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„Kommissarin Lucas“ im ZDF : Große Baustelle

  • -Aktualisiert am

Skeptisch: Ulrike Kriener spielt die Kommissarin Ellen Lucas. Bild: ZDF und Barbara Bauriedl

Ulrike Kriener löst im ZDF als Kommissarin Ellen Lucas ihren dreißigsten Fall. Besonders aufregend ist die Geschichte über Schwarzarbeit als moderner Form der Sklaverei leider nicht. Wir sehen solides Krimihandwerk.

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          Manches geht nur so lange gut, bis es nicht mehr gut geht. In Regensburg etwa – der Ort ist austauschbar, weil dieser dreißigste Fall für Kommissarin Ellen Lucas (Ulrike Kriener) in jeder anderen Stadt spielen könnte – beschäftigt der Bauunternehmer Walter-Maria Bäucker (Philipp Moog) nach eingespieltem Muster Schwarzarbeiter aus Südosteuropa. Natürlich nicht nur. Beschäftigt sind auch Deutsche und ordentlich angemeldete Kollegen aus dem EU-Ausland. Aber Baustellen wie das städtische Wohnprojekt „Seidenfaden“ liefen nicht, gäbe es nicht die „Unsichtbaren“, auf die der Titel des Krimis verweist: illegal beschäftigt, miserabel bezahlt, ohne Rechte.

          Die Gründe sind bekannt: Bei der Auftragsvergabe geht es häufig nicht anders zu als in der Fleischindustrie – billig ist Trumpf. Und im Zweifel kann sich ein Unternehmer wie Bäucker auf seine gesellschaftliche Bedeutung berufen: „Wir geben den Leuten Arbeit, wir sorgen für Wohnraum.“ Staatsanwalt Stefan Walch (Steven Scharf), der Bäucker seit langem das Handwerk zu legen versucht, kann eigentlich nur auf einen Zwischenfall warten, durch den das System endlich auffliegt.

          In einer kalten Nacht im Herbst scheint es so weit zu sein: Bei einer Autokontrolle nahe der deutsch-tschechischen Grenze, die zur Verfolgungsjagd über Waldwege wird und im dunklen Forst endet, findet die Polizei einen Toten. Die Spuren des zu Fuß geflohenen Fahrers und seiner Begleitung sind am nächsten Morgen verwischt; es hat geschneit. Trotzdem deutet beim Toten im Wagen, der von einem Metallgegenstand durchbohrt wurde, alles auf einen Bauarbeiter von Bäucker. Das Auto ist auf einen slowenischen Subunternehmer zugelassen, die Zähne des Mannes wurden vor kurzem von einem Zahnarzt in Neutraubling behandelt, mit der Krankenversicherungskarte von Bäuckers Polier Christian Simionescu (Attila Georg Borlan).

          Simioniescu leidet selbstverständlich unter Gedächtnisverlust, als Kommissarin Lucas und Judith Marlow (Jördis Richter) ihm ein Foto des Toten zeigen; die Krankenkarte wurde angeblich gestohlen. Aber die Ermittlerinnen kehren noch einmal mit Kollegen vom Zoll zurück, das bringt die Gedanken auf Trab. Hilfreich ist ferner, dass sich Kommissar Brauer (Lasse Myhr) über den „Arbeiterstrich Regensburg Nord“ auf die Baustelle einschleusen lässt – zur Verärgerung von Dienststellenleiter Boris Noethen (Michael Roll). Ellen Lucas, zackig wie immer, überging Noethen schon deshalb, weil er nicht so forsch ist wie Staatsanwalt Walch: „Da greift endlich mal jemand durch, und das find ich gut.“

          Arbeitet undercover auf der Baustelle: Kommissar Tom Bauer (Lasse Myhr, rechts).
          Arbeitet undercover auf der Baustelle: Kommissar Tom Bauer (Lasse Myhr, rechts). : Bild: ZDF und Barbara Bauriedl

          Der Reiz des Drehbuchs von Stefan Dähnert und Markus Ziegler, die für „Kommissarin Lucas“ bereits die Fälle „Löwenherz“ und „Polly“ schrieben, besteht in der schwer zu deutenden Rolle von Walch. Lucas gegenüber tritt er freundlich auf, fast unangenehm überdreht. Seine Gattin Bea (Caro Scrimali), die in der Verwaltung eines Krankenhauses arbeitet, ist pikanterweise nicht nur eine Kollegin der Ehefrau des Poliers, sondern auch extrem angespannt, wenn Walch sie zu einem Treffen zitiert. Er stellt sich zusehends als Ekel heraus, dem ähnlich schwer beizukommen ist wie Unternehmern, die Schwarzarbeiter beschäftigten.

          Krimimechanisch ist das solide gemacht: „Die Unsichtbaren“ ist ein klassisch bis altbacken aufgezogener Fall, in dem auch der im Juli verstorbene Schauspieler Tilo Prückner noch einmal als Vermieter der Kommissarin zu sehen ist. Er bereitet Renovierungsarbeiten vor, die er im Sinne des Themas ohne teure Handarbeiter aus dem Ort durchzuführen erhofft. Allerdings haben wir schon packendere Filme zum Thema Schwarzarbeit gesehen, zuletzt etwa in der Reihe „Tödliche Geheimnisse“. Die gespannte Atmosphäre, die sich anfangs durch die nächtliche Verfolgungsjagd und ästhetische Baustellen-Aufnahmen (Kamera Oliver-Maximilian Kraus) ergibt, verliert sich in der Regie von Sabine Bernardi wie der Schnee, der eingangs kurz zu sehen ist und danach nicht wieder. Nichts für Zuschauer, bei denen noch eine lange Thriller-Watchlist auf dem Fernsehtisch liegt.

          Kommissarin Lucas – Die Unsichtbaren, heute um 20.15 Uhr im ZDF

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