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„Kleine Schiffe“ mit Katja Riemann : Eine Frau für alle Unfälle

  • -Aktualisiert am

Ganz entspannt: Franziska (Katja Riemann) hat ja auch schon genug Last mit sich selbst. Bild: ARD Degeto

Was macht eine Frau ohne Mann? Schwanger werden, sich einen Jüngeren suchen, mit einer noch Jüngeren zusammenziehen. Katja Riemann schafft das in „Kleine Schiffe“ mit links.

          Am Reißbrett des Zielgruppenfernsehens hat die ARD wieder ganze Arbeit geleistet. Was muss alles rein, damit ein Film didaktisch, feministisch und demographisch umfassend einsetzbar wird? Nehmen wir eine Frau mit Zwangsstörungen, obere Mittelschicht, Mitte vierzig. Die wird schwanger, gründet eine WG mit einem Künstlermädchen, Anfang zwanzig, auch schwanger. Die Neurotikerin hat einen Jahrzehnte jüngeren Liebhaber.

          Alles an dieser Produktion ruft: Modernität! Relevanz! Und es stimmt ja, es gibt einen Geburtenanstieg bei den über Vierzigjährigen. Es gibt den Kinder-versus-Job-Konflikt, Frauen machen Karriere, die Familiengründung kommt später. Der Mann wird als Versorger nicht mehr automatisch einkalkuliert. Aber warum das alles auf eine Figur projizieren, hier dargestellt von Katja Riemann? Dass eine Frau mit psychischer Störung ein Kind austrägt, darin liegt schon genug Konfliktpotential. Sie muss aber noch vom Mann verlassen werden, den Mut für eine Generationen überspringende Liebe aufbringen und eine Streunerin mit großer Klappe und noch größerem Herzen (Aylin Tezel) in ihr keimfreies Zuhause aufnehmen. Katja Riemann gießt die Unbill in ihr elegant stoisches Spiel. Sie kann indigniert schauen wie nur wenige Schauspielerinnen, und vielleicht ist dieser empörte Blick die einzig angemessene Reaktion auf das Drehbuch.

          Ein Fall für die Therapie

          Die Story ist nicht wirklich eine, vielmehr wurde ein Toleranzdekret verfilmt. Entsprechend stellen sich keine wirklichen Komplikationen ein. Da sagt keiner mal, hör zu, du bist ein Fall für die Therapie mit deinen Ticks. Und jetzt noch ein Kind? Wie soll denn das gehen?

          Im Ersten will man die großen Themen angehen, aber scheut sich vor der Dramatisierung. Man spekuliert auf gesellschaftspolitische Bedeutung, bleibt aber erzählerisch unter dem Schnitt. Schauspielerinnen wie Katja Riemann und Aylin Tezel sind unterfordert, wenn sie zu permanentem Harfen- und Pianogeperle triviale Texte aufsagen müssen. Gemessen an der Unbeholfenheit des Drehbuchs (Volker Krappen) hat die Darstellerleistung Oscar-Niveau, und vielleicht muss man die öffentlich-rechtlichen Fiktionsversuche einfach mit gespaltenem Bewusstsein wahrnehmen: einerseits Abraumhalde für Storyschrott, andererseits Belastbarkeitstraining von Schauspielern.

          Backfisch in den besten Jahren

          Der Regisseur Matthias Steurer verkennt sein Sujet: Zwänge sind tatsächlich eine pathologische Geißel, die Geplagten könnten ein wenig per Medium vermittelte Empathie gebrauchen. Natürlich sind Frauen jenseits der vierzig mutig, wenn sie sich auf eine Schwangerschaft einlassen, aber Lobbyarbeit im Fernsehen muss für diese Gruppe anders aussehen als Katja Riemann, die beim Geburtsvorbereitungskurs ängstlich giggelt. Und welche Hemmungen, Sorgen, Hindernisse sich einstellen, wenn Frauen jüngere Männer lieben, das könnte man auch mal eruieren. Aber nicht mit Backfischmomenten zwischen ihm und ihr an der Hamburger Alster.

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