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Klitschko kontert Deepfake : „Ich brauche nie einen Übersetzer“

Deep Fake: Der vermeintliche Vitali Klitschko und Franziska Giffey im Videogespräch Bild: Twitter/Senatskanzlei Berlin

Franziska Giffey ist auf einen Betrüger hereingefallen, der sich als Vitali Klitschko ausgab. Es handelte sich wohl um einen „Deepfake“, sagt die Senatskanzlei. Warum erkannte ihn niemand?

          4 Min.

          Der echte Vitali Klitschko hat auf den „Deepfake“, auf den die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, ihr Madrider Amtskollege, José Luis Martinez-Almeida, und der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig hereingefallen sind, schnell reagiert. Mit einem Video, zu sehen bei der „Bild“. „Liebe Freunde“, sagt er da: „Ich bin Vitali Klitschko, Bürgermeister der schönen Stadt Kwiw.“ Es gebe da jemanden, der sich bei anderen Bürgermeistern gemeldet, Klitschkos Namen benutzt und „absurde Dinge von sich gegeben“ habe. Das bezeuge „kriminelle Energie“. Es müsse „dringend ermittelt werden, wer dahinter steckt“. Offizielle Gespräche mit ihm gebe es übrigens nur über offizielle Kanäle und für diejenigen, die Deutsch oder Englisch mit ihm sprechen wollten: „Ich brauche nie einen Übersetzer, schönen Tag noch.“

          Wie kam das Gespräch zustande?

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Damit umreißt Vitali Klitschko binnen einer Minute das Problem und deutet an, wie man hätte verhindern können, dass Franziska Giffey minutenlang mit jemandem spricht, den sie für Vitali Klitschko hält. Von der Optik her mag das Schaltgespräch überzeugend gewesen sein, fragwürdig ist aber nicht nur dessen Inhalt, sondern auch, auf welchem Weg es zustande kam und warum der gefälschte Vitali Klitschko mit Giffey auf Russisch sprechen wollte.

          Dass der Bürgermeister von Kiew, ehemalige Boxweltmeister und promovierte Sportwissenschaftler des Deutschen mächtig ist, könnte dem einen oder anderen schon aufgefallen sein. Doch dafür, dass das Fake-Gespräch auf Russisch laufen sollte, sei ihr eine Erklärung angeboten worden, schreibt Franziska Giffey auf Twitter: „Zu Beginn des Gesprächs wurde gefragt, ob es auf Russisch + übersetzt stattfinden kann, da auch andere nicht deutschsprachige Mitarbeiterinnen dabei seien, die das Besprochene verstehen sollen.“

          Mitarbeiterinnen von Vitali Klitschko verstehen nur die russische Sprache? Das hätte Franziska Giffey und ihrem Team durchaus spanisch vorkommen können. Kam es aber nicht beziehungsweise erst, als die Fragen des gefakten Klitschko zu absurd wurden – als sich die Fake-Person danach erkundigte, ob es denn kein Problem sei, dass sich Ukrainer in Deutschland Sozialleistungen erschlichen, ob man ukrainische Männer nicht bitte in die Heimat zum Kämpfen schicken könne und wie ein Christopher Street Day in Kiew auszurichten sei.

          Sein Anrufer, sagte der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, habe auf Englisch gesprochen. Die E-Mailadressen, über welche die Vorbereitung lief, hätten echt gewirkt. Im Laufe des Gesprächs sei der angebliche Klitschko, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, „fordernder aufgetreten“. Das Gespräch ging zu Ende, Zweifel an der Echtheit gab es nicht. „Nachdem in dem Gespräch keine verfänglichen Themen behandelt worden sind, ist das im konkreten Anlassfall sicher ärgerlich, aber kein großes Problem“, sagte der SPÖ-Politiker Ludwig im österreichischen Rundfunk ORF.

          Was soll der Staatsschutz ermitteln?

          Kein großes Problem? In Berlin, wo man davon ausgeht, einer digitalen Fälschung aufgesessen zu sein – „Allem Anschein nach haben wir es mit Deepfake zu tun“, sagte die Senatssprecherin Lisa Frerichs –, ermittelt nun der Staatsschutz der Kriminalpolizei.

          Und was soll die Polizei ermitteln? Dass Russisch die Sprache der Wahl der Fälscher war, gibt vielleicht einen ersten Hinweis. Zugespitzte Hinweise auf ihre Sorglosigkeit erhält Franziska Giffey im Netz nun zuhauf, angefangen bei dem ironischen Umstand, dass ausgerechnet sie, deren Doktorgrad wegen Plagiaten in ihre Dissertation aberkannt wurde, auf eine „Fälschung“ hereinfällt bis hin zu der pointierten Einschätzung, das laufe dann wohl unter dem Stichwort „Gute-Fälschung-Konferenz“.

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