine Spitzenpolitikerin Optionen offenhalten will. Oder ob sie politischen Sprengfallen aus dem Wege zu gehen versucht. Natürlich wollte sich Frau Kramp-Karrenbauer nicht festlegen, ob deutsche Bodentruppen bald in Syrien mitkämpfen müssen. Das betrifft in gleicher Weise die Zukunft der Berliner Koalition, die sich wegen des desaströsen Zustandes der Sozialdemokraten im permanenten Krisenmodus befindet. Aber ein Journalist sollte inhaltlich auf der Höhe der Debatte sein, um den Zuschauern in einem solchen Interview mehr als nur Werbebotschaften zu vermitteln.

Journalistische Tollkühnheit

Einmal insistierte Koll aber doch. Es ging um die Frage, ob Donald Trump mit der Kündigung des Atomabkommens nicht einen Fehler gemacht habe. Das wollte die CDU-Vorsitzende nicht so deutlich sagen, wäre aber kein Problem gewesen. Hierzulande gibt es nämlich nur wenige Zeitgenossen, die überhaupt zu denken wagten, der amerikanische Präsident könnte einmal etwas richtig gemacht haben. Insofern hätte Koll besser formuliert, ob Trump beim Iran-Abkommen nicht recht hatte. Eine solche journalistische Tollkühnheit hätte aber unter Umständen das ZDF-Sendezentrum im fernen Mainz zum Einsturz gebracht. Oder doch nicht? Thomas Walde hatte in den vergangenen Jahren bewiesen, wie man solche Sommerinterviews professionell führt. Vielleicht sollte Theo Koll den Frankreich-Korrespondenten des ZDF aus Paris einfliegen lassen. Die CO2-Belastung nehmen wir als Zuschauer gerne in Kauf und könnten das Pflanzen eines Baumes als Klima-Kompensation anbieten. Es müsste nicht einmal Martin Luthers berühmtes Apfelbäumchen sein. Das wäre dann doch etwas übertrieben. 

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