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Kolumbien-Doku bei Arte : Wer entscheidet, was vom Krieg bleibt?

  • -Aktualisiert am

Bladimir Salinas, ein ehemaliger Farc-Kämpfer. Heute, nach dem Friedensabkommen, lebt er in Icononzo in einer Integrationszone für ehemalige Guerrileros. Bild: Uli Stelzner

Schwarz und steinig: Uli Stelzners Dokumentation „Kolumbien - Der lange Weg zum Frieden“ zeigt ein Land, das zwischen Ausbeutung und dem Kampf für Wiedergutmachung nicht zur Ruhe kommt.

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          Fünfzig Jahre dauerte der Bürgerkrieg in Kolumbien, bevor das Friedensabkommen zwischen der marxistischen Rebellenorganisation FARC und dem Präsidenten Juan Manuel Santos am 13. November 2016 in Havanna unterzeichnet wurde. Seine Auslöser waren in den Sechzigern politische Morde an Oppositionellen und ein Aufstand der Armen, der Guerilla gegen Großgrundbesitzer, die ihr Land kaum bewirtschafteten. Besonders unter der Landbevölkerung hatten die Rebellen jahrzehntelang großen Rückhalt, zumal Paramilitärs und Regierungstruppen die größeren Greuel begingen, so die Erinnerung Überlebender. Mindestens 220.000 Menschen kamen in seinem Verlauf um, fast 6 Millionen, vor allem einfache Bauern und Angehörige der zahlreichen indigenen Minderheiten, wurden vertrieben. Seine Beendigung darf als kleines Wunder gelten. Und als Versprechen, das bis bis heute uneingelöst ist. 

          Schon der Annäherungsprozess der Parteien bis hin zur Unterzeichnung des Friedensplans verlief holprig. Gesichert ist die Befriedung des Landes und seiner Bevölkerung damit bis heute immer weniger, wie der Filmemacher Uli Stelzner in seinem Film „Kolumbien - Der lange Weg zum Frieden“ zeigt. Als Ich-Erzähler bewegt sich Stelzner in seiner Mischung aus Reportage und Dokumentation zwischen September 2016 und Juli 2018 durch das versehrte Land, reist zu Wahlauszählungen auch in entlegene Regionen, zeichnet nationale politische Interessen und ausländische Einflussnahmen nach und führt viele Gespräche. Etwa mit Luis, dem dichtenden FARC-Kämpfer, der zu Anfang des Films mit anderen Rebellen während des Waffenstillstands im Dschungel im TV den historischen Handschlag zwischen dem Anführer der FARC und dem Präsidenten verfolgt und später tief enttäuscht mit Frau und Kind mangelnde politische Teilnahmemöglichkeiten am Wiederaufbau des Landes beklagt. Viele ehemalige Kämpfer, so Luis, fühlten sich von der neuen Regierung des Präsidenten Duque und dessen Elitenfreundlichkeit betrogen, hätten sich wiederbewaffnet und seien in die Illegalität zurückgekehrt. 

          Über hundert Aktivisten wurden in jüngster Zeit ermordet

          Stelzner spricht mit Gilberto, dem desillusionierten Kleinbauern, der im Krieg sieben Mal von seinem Land vertrieben wurde und 2016 noch auf die Landreform hofft, später aber illusionslos neues Unrecht beklagt. Er redet mit einer Kriegsberichterstatterin, die, wie viele andere Frauen, verschleppt und vergewaltigt wurde und für die Bestrafung dieser Verbrechen eintritt. Er trifft Umweltaktivisten, die den umweltzerstörenden Kohleabbau durch internationale Konsortien bekämpfen. Über hundert der Aktivisten sind in jüngster Zeit ermordet worden.

          An den Zufahrtswegen zum offenen Tagebau, der sich an die Dörfer der indigenen Gruppe der Wayu inzwischen bis auf wenige hundert Meter herangefressen hat, stehen Panzer und Soldaten. Zum Schutz der Protestierenden, so der Oberkommandeur der Streitkräfte. Zur Einschüchterung und Bedrohung derjenigen, die sich gegen Zwangsumsiedelung wehren, wie Gesprächspartner in Stelzners Film belegen. Die Wasserversorgung hat man ihnen schon abgegraben. Kohleabbau, eigentlich Kohleraub, in Kolumbien ist auch das Thema von Jens Schanzes preisgekröntem Dokumentarfilm „La buena vida - das gute Leben“.

          Stelzner und sein Kameramann Leonardo Diaz R. finden sogar eine ganz ähnliche Einstellung wie Schanzes Kameramann Börres Weiffenbach. Aber während Stelzner hier eine Totale von schmaler Landstraße im Vordergrund und riesig aufragendem Tagebau im Hintergrund gleichzeitig einfängt, zeigt Weiffenbach erst nur die staubige Straße, fast ein Dschungelidyll, und weitet dann erst den Blick in die Höhe und Breite, auf den unweit drohenden Berg hin. Stelzner wählt das journalistische Format, Schanze evoziert das Landfressen durch den Kohlekonzern im ästhetischen Blick. Zwei Filme, zwei dokumentarische Herangehensweisen.

          Stelzners Sache ist die beschreibende Information. Noch im Oktober 2016 war der Vertrag in einem landesweiten Referendum, das die Legitimität des Friedensprozesses sichern sollte, mit knapper Mehrheit gescheitert. Das Nein kam überraschend und traf nicht nur die Verhandlungsparteien unvorbereitet. Das Nobelpreiskomitee würdigte Santos dennoch noch im Oktober für seine Anstrengungen zur Beendigung des Krieges und sprach ihm den Friedensnobelpreis zu. In den kolumbianischen Städten demonstrierten die Studentinnen und Studenten Ende des Jahres für die Rettung des Abkommens, das demokratische Öffnung, die Lösung des Problems des illegalen Drogenanbaus und die Entschädigung und Wiedergutmachung für die Opfer vorsah. Seine eigentlichen Hauptstücke aber waren eine umfassende Landreform und das System der Übergangsjustiz, das zur Wahrheitsfindung beitragen und das Land moralisch befrieden sollte. Beide, Landreform und Sonderjustiz, stehen auch jetzt immer noch aus oder sind kaum umgesetzt worden. Die Kohle aus Kolumbien wird auch in deutschen Kraftwerken verbrannt. Kolumbiens Weg zum Frieden, das zeigt Stelzners Film in beunruhigender Nahsicht, ist längst nicht vollendet.

          Kolumbien - Der lange Weg zum Frieden läuft am Dienstag, 30. Juli, um 21.50 Uhr auf Arte.

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