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„Der Sommer nach dem Abitur“ : Kommt zu euch, bevor es zu spät ist

  • -Aktualisiert am

Auf Konfrontationskurs: Paul (Hans Löw, l.), Ole (Fabian Busch, Mitte) und Alexander (Bastian Pastewka, r.) Bild: ZDF/Arte

Gelungene Gratwanderung mit Bastian Pastewka: In „Der Sommer nach dem Abitur“ bei Arte holen drei Männer auf einem verspäteten Roadtrip ihr Leben nach.

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          Klage des Alters: Die meisten Leute leben in immerwährendem Soundcheck, als wäre der Auftritt „ihrer“ Band nur verschoben. Bevor sie merken, dass der dünne Beifall schon ihr Schlussapplaus ist. Scheinwerfer aus, Chance vertan, Zugabe eher unwahrscheinlich. Auch Pharmavertreter Alex (Bastian Pastewka) hält sich für ein Erfolgsmodell. Dabei machen gerade ihm im Leben-Verpassen nur wenige etwas vor. Gegeltes Haar trug er wahrscheinlich schon bei der Geburt. Schulzeit abgehakt, studiert, Frau geheiratet, Trophäenkinder, Haus und Neurosen bekommen, wie üblich. Ein gemachter Mann im doppelten Wortsinn. Oder ein Typ, bei dem zwanghaft Prahlhans Küchenmeister ist – irgendwie hat sich Alex im Lauf der Zeit zudem so einen gewissen Friedrich-Merz-Habitus angeeignet. Aber wehe, ihm gehen die Pillen verloren. Wie in der Tragikomödie „Der Sommer nach dem Abitur“ (Arte/ZDF), in der die Feuerwehr seinen silbernen Musterkoffer auf dem Tankstellenparkplatz sprengt, was im Nachhinein noch wie die geringste Panne dieses als Albtraum-Roadtrip inszenierten Films wirkt.

          Im Sommer der großen Freiheit direkt nach dem Abitur, damals, als es die coolen Mitschüler in alle Welt zog, machte Alex ein Praktikum in der Apotheke seines Onkels. Der große Aufbruch, der Plan, mit seinen besten und einzigen Freunden zum Konzert ihrer Lieblingsgruppe „Madness“ zu fahren, hatte sich irgendwie erledigt. Ole (Fabian Busch) sparte jede Mark für teure Objektive, mit denen er fortan das Leben der Würmer studierte. Nach einem VWL-Studium ist er nun erfolgreicher Sachbuchautor („Buddha an der Börse“), aber immer noch ohne Privatleben. Paul (Hans Löw) dagegen ließ wie gewohnt nichts anbrennen und fuhr mit irgendeiner Claudia aus der B-Klasse nach Holland zum Zelten. Beim „Womanizen“ ist er geblieben, sonst hat er nichts auf die Reihe bekommen: „Bist du kriminell?“ – „Nein, Wirtschaftsverbrecher“. „Madness“ musste ohne sie spielen. Und, ganz ehrlich, irgendwie passte der „Nutty Sound“ der Ska-Band aus Camden Town, London, diese gutgelaunte Mischung aus schnellem Reggae, Punk und Pop zu diesen drei unlustigen Außenseitern wie die Faust neben das Auge (Musik Warner Pohland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum).

          „Noch 10.000 Mal Zähneputzen bis zum Sterben“

          Jugend, Stimmung und „Our House“ nachholen, das wär’s. Ein uralter Einser-Golf, Zelt mit Isomatten, VIP-Tickets für den Auftritt der Band, die wiedervereinigt immer noch die alten Songs spielt, und „Madness“-T-Shirts für das Gefühl, das man vor dreißig Jahren verpasst hat – der Ausgang lässt sich ahnen. Stimmt, aber nicht ganz. Autor Marc Terjung schickt Bastian Pastewka, Fabian Busch und Hans Löw zunächst in einen Kampf gegen die Windmühlenflügel des Selbstbetrugs. „Du hast mich nie richtig gemocht“ – „Wir waren Freunde, das hat mit mögen nicht so viel zu tun“. Auf dem ersten Campingplatz treffen die Schulfreunde drei Biker mit AC/DC-T-Shirts – zwei „Best Ager“-Zahnärzte und einen Steuerberater. Nebenan campen junge Leute, die „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ „ironisch“ hören und ansonsten auf Rechtsrock stehen. Nur eine Pose? Auch die jugendlichen Rechten leiden unter der Vergänglichkeit: „Noch 10000 Mal Zähneputzen bis zum Sterben“. Als Alex nachts bekifft mit einem Kinder-Kettcar in den See fährt, ist klar: So sieht wildes Abenteuer jenseits der Mitte Vierzig aus. Regisseur Eoin Moore, der Mann hinter dem Rostocker „Polizeiruf“, der hier seine Kommissare Charly Hübner als widerlichen Billigsupermarktchef und Anneke Kim Sarnau als oberkorrekte Apothekerin in Nebenrollen komisch in Szene setzt, gelingt mit Terjungs glänzenden, kaum klamaukigen Dialogen die Gratwanderung zwischen tragikomischem Figurenlauf, ernstem Vergänglichkeitspathos und launiger Musikpräsentation (Kamera Florian Foest).

          Das Gute auf diesem Trip: Die Männer kommen zu sich. Das Üble: Genau dasselbe. Musikgeschmack ist Charakterfrage, das gilt besonders zu Schulzeiten. Hier wird es konsequent zum Grundsatz gemacht. Polizisten, die im Dienst Whitney Houston schmettern, verspielen im entscheidenden Moment Autorität. Phil Collins geht einfach gar nicht. Vor allem aber: In Zeiten, in denen allerorts von Spaltung der Gesellschaft die Rede ist, kann Musik immer noch Brücken bauen. Das gilt nicht nur für den Schlusschor von Beethovens Neunter, sondern auch „One Step Beyond“. Oder, um es mit Pastewkas Figur zu sagen: Die Glocken am Anfang von „Hells Bells“, das war auch schon ein großer Einfall.

          Terjung, der für Pastewka schon die wunderbar überdrehte Farce „Mutter muss weg“ (2012) mit Judy Winter geschrieben hat, setzt dieses Mal noch mehr auf existentielle Tiefe. Pastewka, Busch und Löw spielen ihr Beziehungs-Trio ergreifend (selbst-)ironisch. Rettung in letzter Minute kommt ausgerechnet durch Countrymusik – und die Sängerin Steffi (Pegah Ferydoni) und eine Kneipenbesitzerin (Alessija Lause). Eine Binse: Das Uncoole am Jungsein ist, dass man seine Freiheit gar nicht zu schätzen weiß. „Der Sommer nach dem Abitur“ zeigt trotz tragikomischer Verwerfungen das Glück, das noch rechtzeitig zu merken.

          Der Sommer nach dem Abitur läuft an diesem Freitag um 20.15 Uhr bei Arte.

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