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Komödie zur „Schlecker“-Pleite : Jetzt mal keine fiesen Matenten!

  • -Aktualisiert am

Parallelen zur Realität sind nicht zu leugnen. Am Set des „Schlikker“-Films. Bild: Sat.1

Sat.1 dreht eine Komödie zur Schlecker-Pleite. Mit Herz und Verstand möchte der Film „Die Schlikkerfrauen“ das ernste Thema behandeln. Gelingt das? Ein Besuch bei den Dreharbeiten.

          Der Eckladen in Berlin-Spandau sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Schaufenster zerborsten, Glassplitter auf dem Bürgersteig: In der Nacht gab es eine Explosion. Selbst das Ladenschild ist entzweigebrochen. Fügt man es wieder zusammen, steht darauf in großen weißen Lettern auf blauem Grund „Schlikker“. Schlikker? Das ist kein Druckfehler.

          Der Schlikker-Laden ist eine Filmkulisse. Hier wird gerade der Fernsehfilm „Die Schlikkerfrauen“ gedreht, der bei Sat.1 laufen wird: eine Tragikomödie, angelehnt an die Insolvenz der Drogeriekette Schlecker im Jahr 2012. Rund 30000 Menschen – vor allem Frauen – verloren damals ihren Job. Viele haben bis heute keine neue Anstellung gefunden. Von den „Schlecker-Frauen“ war die Rede, denen der damalige FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der im Film Gössler heißt, eine schnelle „Anschlussverwendung“ empfahl, bevor er sich dann selbst eine suchen musste. Der Film erzählt die Geschichte von vier Frauen, die durch die Pleite nicht nur ohne Arbeit, sondern ohne jede finanzielle Absicherung dastehen. Sie besetzen ihre Filiale und fordern – Gerechtigkeit. Sie wollen das Geschäft auf eigene Faust weiterführen.

          Deutsche Antwort auf die britische Arbeiterkomödie?

          Dass der Film eine Parabel ist, wird klar, als der Unternehmensgründer Theo Schlikker (Sky du Mont) auftaucht. Angesichts seines eigenen Scheiterns zieht es ihn an den Ort, von dem aus er sein Imperium aufgebaut hat – das Berliner Geschäft der „Schlikkerfrauen“. Aber ist die Schlecker-Pleite ein guter Stoff für eine Komödie? Unbedingt, sagt der Regisseur Uwe Janson („Der Minister“, „Danni Lowinski“) und verweist auf britische Arbeiterkomödien wie „Brassed Off“ oder „Ganz oder gar nicht“. „Ich sehe eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Thema zu erzählen, weil es in Deutschland nur wenig Filme gibt, die sich um die Themen Arbeit und Arbeitslosigkeit drehen“, sagt er. Der Film verhandele einen zutiefst menschlichen Stoff, er zeige, wie Menschen ihre Existenz verlören.

          Aufgeben? Kommt den „Schlikkerfrauen“ Greta (Katharina Thalbach, links) und Angie (Annette Frier) nicht in die Tüte.

          Genauso ergeht es jedenfalls der Hauptfigur Angie (Annette Frier), einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern, die sich mit dem Job in der Drogerie gerade so über Wasser hält. Oder Greta (Katharina Thalbach), der Filialleiterin, die allein in einer Gartenlaube wohnt. Mit der drohenden Schließung ihrer Filiale steht sie vor den Trümmern ihres Lebens, das sie ganz dem Unternehmen gewidmet hat. Die beiden jüngeren Frauen Chris (Sonja Gerhardt) und Zari (Shadi Hedayati) bringen dazu noch ihre ganz persönlichen Probleme mit. Was das Frauenquartett zusammenschweißt, ist der Kampf gegen die drohende Entlassung.

          Das Filmset gleicht einer Zeitkapsel: Die Neonleuchten, die vollgestopften Regalreihen, die viel zu engen Gänge, in denen Mütter mit Kinderwagen stecken bleiben, weil die Windeln in der hintersten Ecke ausliegen: Alles, was einen Einkauf bei Schlecker ausmachte, ist wieder da. Mit Annette Frier und Katharina Thalbach in den Hauptrollen kann für den Film eigentlich nichts schiefgehen. „Ich muss Uwe Janson auch deshalb loben, weil er mir erlaubt hat zu berlinern“, sagt Katharina Thalbach. Im Film heißt das dann: „Stopp, stopp, keene fiesen Matenten, Herr Schlikker!“ Diesen Theo Schlikker legt Sky du Mont als aalglatten, skrupellosen Geschäftsmann an, mit dem man aber am Ende sogar Mitleid haben kann. Dessen Problem sei, sagt Du Mont, „dass er durch die Frauen mit der menschlichen Vernunft konfrontiert wird und sieht: Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich vielleicht vieles anders machen. Aber es ist bereits zu spät.“

          Die Stimmung am Set ist so blendend, dass man Janson sogar glauben mag, wenn er Sätze sagt, die jeder Regisseur über sein Ensemble sagt: „Was dieses Projekt besonders macht, ist das große Vertrauen, das zwischen allen Beteiligten entstanden ist. Das lässt einen befreiter agieren und fördert den kreativen Prozess.“ Ob der Film die deutsche Antwort auf die britische Arbeiterkomödie wird? Wichtig sei ihm, dass ein Film mit Herz und Haltung entstehe. Bei Annette Frier klingt das so: „Es ist doch viel geiler, eine Komödie zu drehen, die eine gesellschaftliche Relevanz hat, statt einfach eine romantische Komödie nach dem Schema ,Boy meets Girl‘ zu machen.“ Im Herbst wird die Produktion abgeschlossen. Wann der Film bei Sat.1 läuft, steht noch nicht fest.

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