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Korruption beim Kinderkanal : Er will kein Bauernopfer sein

Ihm wird Bestechlichkeit vorgeworfen: Steffen Kottkamp, vormals Geschäftsführer des Kinderkanals Kika, wurde im November 2011 fristlos entlassen. Bild: dpa

Die Geschichte der Ermittlungen zu Korruptionsfällen beim von ARD und ZDF gemeinsam geführten Kinderkanal Kika nimmt kein Ende. Jetzt greift der einstige Kika-Chef Kottkamp den MDR an.

          Die Geschichte der Ermittlungen zu Korruptionsfällen beim von ARD und ZDF gemeinsam geführten Kinderkanal Kika nimmt kein Ende. Jetzt hat der ehemalige Programmgeschäftsführer des Kinderkanals, Steffen Kottkamp, dem bei der ARD für den Kika federführend zuständigen Mitteldeutschen Rundfunk und dessen Intendantin Karola Wille in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vorgeworfen, im Rahmen der Korruptionsermittlungen von eigenen Verantwortlichkeiten und von Missständen abzulenken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Kottkamp sieht sich als „Bauernopfer“ und bestreitet den Vorwurf, er habe beim Kika „schwarze Kassen“ eingerichtet. Er wisse nichts von illegalen Geldtransfers, sagte er der SZ. Die zentralen Aussagen, die ihn angeblich belasteten, lägen weder ihm noch seinem Anwalt vor. Kottkamp kämpft um seinen Ruf. Er hat eine Kündigungsschutzklage eingereicht.

          Kottkamp war Mitte März fristlos entlassen worden. Dazu habe man sich nach Einsicht in die Akten der Staatsanwaltschaft Erfurt entschlossen, hatte der MDR seinerzeit mitgeteilt (F.A.Z. vom 15. März). Und auch jetzt weist der Sender auf Anfrage dieser Zeitung den Vorwurf zurück, man habe sich an den Falschen gehalten, ein Vorwurf, den Kottkamp schon in einem Schreiben an die Intendanten von MDR und ZDF erhoben hatte. Darin argumentiert er, es sei „grotesk“, ihm vorzuwerfen, er „habe auf der Klaviatur der Korruption und Unterschlagung mitgespielt“.

          Die Kündigung erfolgte „aus wichtigem Grund“

          “Herr Kottkamp ist der Beschuldigte in einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Erfurt“, sagte der MDR-Sprecher Walter Kehr nun auf Anfrage dieser Zeitung. „Nach unserem Kenntnisstand geht es bei diesen Ermittlungen um die Verantwortlichkeiten von Herrn Kottkamp als Manager des Kinderkanals, um sein Verhalten und mögliches Fehlverhalten. Zu Details der Ermittlungen kann aber nur die Staatsanwaltschaft Auskunft geben.“

          Die Kündigung Kottkamps, der Budgetverantwortung gehabt habe, sei „aus wichtigem Grund“ erfolgt, die Gründe seien dem entlassenen Geschäftsführer bekannt. Vorausgegangen seien eigene Ermittlungen, eine Befragung Kottkamps und eine Anhörung des Personalrats. Aufgrund der eigenen Nachforschungen und in Kenntnis der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Erfurt habe der Verwaltungsrat des Senders die Kündigung bestätigt.

          Ein Maßnahmenkatalog für die Zukunft

          Der MDR, so heißt es weiter, „unterstützt die Staatsanwaltschaft mit eigenen Ermittlungen bei der Aufklärung von Vorgängen aus der Vergangenheit und stellt alle Erkenntnisse zur Verfügung. Aus allen Ermittlungsergebnissen und insbesondere aus den verschiedenen Revisionsberichten sind die nötigen Konsequenzen gezogen worden. Sie mündeten in einem Maßnahmenkatalog, der umgesetzt wurde.

          Dabei geht es wesentlich um die Trennung der Funktionen der Beauftragung, Beschaffung und Abrechnung von Leistungen und die konsequente Einführung des sogenannten Vieraugenprinzips.“ Die Staatsanwaltschaft erklärte auf Anfrage dieser Zeitung, die Ermittlungen gegen Kottkamp und weitere Beschuldigte dauerten an. Es geht um den Verdacht der Untreue und der Beihilfe zur Untreue.

          Geldtransfers und überhöhte Rechungen

          Ermittelt wird zu Bargeldzahlungen, die es beim Kika in den Jahren 2009 bis 2011 gegeben haben soll. Das Verfahren soll folgendermaßen gewesen sein: Eine Produktionsfirma wurde veranlasst, überhöhte Rechnungen zu stellen, über tausend Euro pro Monat. Ein Teil dieser Summe (vierhundert Euro monatlich) soll dann angeblich Kottkamps persönlichem Referenten in bar ausgezahlt worden sein.

          Veranlasst haben soll den Deal der inzwischen wegen Untreue und Bestechlichkeit mit einem Schaden von 8,2 Millionen Euro rechtskräftig verurteilte ehemalige Herstellungsleiter des Kika, Marco Kirchhoff. Er wurde im vergangenen Jahr vom Landgericht Erfurt zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Die umstrittene Geldzahlung an Kottkamps Referenten ist sozusagen ein kleiner Beifang der Ermittler, die sich über Monate hinweg mit den sehr viel größeren Geldtransfers des einstigen Kika-Herstellungschefs befasst haben.

          Die Staatsanwaltschaft prüft noch weitere Vorgänge beim Kika, welche die Jahre 2008 bis 2010 betreffen und die einen Schaden von insgesamt 100 000 Euro verursacht haben sollen. Dabei geht es unter anderem um die Abrechnung eines Betriebsfestes. Auf diesem wurde der vormalige Kika-Geschäftsführer Frank Beckmann verabschiedet, der vor Kottkamp den Kinderkanal führte und heute Programmdirektor beim Norddeutschen Rundfunk ist. Auch gegen ihn laufen Ermittlungen.

          Beckmann bestreitet, von unsauberen Abrechnungen gewusst zu haben. Er habe dargelegt, „dass er sich keiner Schuld bewusst sei“, teilte der NDR seinerzeit mit. Der Justitiar des Senders sei mit der Klärung der Vorwürfe befasst. Inzwischen, hieß es auf Anfrage nun, habe man Einsicht in die Akten der Staatsanwaltschaft Erfurt erhalten. Es habe weitere Gespräche mit Frank Beckmann gegeben, „der erneut dargelegt hat, dass er sich keiner Schuld bewusst ist“. Im Übrigen gebe es in der Sache beim NDR keinen neuen Stand.

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