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Konflikt der Fernsehgenerationen : Wir Eltern aus Bullerbü

Die hyperaktiven Elfen „Cosmo & Wanda“: Da kann man die Kinder auch gleich an ein Stroboskop anschließen Bild: NIckelodeon

Das Pech der neuen Fernsehgeneration ist, dass ihre Eltern genau wissen, was gutes Fernsehen ist. Neben die pädagogischen Bedenken gegen die neuen Kinderserien treten inzwischen auch ästhetische.

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          Was für ein Wunder das Fernsehen doch ist, sogar das deutsche. Es entführt seine Zuschauer in Welten, die so viel weiter sind als die eigene, es zeigt denen, die sich so oft so klein und ohnmächtig vorkommen, wie groß und mächtig sie sein können, es erschafft Wirklichkeiten, die man auch noch bewohnen möchte, wenn die Sendungen längst vorbei sind – und jene eine Realität, die so eng und phantasielos ist, die hilft es wenigstens zu verstehen. Bei all dem nimmt es seine Zuschauer sehr ernst, vor allem dann, wenn es versucht, lustig zu sein. Und dass dieses sensationelle Fernsehen trotzdem manchmal verboten gehört, liegt in der Regel nicht am Programm oder an seinen Machern. Sondern daran, dass sich zwischen den Sendern und ihrem Publikum eine ganz seltsame Instanz einschaltet: die Eltern.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sind, zum Teil, sehr alte Diskussionen, welche die Eltern von heute führen, wenn es um die Auswirkungen des Fernsehens auf das Wohl ihrer Kinder geht. Was daran liegt, dass die Schäden am kindlichen Gemüt, für welche man vor einer Generation noch eher instinktiv die Trivialität von Comicserien und die Brutalität von Cartoons verantwortlich machte, auch nicht einfacher ignoriert werden können, seit manche glauben, man könne sie per Hirnscanner direkt an den Synapsen ablesen. Dass viele Erziehungsberechtigte trotzdem gelassener an die Fernsehlust ihrer Kinder herangehen und manche sogar die Hoffnung aufs Abitur auch dann nicht ganz aufgeben, wenn ihr Kind von Kika zu Super RTL abrutscht, liegt wohl auch daran, dass sie von sich selbst meinen, ihre „Pippi Langstrumpf“-Sozialisation geistig halbwegs intakt überstanden zu haben. Das ist der Unterschied zur Generation vor ihnen: Die heute 30-, 40-Jährigen sind nicht nur Eltern von Fernsehkindern. Sie sind selbst Kinder des Fernsehens.

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          Die eigene Biographie aber impft nicht zwangsläufig gegen Kulturpessimismus, schließlich dauert eine Generation immer lang genug, damit alles schlimmer wird, schneller, greller, gefährlicher. Doch obwohl die Angst vor der televisuellen Totalverblödung ein ganz gutes Rezept ist, um Bestseller zu verkaufen, bringt sie die wenigsten Eltern dazu, ihren Kindern das Fernsehen grundsätzlich zu verbieten. Nur ein bis drei Prozent der Kinder, je nach Altersgruppe, dürfen kategorisch nicht fernsehen. Und deshalb geht die Debatte heute nicht mehr nur um das Problem, ab wann Kinder fernsehen dürfen sollten und wie lange. Neben die pädagogischen Bedenken der Experten treten auch die eigenen ästhetischen. Die Frage ist nicht nur: Macht Fernsehen dick, dumm oder kriminell? Sondern auch: Macht es Spaß? Den Kindern – und den Eltern.

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          Manche Eltern können es kaum erwarten, den eigenen Kindern den Kanon der Lieblingsserien von früher beizubringen. Schließlich gehört es heute in manchen Kreisen zur Allgemeinbildung, die Titelmelodie von „Wickie“ mitsingen oder die Namen der Knetmännchen aus „Lucie der Schrecken der Straße“ aufsagen zu können. Womöglich ist das aber das viel größere Problem der heranwachsenden Fernsehgeneration: Ihr Pech ist nicht, dass ihre Eltern Fernsehen schlecht finden, sondern dass sie so genau wissen, wie gutes aussehen soll.

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