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Kluftingers fünfter Fall : Heilig’s Blechle

  • -Aktualisiert am

Staubige Angelegenheit: Kluftinger (Herbert Knaup) und Hefele (Jockel Tschiersch) suchen nach der Monstranz. Bild: ARD

Ein Kluftinger-Krimi mit feinziseliertem Lokalkolorit: Dank Schnitzel, Bauchspeck und Liebe zum Detail geht es in diesem Fall weitaus magenfreundlicher zu.

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          Da hilft auch der heilige Magnus, Schutzpatron des Allgäus allgemein und von Füssen sowie Kempten im Besonderen nicht weiter. Die von Chef Lodenbacher (Hubert Mulzer) eingeforderte Ansprache zur Verbeamtung von Sekretärin Henske (Katharina Spiering) aus Dresden endet in Tränen. Nicht der Rührung, sondern der Wut, nachdem Kluftinger (Herbert Knaup) mehrere Male silbensuchend angesetzt und dann Unzusammenhängendes über die Ostzone, Grenzöffnung und Reisefreiheit gestammelt hat. So, wie man es von ihm, den das schnelle Denken und Reagieren strapaziert, zuverlässig erwarten kann.

          Im Versauen ist er auch in der fünften „Kluftinger“-Verfilmung groß, besonders, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Schwerfällig schon von Gestalt, verfressen in der Tat – in den Büchern von Michael Kobr und Volker Klüpfel klein und dick, bei Herbert Knaup lang und mit deutlichem Embonpoint ausgestattet – scheint auch die Mimik bei ihm langsam zu arbeiten. Tote kann er nicht sehen, Flugangst macht ihm zu schaffen, an seinem uralten VW Passat Diesel hängt er mit seltsamer Beharrlichkeit.

          Allgäu-Columbo auf Pizzaspur

          Vor einer Woche erst gab es mit „Herzblut“, dem vierten „Kluftinger“-Fall, einen recht drastischen Fall zu sehen, nun geht es wesentlich magenfreundlicher um die geplante Rückkehr der Monstranz des St. Magnus an ihren Platz im Landeskundemuseum (Regie in beiden Fällen Lars Montag). Viel besser fühlt sich der Allgäuer Ermittler auch dieses Mal nicht. Während er in „Herzblut“ sein körperliches Ende nahen sah, plagt ihn nun die Erinnerung an einen unrühmlichen Vorfall vor dreißig Jahren (Drehbuch Stefan Holtz und Florian Iwersen).

          Als damals der junge Polizist im Dienst einen gebrauchten Passat in Augenschein genommen hatte, stahlen dreiste Diebe die Monstranz direkt vor seiner Nase. Auf Strümpfen hatte Kluftinger die Verfolgung aufgenommen, seine Waffe den Verbrechern praktisch in die Hände gespielt, sich fahrlässig als Geisel nehmen lassen und so den vollendeten Raub des bedeutendsten Artefakts der lokalen Volksfrömmigkeit ermöglicht. Die Schmach von damals nagt immer noch, besonders als der technikaffine Kollege Maier (Johannes Allmayer), die Leitung der Einsatzgruppe zur Sicherung der feierlichen Rückkehrzeremonie übertragen bekommt.

          Ermittlungen laufen auf Hochtouren: Allgäu-Columbo Kluftinger mit Sidekick Hefele.
          Ermittlungen laufen auf Hochtouren: Allgäu-Columbo Kluftinger mit Sidekick Hefele. : Bild: ARD

          Wasserdichtes Sicherheitskonzept hin oder her: Kluftinger wittert einen neuen Anschlag auf die Magnus-Monstranz. Eine alte Frau wurde erwürgt, eine Garage auf ihrem Hof chemisch gereinigt. Mit Kollege Roland Hefele (Jockel Tschiersch) verfolgt der Allgäu-Columbo die Spur der Pizzabestellungen bis zu einem Zeugen, der vor seinen Augen brutal überfahren wird. Ein grünes Seil gibt ihm den ersten Hinweis auf die Zusammenhänge. Der im österreichischen Gefängnis einsitzende Meisterdieb von damals, Heinz Rösler (Fred Stillkrauth) schickt Schuhe zur Warnung. Nur vor Kluftinger will er sein Gewissen erleichtern.

          Schnitzel als Deus Ex Machina

          Unter den Regionalkrimis stechen die Fälle des Kommissars aus Kempten durch die Eigenwilligkeit ihrer Hauptfigur hervor, die nur ab und an, dann aber umso leichtherziger gegebene, Sympathiepunkte sammeln kann. Einzelne Miniaturszenen bilden die Höhepunkte in einer Krimihandlung, die ansonsten wenig nennenswert ist. Besonders die kreative Rache der Sekretärin setzt Kluftinger dieses Mal zu. Von ihr in der völlig vermüllten Messi-Wohnung des österreichischen Kollegen Valentin Bydlinski (Felix Römer) einquartiert, muss er mit Bauchspeck aus der Discounterpackung vorliebnehmen und Maiers Löffelchenstellung abwehren. Wenn das Gattin Erika (Margarete Gilgenreiner) wüsste.

          Selbst wenn man von den skurrile Harmlosigkeit zelebrierenden Lokalformaten inzwischen genug hat: Schon allein die Einweihungszeremonie im Museum, bei der Kardinal und Landrat zu verzückt vorgetragener moderner Harfenmusik abwechselnd sanft entschlummern und wieder aufschrecken, bevor der Bürgermeister zu endlosem Gewäsch ansetzt, ist mit feiner Liebe zum Detail beobachtet. Dass bei der Aufklärung des Falles ein vom Buffet stibitztes Schnitzel die Rolle des Deus ex Machina spielt, tut dem hintersinnig unterhaltenden Vergnügen ein Übriges.

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