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Komödie im Ersten : Spießer aller Länder, vereinigt euch!

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Die Revolution hat viele Gesichter: Hubert Lotzmann (Jörg Gudzuhn), seine Frau Annemarie (Gisela Schneeberger, 2. von rechts) die Schwestern Ingeborg (Sigrid Schnegelsiepen-Sengül, Mitte) und Margot (Gudrun Ritter) sowie Tochter Bille (Eva Löbau) Bild: ARD Degeto/Dennis Pauls

Kapitalismuskritik als tönende Eierlikörorgie: Axel Ranischs „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ feiert den richtigen Kontrollverlust im falschen Leben. Dabei helfen Musik und glänzende Schauspieler.

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          Am liebsten arbeitet Regisseur („Spielleiter“) Axel Ranisch ohne Drehbuch und mit seiner Filmfamilie, deren Mitglieder, wie seine fast hundertjährige und quietschfidele Oma, zum Teil Verwandte sind oder herzlich angenommene Wahlverwandtschaft, wie Heiko Pinkowski oder Peter Trabner. Enden können Ranischs filmische Improvisationen in wundervoll verspielten, menschenfreundlichen und absurdkomischen Filmen wie „Dicke Mädchen“, „Ich fühl’ mich Disco“ und „Alki Alki“ oder in furchtbaren Katastrophen wie den SWR-„Tatorten“ „Babbeldasch“ und „Waldlust“. Andreas Hoppe nahm danach schwer enttäuscht seinen „Tatort“-Hut und versucht sich nun als Berufs-Sizilianer und Kochbuchautor. Sei’s drum. Aber von Axel Ranisch kann man ernsthaft eigentlich nur schwärmen. Selbst im misslungenen Werk zeigt sich bei ihm Mut, mit Film und Fernsehen nicht nur zu „experimentieren“, sondern mit jedem Projekt Herz und Hirn ohne Rücksicht auf Verluste in die Waagschale der (Brachial-)Kunst zu werfen. Nicht zufällig ist sein Lehrer Rosa von Praunheim. „Over-the-top“, aber mit liebevollem Blick auf die Charaktere, das hat Prinzip. Und verschmitzte Grandezza.

          Man kann auch so beginnen: Am liebsten hat Axel Ranisch das Theater, ist seit langem Librettist, inszeniert Kinderopern und liegt dem übertriebensten Gesamtkunstwerk, der Großen Oper, bekennend zu Füßen. An der Bayerischen Staatsoper führte er zuletzt bei der Inszenierung von Joseph Haydns „Orlando Paladino“, einem „Dramma eroicomico“ von 1782 Regie. Die Vorlage stammt von Ariost („Orlando furioso“), die Bezeichnung von Haydn. Als „heroisch-komisch“ übersetzt sie die Staatsoper. Die Form verbinde „Ernst und Komik, Pathos und Ironie“, spiele mit „Heroischem und Lächerlichem“. Eine Axel-Ranisch-Form also. Ursprünglich, heißt es, wollte Ranisch Komponist werden. In seinen Filmen spielt klassische Musik jedenfalls eine große Rolle.

          Zum ersten Mal ein richtiges Drehbuch

          „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“, ein genuines „Dramma eroicomico“, ist eine Premiere. Zum ersten Mal hat Ranisch nicht nur einen ungefähren Plot, sondern ein richtiges Drehbuch verfilmt. Hinter der Vorlage von Sönke Andresen liegt eine bewegte Geschichte. Ranischs Film, eine wilde Abwärtsspiralenphantasie aus den Tiefen des deutschen Spießerlebens, liegt seit 2016 beim Sender. Das natürliche Sendeplatzbiotop dieser Degetoproduktion wäre zur Primetime am Freitag, wenn die leichte Kost läuft, die den Zuschauer ins Wochenende geleiten soll. Zum humoristischen Wegdämmern eignet sich die schräge Anarchophantasie „Familie Lotzmann auf den Barrikaden“ mit ihren anbetungswürdig spielenden Darstellern allerdings kaum (Casting Nina Haun).

          Der Film versetzt Erkenntnisse der Thermodynamik in den menschlichen Zustandsbereich. Seit vierzig Jahren ist die Ehe von Annemarie (Gisela Schneeberger) und Hubert Lotzmann (Jörg Gudzuhn) ein abgeschlossenes System. Abendbrot mit bunten Schnittchen um 18 Uhr, danach Fernsehen. Energie- und Materietausch mit der Umgebung sind nicht vorgesehen. Der Entropiezuwachs findet gleichwohl statt und beschleunigt sich zum wilden Chaos, als Hubert sich mit dem Bademeister Achmed (Ercan Durmaz) mit einer Unterschriftenaktion für den Erhalt des Hallenbads engagiert. Vom Computerhilfecallcenter nachhaltig verwirrt, saugt Hubert, multitaskingungeübt, den Wellensittich Herrn Neumann mit dem antiquierten „Fuzzbuster 500“ ein, der daraufhin den Geist aufgibt. Tochter Bille (Eva Löbau) kettet sich inzwischen gegenüber dem kleinbürgerlichen Reihenhäuschen auf dem Dach der tausendsten Filiale des Geiz-Elektromarkts „Ham Ham Hamster“-McAndrews an, um am Eröffnungstag der brutalkapitalistischen Chefin Brenda McAndrews (Gayle Tufts in ihrer ersten Filmrolle) die Meinung zu geigen, bevor sie von Polizist Schulze (Heiko Pinkowski) und Ex-SEK-Polizist Dehmel (Mişel Matičević) abgeführt wird, eine Pistole klaut und untertaucht. Auf der Suche nach einem Wellensittichbefreier/Staubsaugerreparateur endet Hubert als vermeintlicher arabischer Terrorist und Geiselnehmer im Hamstermarkt, zeigt „McAndrews“-Kassiererin Gabi (Christina Große) ihr antikapitalistisches Gewaltgesicht, verzweifelt der Marktmanager Schleicher (Peter Trabner) an den Choreographien seiner Eröffnungsshow, läuft die Nachbarschaftsdenunziantin Frau Klapphut (Us Conradi) zu großer Form auf und ist mit einer Eierlikörorgie im Lotzmannschen Heim, nebst Mondscheinsonateneinlage, noch längst nicht Schluss mit dem „wahnsinnigen Crescendo“ (Ranisch, Kamera Dennis Pauls).

          Kontrollverlust komplett, Ordnung dahin: Zwischenzeitlich bindet nur der Zauber der Musik (Martina Eisenreich) den Zerfall. Ein Gesamtkunstwerk, wie gesagt. Detailansichten des Spießertums treffen auf Kapitalismuskritik, Blutsbandenverherrlichung und mutwilligen Schabernack. Die Künstlichkeit der Oper ist nicht für jeden, dieser Film, der geradezu die Negation öffentlich-rechtlicher Fernsehfilm-Problembehandlung ist, auch nicht. Wer aber bereit ist, sein Herz mit dem Bade auszuschütten (oder so ähnlich), erlebt eine entwaffnende Sternstunde.

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