https://www.faz.net/-gqz-9osdb

Komödie „Lucky Loser“ im ZDF : Wenn der Fernseher zum Planschbecken wird

  • -Aktualisiert am

Ehrenwort: Hannah (Emma Bading) und ihr Vater Mike (Peter Trabner) schwören Claudia im Wohnwagen, dass alles ist Ordnung ist. Ist es natürlich nicht. Bild: ZDF und Thomas Förster

Seichte Handlung, eine wenig subtile Rassismus-Lektion und ein Humor, der auf Vulgäres setzt: In der Sommerkomödie „Lucky Loser“ findet eine Familie auf dem Campingplatz zusammen – und der Zuschauer vergnügliche neunzig Minuten.

          2 Min.

          Zu den Dingen, denen man sich hemmungslos hingeben sollte, bevor eine der Verbotsparteien im Kanzleramt sitzt, gehört der Verzehr von schwarzem Zuckerwasser, weißen Brötchen, totem Fleisch mit Ketchup nebst fettigen Kartoffelscheiben aus der Fritteuse. Mike aus Berlin (Peter Trabner) muss man das nicht erklären. Er kennt kaum etwas Schöneres als eine Verabredung zum Burger-Wettessen, wobei zum absoluten Glück noch die Anwesenheit seiner Tochter Hannah (Emma Bading) erforderlich ist. Sie grinsen sich an, zählen einen Countdown herunter – und ruck zuck sind Burger und Fritten vertilgt. Papa gewinnt.

          Mit den schönen Momenten im Leben ist das bei Mike, einem Bartträger mit Plüschbauch, von dem die Sommerkomödie „Lucky Loser“ erzählt, trotzdem so eine Sache. Mike lebt allein, seit die strenge Claudia (Annette Frier) vor neun Jahren eine Beziehungspause erbat, als Ersatzvater ist der Langweiler Thomas (Kai Wiesinger) in Erscheinung getreten. Das schmerzt. Noch dazu kann Mike mit dem Job in der Autowaschstraße die Miete nicht zahlen, so dass ihn sein Vermieter (Gustav Peter Wöhler) eines sturmklingelnden Tages aus der Wohnung hinauswirft. Widerstand ist zwecklos.

          Hannah und Claudia verrät Mike nichts von seiner Not – weder an dem Abend, den er mit Hannah auf der Kirmes verbringt, noch an dem Morgen, an dem ihn die Fünfzehnjährige in das Haus der Mutter bestellt und mit einer Bombennachricht aufwartet: Hannah will bei ihrem Vater einziehen – obwohl das, wie Mike nach einem spontanen Jubel zu bedenken gibt, ein Leben ohne Fußbodenheizung, Sauna oder Plasmafernseher bedeuten würde.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Um Hannah nicht sagen zu müssen, dass er eigentlich keine Wohnung mehr hat, lässt er sich auf den Vorschlag eines Kollegen ein: Mike leiht sich einen ranzigen Wohnwagen, den er auf einem Campingplatz fern der Stadt aufstellt, und verkauft den Umzug gegenüber Hannah als Weg in die „totale Freiheit“. In der Kiste ist nicht viel Platz: Vater und Tochter passen kaum nebeneinander auf die Pritsche, und es wird noch viel enger, als Hannahs Freund Otto (Elvis Clausen) ebenfalls die Matratze beansprucht. Der seicht vor sich hin plätschernden Handlung von „Lucky Loser“ tut das aber gut: An Orten wie diesen kommt man ins Gespräch.

          Mike wird sich also mit Otto anfreunden, nachdem er den ersten Schock über dessen Alter und Hautfarbe verdaut hat: „Ist das jetzt deine exotische Phase, oder was?“ Hannah treibt derweil ihre Pläne voran, mit Otto endlich ihr erstes Mal zu erleben. Also wird Claudia aus Sorge um ihre Tochter auf dem Campingplatz aufschlagen und Thomas aus Sorge um Claudia. Irgendwann donnert ein Panzer durch die brandenburgische Prärie, weil Romantik auch nur eine Frage der Definition ist. Und am Ende haben sich alle lieb – nun, fast alle. Gegen einen wie Mike, der immer einen Spruch auf Lager und das Gemüt eines Labradors hat, kommt das Schmalhemd Thomas nicht an.

          Sommerstimmung abseits überhitzter Schlafzimmer

          Achtung, also: „Lucky Loser“, geschrieben und inszeniert von Nico Sommer, ist kein Krimi oder Thriller, von denen der Sendeplatz für gewöhnlich belegt wird, wenn nicht gerade inoffizielle Sommerpause ist. Mit der Komödie eröffnet das ZDF die fünfteilige Reihe „Shooting Stars. Junges Kino im Zweiten“, die Produktionen von Nachwuchsregisseuren vorstellt.

          In diesem Fall ergibt das trotz der seichten Handlung, trotz der wenig subtilen Rassismus-Lektion und trotz eines Humors, der zu oft auf Vulgäres setzt, vergnügliche neunzig Minuten. Kameramann Thomas Förster bringt uns mit kreisenden Karusselllichtern, Lagerfeuerflammen, Tankstellen im Dunkel oder Maisfeldern, so weit das Auge reicht, in Sommerstimmung, abseits überhitzter Schlafzimmer.

          Während alle Darsteller unverkrampft spielen: Peter Trabner mimt Mike als liebenswürdigen Kindskopf, der weder seinen Bauch noch sein gebrochenes Herz zu verstecken gedenkt. Kai Wiesinger spielt den geborenen Spießer, Emma Bading bringt eine authentische Schippe Unkontrollierbarkeit mit, auch Elvis Clausen macht gute Figur. Und dass Annette Frier, die gerade erst in der ZDF-Serie „Merz gegen Merz“ an der Seite von Christoph Marie Herbst brillierte, Komödie kann, muss man nicht weiter erwähnen. Jede Wette, dass sie das letzte Burger-Wettessen gewonnen hat.

          Weitere Themen

          Das große Dazwischen

          Neue Nowitzki-Biografie : Das große Dazwischen

          Thomas Pletzingers umwerfende Biografie „The Great Nowitzki“ erzählt die Geschichte der Würzburger Basketballegende Dirk Nowitzki. Im Interview verrät der, wie er sich sein Leben zwischen Deutschland und Dallas künftig vorstellt.

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Topmeldungen

          Wahl in Thüringen : Die AfD und die Abgehängten

          Björn Höcke ist unter den thüringischen Wählern nicht gerade beliebt. Viele wollen ihre Stimme trotzdem der AfD geben. Ein Besuch in einer ihrer Hochburgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.