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Künstliche Intelligenz : Computer schreiben jetzt auch Drehbücher

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Dekonstruktivistischer Maler – Googles Artificial Neural Network präsentiert hier seinen Traum von einem roten Baum. Bild: Michael Tyka/ Google

„Sunspring“ ist der erste Film, dessen Drehbuch von einer künstlichen Intelligenz geschrieben wurde. Warum wir von „Benjamin“ noch hören werden und sein Werk ein Wegbereiter in der Kunst ist.

          Dass Literatur und Sprache auf einem mathematisch-logischen Konstrukt basieren, dessen Verhältnis durch Experimente ad absurdum geführt werden kann, belegten spätestens die Ergebnisse der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ der Künstlergruppe Oulipo. In deren Rahmen führten Autoren und Mathematiker interdisziplinäre Projekte durch. Insbesondere das Hörspiel von Georges Perec namens „die Maschine“ thematisiert das Spannungsverhältnis von Literatur und Systematik. Darin wird Goethes berühmtes Gedicht „Wanderers Nachtlied" nach informationstheoretischen Prinzipien analysiert, und zum Gegenstand eines verblüffenden Sprachspiels gemacht. Perecs „Maschine“ zählt Silben, verschiebt Buchstaben, verschluckt und vertauscht Worte, belehrt über das Leben des Dichters und spult zu jeder Verszeile Redensarten und verwandte Stellen aus der Literatur ab.

          Die Idee, Texte automatisch herstellen zu lassen, ist sogar noch älter. Die Meldung über eine „Poetische Handmühle“ geht auf das Jahr 1777 zurück. Sie wurde mit Windkraft betrieben und ermöglichte die mechanische Anfertigung von Oden aller Gattungen. In deren Tradition ist Enzensbergers „Landsberger Poesieautomat“ anzusiedeln, der im „Literaturmuseum der Moderne“ steht und unermüdlich per Knopfdruck neue Sätze und Gedichte ausspuckt. Die Sprachspiele basieren auf dem Zufallsprinzip und stellen Literatur ebenso in Frage wie das Konstrukt des künstlerischen Genies.

          Lernen durch Erfahrungswerte ist menschlich

          Heute haben sich die „Maschinen“ und „Automaten“ von damals zu künstlichen Intelligenzen weiterentwickelt, die mit Menschen kommunizieren können. Das haben sie bereits so perfektioniert, dass sie ihre programmierte Herkunft vertuschen können. Das gelang 2014 erstmals dem Programm „Eugene Goostman“, das sich als 13 Jahre alter Junge ausgegeben hat und zahlreichen Testpersonen erfolgreich vorgaukelte es sei ein Mensch. Es war somit die erste Maschine, die den sogenannten „Turing-Test“ bestanden hat.

          Auf dem Sci-Fi-Filmfestival in London wurde nun erstmals ein Film präsentiert, dessen Drehbuch von einer künstlichen Intelligenz verfasst wurde. „Benjamin“ ist mittels evolutionärer Programmierung in der Lage, eigene Geschichten und Drehbücher zu schreiben. Erfahrungswerte bekam das Computerprogramm durch den IT-Spezialisten und Programmierer Ross Goodwin. Er hat dem Programm, das er ursprünglich „Jetson" nannte und das er eigentlich zur Texterkennung nutzte, mehr als einhundert Science-Fiction-Drehbücher indoktriniert. Es handelt sich um zahlreiche Skripte aus den achtziger und neunziger Jahren, darunter sollen auch Kubricks „2001" und die komplette „Alien"-Reihe sein. Die künstliche Intelligenz lernte, die Drehbücher zu zerlegen, zu analysieren und daraus eine eigene Geschichte zu entwickeln.

          Dekonstruktivist wider Willen

          Goodwin verfilmte die von „Benjamin“ geschriebene Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Oscar Sharp („The Karman Line"). Im Zentrum der Verfilmung  steht ein Beziehungsdrama, in dem Thomas Middleditch aus der Serie Silicon Valley einen der Protagonisten spielt. Die Dialoge und Regieanweisungen wirken teilweise absurd, wie zum Beispiel als der Liebhaber verkündet, er müsse „zum Schädel gehen“, um daraufhin sein Tablet zur Hand zur nehmen und einen Gesichtsscreen machen zu lassen. Doch trotz oder gerade aufgrund der vielen Ungereimtheiten und Leerstellen ist die Inszenierung des Textes durchaus geglückt. Die größte Leistung, von Benjamins Rechenleistung einmal abgesehen, liegt zweifellos in der Besetzung und Machart. Es ist hier die menschliche Findung des Ästhetikausdrucks, die dem Werk seinen gehaltvollen Rahmen verleiht.

          Dass „Sunspring“ dennoch erst den Anfang der Karriere von künstlichen Intelligenzen in der Kunst bildet, zeichnet sich immer mehr ab, wie andere Projekte beweisen. 2012 erschien das erste Klassik-Album, das von der künstlichen Intelligenz „Iamus“ komponiert wurde und qualitativ alle Erwartungen übertraf. 2015 lernte Google's „Artificial Neural Networks (ANN)“ aus dem Bestand von Googles Bildergalerie, was beispielsweise eine Gabel ist. Auf Befehl hin kreierte es neue Bilder einer Gabel, die surrealistisch wirkten, und lieferte durch die visualisierten Computerträume eines Objekts im Binärcode ein Werk im Zeichen des Dekonstruktivismus.

          Bisher ist der Mensch vor allem von der Imitationsfähigkeit der künstlichen Intelligenzen erstaunt. Richtig spannend dürfte es allerdings werden, wenn sie ihren künstlerischen Ausdruck selbst finden sollten. „Benjamin“ hat das in Ansätzen bereits getan, als er auf dem Filmfestival Sci-Fi London vom Leiter des Festivals interviewt wurde. Auf die Frage, was er als nächstes vorhabe, antwortete er:

          "Los geht's. Die Mitarbeiter sind von einem Zug der brennenden Maschine aufgeteilt, die mit Schweiß baut. Niemand wird dein Gesicht sehen. Die Kinder fassen in den Ofen, aber das Licht rutscht immer noch auf den Boden. Die Welt schämt sich immer noch.

          Die Party liegt bei den Mitarbeitern.

          Mein Name ist Benjamin."

          Nicht bloß, dass die verheißungsvollen Metaphern zwischen humorvoll und erschreckend schwanken, Benjamin hat auch als erste künstliche Intelligenz in einem Interview seinen Namen selbst gewählt.

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