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Wohin geht der Journalismus? : Googles KI gewinnt

  • -Aktualisiert am

Schön bunt, aber auch sehr mächtig: Internetgigant Google. Bild: Reuters

Eine Kölner Konferenz über die Zukunft des Journalismus zeigt, dass noch nicht alle den Kampf gegen die Digital-Oligopolisten aufgegeben haben. Eine SPD-Politikerin allerdings schon.

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          Vor einem halben Jahr hat Microsoft Dutzenden Journalisten, die für die News-Abteilungen des Unternehmens tätig waren, gekündigt. Ihre Arbeit, die Kuratierung von Nachrichten auf der Plattform MSN, schrieb zuerst der „Business Insider“, werde künftig von Künstlicher Intelligenz übernommen. Massiv investiert hat Microsoft zugleich in das Unternehmen OpenAI, dessen avancierte Sprach-Software GPT-3 jüngst viel Aufmerksamkeit erregte. Beides scheint die nicht nur von um ihre Arbeit bangenden Journalisten befürchtete Entwicklung zu bestätigen, dass die vierte Gewalt zunehmend durch Roboter-Journalismus ersetzt werden könnte.

          „From Gatekeeping Power to Extinction Panic?“ fragte in diesem Sinne die vom Kölner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik gemeinsam mit WDR 3 ausgerichtete Konferenz „Cologne Futures 2020“. Die Antwort, um es kurz zu machen, lautete: keineswegs! Es gebe zwar Bereiche, in denen ein Algorithmus publizierend wirken könne – Wetter-News, wohl auch die Promi-Meldungen bei MSN –, die aber wollte man in Köln kaum dem Journalismus zurechnen. Kreativität in Recherche und Darstellung sei von iterativ vorgehenden Programmen nicht zu erwarten. Systemrelevant sei im KI-Zeitalter vor allem: der Mensch.

          Einig war man sich auch darüber, dass mit den sozialen Netzwerken die Fluttore für alle Arten von Nachrichten – echte, halbe, falsche – geöffnet worden seien. Welchen Anteil daran Algorithmen haben, verdeutlichte der Informatiker Guillaume Chaslot, der den Empfehlungsalgorithmus von Youtube mitentwickelt hat und inzwischen die eigene Initiative Algotransparency.com betreibt. Das Problem sieht Chaslot darin, dass Technik nicht mitdenkt. Zu seiner Zeit seien etwa Pädophilen, die nach Kindergymnastikvideos gesucht hatten, immer weitere solche Videos vorgeschlagen worden; den Google-Konzern habe das, obwohl wiederholt von Chaslots Team informiert, wenig interessiert. Verschwörungsideologien wiederum erschienen durch millionenfache Empfehlungen glaubwürdiger. Gegenwärtig vergrößere die Google-KI etwa die Impfskepsis.

          Nun wäre es genuine Aufgabe des Journalismus, gegen Verzerrungen anzuschreiben, auf Basis gesicherter Fakten, die sich eben auch mittels Künstlicher Intelligenz sammeln lassen, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Wiebke Loosen beschrieb. Der Wirtschaftsjournalist Thomas Ramge zeigte sich skeptisch. Zwar habe Maschinenlernen zu Instrumenten geführt, die bei der Recherche hülfen. Überwiegend aber kämen Algorithmen in der von Chaslot beschriebenen Weise zum Einsatz, womit das ursprüngliche Versprechen der Internet-Revolution – auf Grundlage frei verfügbarer, valider Informationen bessere Entscheidungen zu treffen – konterkariert werde.

          Damit war passiert, was meist passiert, wenn über die Zukunft des Journalismus gesprochen wird: Es drehte sich bald alles um die Tech-Firmen aus dem Silicon Valley, so als sei die Selbstaufgabe des unabhängigen Journalismus längst beschlossene Sache. Die stellvertretende Entwicklungschefin des „Spiegel“, Christina Elmer, hielt nochein wenig dagegen: „So schlecht geht‘s uns nicht mit dem Digitalen.“ Man wolle allerdings mehr Leute auf eigene Plattformen holen. Der Medientheoretiker und JournalistLutz Hachmeister, Gastgeber der Konferenz, war sich indes sicher, dass die Zeit der starken Eigenmarken vorüber sei, auch wenn es heute besseren Journalismus gebe als etwa 1960.

          Der wütendste Beitrag kam aus einem kalifornischen Arbeitszimmer. Cory Doctorow, Blogger, Journalist und Science-Fiction-Autor, räumte das Narrativ vom bevorstehenden Roboter-Journalismus und das der Big-Data-Durchleuchtung der Internetdienst-Nutzer ab. Mit all den gesammelten Daten könnten Facebook, Google und Co. wenig anfangen. Meinungen würden beeinflusst, aber nicht durch KI-basiertes persönliches Targeting, sondern durch Zwang: „dominating“ statt „persuading“. Wer hinter Mauern sitze (wie bei Facebook), verliere nicht den freien Willen, müsse aber nach den Regeln des Stärkeren spielen. Es gehe nicht darum, regulierend in Nutzungsbedingungen einzugreifen, sondern darum, Monopole und Korruption zu brechen. Nur eine kraftvolle Anti-Trust-Politik könne uns vor dem Verlust der informationellen Selbstbestimmung retten. Es müsse erlaubt werden, die technologischen Vorgaben der Monopolisten zu modifizieren. Leichte Hoffnung setzt Doctorow in den neuen Präsidenten Joe Biden, wobei er allerdings so wirkte, als wäre er überrascht, träte die neue Administration gegen die Tech-Konzerne an.

          Ramge nahm die Argumentation auf. Plattformen zu zwingen, etwa gegen Hate Speech vorzugehen, sei richtig. Viel wichtiger aber sei, wieder eine echte Vielfalt der Angebote auf dem Medienmarkt herzustellen statt wenigen Weltkonzernen die Distribution von Nachrichten zu überlassen.

          Die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe, Vorsitzende der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“, war da kleinlaut: „Ich glaube nicht, dass das so realistisch ist. Was wir ja sehen, sind massive Monopolisierungstendenzen. Sie beruhen darauf, dass man eben den Zugriff auf die Daten hat.“ Regulierung sei der Weg der Wahl. Gegen die Marktmacht von Oligopolen und Monopolen vorzugehen, hält sie für aussichtslos: „Wer soll denn da kommen?“ Auf die aufgebrachte Antwort Ramges, das sei Aufgabe der EU, zuckte die Politikerin mit den Achseln: Die Enquete meine, dass es „relativ unrealistisch“ sei, „ein europäisches Google oder Facebook“ aufzubauen. Man solle KI-Kompetenzen in „anderen Bereichen“ anstreben. Selten zeigte sich die Selbstaufgabe von Politik so unverblümt wie hier.

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