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Konflikt der Fernsehgenerationen : Wir Eltern aus Bullerbü

Die gerechte Rache der Kinder für den Retrowahn ihrer Eltern

Dabei ist „Spongebob Schwammkopf“ jetzt auch fast schon volljährig, seit 1998 tropft er durchs Programm. Seitdem wurde er immer wieder für die Intelligenz der Dialoge und die geniale Bekloppheit seines Witzes gelobt. Barack Obama sagt, er schaue „Spongebob“ mit seinen Kindern, und die Liste der Gaststars, die als Cartoon oder Stimme auftauchen, ist endlos, sogar David Bowie ist darunter. Die meisten Kritiker sind sich einig, dass sich die Serie dadurch auszeichnet, jung und alt gleichermaßen anzusprechen. Für Kinder sei sie ausreichend albern, für Erwachsene herrlich subversiv. Bei uns zu Hause ist der Effekt leider genau umgekehrt: Die Kinder scheitern an den doppelbödigen Pointen, von denen sie spüren, dass sie nicht für sie geschrieben wurden, ich kapituliere vor dem sensorischen Artilleriebeschuss, mit dem die Kinder bei Laune gehalten werden, um die Absurditäten zu ertragen, über die nur ihre Eltern lachen können. „Spongebob“ ist in etwa so lustig wie von vier Leuten festgehalten zu werden, während zwei einen kitzeln.

Auch wenn man das anders sehen kann: Das aktuelle Kinderprogramm bietet genug Aufreger für jeden Geschmack – zum Glück. Es könnte nämlich sein, dass diese Aversion am Ende genau das ist, was die Fernseherfahrung der Kinder vor der Toleranz ihrer Eltern rettet. Dass Fernsehen für Kinder so viel Identifikationspotential bietet, das liegt ja weniger an der künstlerischen Qualität des Programms, ob es nun „Captain Future“, „Teenage Mutant Hero Turtles“ oder „Kim Possible“ heißt. Sondern an ihrer angenehm irren Entfernung zur Wohnzimmer- und Schulhofwirklichkeit. Das Wichtige an solchen Serien war eben auch immer, dass die Erwachsenen sie nicht verstanden. Wenn aber diese Gegenwelt nur noch aus den elterngetesteten Eskapismusmodellen der siebziger und achtziger Jahre besteht, ist das im Prinzip auch nur eine Form des Kontrollwahns, den man derzeit als Helikopter-Parenting bezeichnet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die sich auch für die ausgewogene mediale Ernährung zuständig fühlt, empfiehlt etwa, dass Kinder „auf gar keinen Fall alleine vor dem Fernseher sitzen“ sollen. Für manche Eltern ist das das geringste Problem, die gehen zur Not später auch mit in die Disco.

Insofern muss man fast schon froh sein, dass es noch Sendungen gibt, die man schrecklich finden kann. Die Abneigung gegen Serien, deren Helden Haushaltsgegenstände auf Ecstasy sind und deren Charme in etwa der eines Zahnbohrers ist, ist immerhin ein Indiz dafür, dass die Dynamik popkultureller Dissidenz noch halbwegs funktioniert. Wobei die grundsätzliche Toleranz gegenüber der ästhetischen Rebellion der Kinder natürlich auch nur in die nächste Schleife des erzieherischen Chaos führt. Sie läuft nämlich letztlich auf den paradoxen Imperativ hinaus, dass die Kinder gefälligst das schauen sollen, was schlecht für sie ist. Und nicht den sinnvollen Unsinn aus dem elterlichen Archiv. Dass die Helden dieser Wohnzimmerrebellion aber auch heute noch Pumuckl, Pipi und Michel aus Lönneberga heißen müssen, ist ein nostalgischer Trugschluss.

„Spongebob“ und Co. sind die gerechte Rache der Kinder für den Retrowahn ihrer Eltern. Das heißt: Wenn man Glück hat. Wenn nicht, dann kann die präpubertäre Gegenreaktion nämlich genauso leicht in den moralistischen Rollback umschlagen. Wer einmal von „Laura Stern“ gehört hat, weiß, was ich meine.

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