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ZDF-Film „Wir waren Könige“ : Denn sie wissen, was sie tun

Man möchte ihnen nicht im Dunkeln begegnen: Die Männer vom SEK sind da. Bild: ZDF und Christian Stangassinger

Wer sagt, dass es bei uns im Fernsehen keine wirklich guten, harten Polizeifilme gibt? Im ZDF läuft heute einer, der als Kontrastprogramm zum Fußball prima taugt: „Wir waren Könige“.

          Es beginnt mit einer wüsten Schießerei und endet mit einem Klassenfoto. Das Bild zeigt eine ausgelassene Gruppe junger Männer und harter Kerle - wie hart sie sind, das haben wir gesehen. Es hängt in der Kneipe, in der sie alle feiern gehen, ihren Absacker trinken und beim ersten falschen Wort die Ärmel hochkrempeln und auf den Nächstbesten losgehen. Dann vertragen sie sich wieder und verbrüdern sich, wie an diesem Abend, der in einem Gelage auf der Bowlingbahn endet. Doch diese harten Kerle gehen nicht nur mit Fäusten aufeinander los, und so zwanglos treffen sie nie mehr zusammen, die Polizisten vom Sondereinsatzkommando und die beiden Gangs, die das Viertel beherrschen. Auf dem Foto kann man die einen nicht von den anderen unterscheiden. Und am Ende des Films „Wir waren Könige“ kann das niemand mehr.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Schlimmer kann ein Zugriff nicht verlaufen als an diesem Tag, an dem Kevin (Ronald Zehrfeld), Mendes (Mišel Matičević) und ihre Truppe ein paar Dealer hochnehmen wollen. Ein Kollege wird schwer verletzt, zwei Kriminelle sind tot, ein Dritter entkommt im Kugelhagel. Dann fehlt nach dem Einsatz auch noch etwas von dem Geld, das bei den Drogenhändlern sichergestellt wurde. „Der Innenminister hat eine Scheißwut auf dich“, herrscht Polizeichef Harthmann (Thomas Thieme) den Gruppenleiter Mendes an, der fürchtet, dass seine Einheit aufgelöst wird.

          Jetzt geht es nur noch um Rache

          Mendes müsste jetzt eigentlich für Beruhigung sorgen, doch dafür ist er der falsche Mann. Als wenig später zwei „Sekies“, wie sie sich selbst nennen, erschossen aufgefunden werden, verliert der ganze Verein die Fassung. Jetzt geht es nur noch um Rache, und die wollen sie an dem jungen Ioannis (Oliver Konietzny) nehmen, den sie für den Täter halten. Währenddessen haben sich die Anführer der beiden Jugendgangs, Thorsten (Tilman Strauß) und Jacek (Frederick Lau), gegenseitig im Verdacht, für das Verschwinden von Ioannis und für einen Messerüberfall verantwortlich zu sein. Jetzt heißt es jeder gegen jeden, Gefangene werden nicht mehr gemacht.

          Spielt den harten Mann, doch wenn es darauf ankommt, ergreift er die Flucht: Jacek (Frederick Lau).

          Die in dieser Geschichte verhängnisvoll miteinander verknüpften Figuren lässt der Drehbuchautor und Regisseur Philipp Leinemann eindrucksvoll aufeinander los. Das liegt unter anderem daran, dass Leinemann dank eigener Bekanntschaft mit SEK-Polizisten deren vom Beruflichen weit ins Private reichenden Männerbund stimmig zu zeichnen weiß. Es liegt auch daran, dass Ronald Zehrfeld, Mišel Matičević, Hendrik Duryn und die anderen Mitspieler in Uniform in ihren Figuren aufgehen und sie im permanenten Nahkampf zeigen, den sie mit den anderen und mit sich selbst austragen. Matičević spielt den zunehmend Skrupellosen, Zehrfeld den Nachdenklichen, Bernhard Schütz den resignierten Chef der Polizeiwache und Thomas Thieme den aufbrausenden Machtmenschen (eine seiner Paradedisziplinen). Mittendrin findet sich die Streifenbeamtin Nadine (Samia Muriel Chancrin), die dem Komplott, um das es hier in Wahrheit geht, auf die Spur kommt und sich entscheiden muss, ob sie daraus einen persönlichen Vorteil ziehen oder die Wahrheit ans Licht befördern will. Währenddessen taucht immer zur falschen Zeit am falschen Platz mit den falschen Botschaften der dreizehnjährige Nasim auf, den Mohammed Issa als verlorenen Jungen spielt, der unbedingt dazugehören und dem Bandenanführer Thorsten gefallen will. Tilman Strauß und Frederick Lau sehen zwar als Gangchefs auf den ersten Blick wie Milchbubis aus, doch auch diese Besetzung hat ihr Gutes. In diesem Film sieht man niemandem auf den ersten Blick an, auf welcher Seite er steht.

          Das alles stimmt und wird von dem Kameramann Christian Stangassinger in einer namenlosen Betontrabantenstadt passend düster ins Bild gesetzt und von der Szenenbildnerin Petra Albert bis ins Detail stilecht ausgestattet. Nur an der Handlung hapert es leider. Der jeweils entscheidende Twist der Geschichte gerät Philipp Leinemann dann doch etwas zu unwahrscheinlich beziehungsweise so simpel, dass man den Charakteren nicht zutraut, sie verhielten sich genauso beschränkt und marschierten so unverdrossen mit dem Kopf gegen die Wand, wie Buch und Regie sich das vorstellen.

          Gruppenbild mit gemischter Besetzung: Auf der Bowlingbahn liefern sich die Polizisten und die beiden Jugendgangs ein friedliches Match.

          „Was macht den Unterschied zwischen uns und denen?“, fragt der SEK-Beamte Kevin seine Kollegen schließlich, als alle Grenzen verwischt und Verbrechen hüben wie drüben begangen worden sind. „Weil wir es können“, lautet die lapidare Antwort. „Wir müssen das nur wollen“, hat Mendes zuvor zu seinem Kollegen gesagt, und gemeint: vertuschen, die Klappe halten und mitmachen wollen. Machen das nicht alle? Am Ende laufen die meisten weiter hinterdrein und bleiben die Strippenzieher unbehelligt. Nur einer spielt nicht mehr mit. Fast wie im echten Leben.

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