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Konflikt der Fernsehgenerationen : Wir Eltern aus Bullerbü

Wenn jedenfalls demnächst der Kinderunterhaltungsriese Disney auch in Deutschland einen eigenen Kanal starten will, dann sind es nur noch ein paar leise Rufe, die den Untergang des Abendlandes befürchten. Disney will sich nicht länger auf seine Kooperation mit Super RTL beschränken und sendet ab 17. Januar unter eigenem Namen im Free-TV, auf der Frequenz, die der eingestellte Sender „Das Vierte“ freimacht. Wenn die Kinder im Bett sind, laufen dort dann nicht nur Familienfilme und alte Folgen der „Muppet Show“, sondern auch die Show „Ducks and Friends“, in der die Erwachsenen „mit Kindheits- und Jugenderinnerungen unterhalten“ werden. Tagsüber zeigt man Serien, die bisher auf Super RTL liefen, und will damit die „Markenpräsenz“ in Deutschland ausbauen. Super RTL hat sich in den vergangenen Monaten auf die Lücken im Programm vorbereitet und schließt das Defizit mit einer Kooperation mit dem Dreamworks Studio, dessen Serien wiederum bisher vor allem beim Sender Nickelodeon gezeigt wurden.

Die Gutelaunefolter von Nickelodeon und SuperRTL

Noch weniger Bauchschmerzen macht das Projekt des Porsche-Enkels Stefan Piëch, der mit seinem Sender RiC eine kommerzielle Konkurrenz zum öffentlich rechtlichen Kika zusammenschrauben will, mit „qualitativ hochwertigen und edukativen Programmen, die europäischen Ursprungs und frei von Gewalt sind“. Und mit ein paar anderen revolutionären Suchtbremsen, die eher an die Umsicht der Eltern appellieren als an die Hemmungslosigkeit des Publikums: Das komplette RiC-Programm läuft innerhalb eines roten Vorhangs, der sich vor den einzelnen Sendungen öffnet und danach wieder schließt, um die Reizüberflutung für die zu nahe vor den großen Flachbildschirmen sitzenden Kinder einzudämmen. Abends zwischen halb sieben und sieben bleibt der Bildschirm völlig schwarz, dazu wird eine Gutenachtgeschichte erzählt.

Irgendwo zwischen bilderlosem Hörspiel und dem neonfarbenen Gebrüll der Spielzeugwerbungssender liegt das Ideal der Bullerbü-Generation: Liebevoll erzählte, niedlich gezeichnete Geschichten mit einem Schuss Anarchie und Bildung sollten es sein. Im Schrank stapeln sich DVDs tschechischer Kinderserien, und zur Not findet man auf Youtube fast alle Folgen vom „Kleinen Maulwurf“. Wer Kika einschaltet, bekommt zwar auch ein paar aktuelle Produktionen zu sehen, käme aber nicht auf die Idee, dass über 30 Jahre vergangen sind, seit die erste Folge der „Sendung mit der Maus“ lief. Zur Kinderprimetime um 19 Uhr läuft hin und wieder „Wickie“, Maja ist als abgespeckte 3-D-Biene wiederauferstanden, und auch die beliebten Wissenssendungen sind für die Klasse von Peter Lustig kein Kulturschock.

„Spongebob Schwammkopf“: in etwa so lustig wie von vier Leuten festgehalten zu werden, während zwei einen kitzeln

Schwieriger ist es schon, sich angesichts der Gutelaunefolter von Nickelodeon und SuperRTL nicht wie die eigenen Eltern anzuhören. Erst wer den Terror des real existierenden Quietschfernsehens gut gelaunt übersteht, darf von sich behaupten, gegen Kulturpessimismus immun zu sein. Ich kann es nicht. Den kreischenden ADHS-Hund Howie aus „Banana Cabana“ würde ich am liebsten sofort mit den Schnüren der Augsburger Puppenkiste an einen stillen Stuhl fesseln, und wenn ich die hyperaktiven Elfen „Cosmo & Wanda“ mit ihren riesigen Augen sehe, frage ich mich, ob es nicht einfacher wäre, meine Kinder gleich an ein Stroboskop anzuschließen. Am schlimmsten aber sind „Spongebob“ und seine degenerierten Freunde. Spätestens nach einer Minute bin ich bereit, sämtliche Plädoyers für die Komplexität der Popkultur im Tausch gegen einen plötzlichen Tonausfall öffentlich zu verbrennen.

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