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„Klaus“ bei Netflix : Guter, alter weißer Mann

Liegen aus gutem Grund auf der Lauer: Klaus und Jesper Bild: Netflix

Da taut einem das Herz weg: Der Netflix-Film „Klaus“ erzählt die Herkunftsgeschichte des Weihnachtsmannes nach ganz eigenen Regeln und ist dabei sehr komisch.

          3 Min.

          Nichts kann die Vorfreude auf das Weihnachtsfest so nachhaltig blockieren wie ein Weihnachtsfilm in der ersten Novemberhälfte. Für die einen bedeutet Weihnachten Leuchten, Zusammenrücken und ehrfürchtige Erwartung. Für andere flackernde Erinnerung an das Vergehen der Zeit, die Enge fremdbestimmter Augenblicke oder aber schlicht: Einsamkeit.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die frohe Botschaft: Der Trickfilm „Klaus“ ist für alle da. Er ist klug, herzerwärmend, flapsig und bösartig. Und er schafft es, den von Hand gezeichneten Trickfilm von einst mit all seinen Ecken, Kanten und groben Linien an seinen geschmeidigglatten Nachfolger, den Animationsfilm, anzuschließen: Dem spanischen Trick-Zeichner Sergio Pablos, der Mitte der neunziger Jahre bei Disney begann („Der Glöckner von Notre Dame“, „Herkules“, „Tarzan“ und „Der Schatzplanet“) und später mit der „Ich – Einfach unverbesserlich“-Reihe nebst den kauderwelschenden Chaosüberraschungseiern (Minions) bekannt wurde, gelingt es, beide Welten mit Mut und einem Sinn für Details zu versöhnen. Denn, so oft gelobt wird, wie sehr die Filmschaffenden bei Netflix ihre Freiheiten genießen, so selten halten Witz und Einfallsreichtum mit diesen Freiheiten mit.

          Ein Küstendorf, das H.P. Lovecraft zu Tränen gerührt hätte

          Während der Zuschauer noch auf seiner Weihnachtsunlust kaut, unterläuft der Film teils in Tippelschritten, teils stapfend jede Erwartung. Im Kern geht es um zwei Männer: Der eine beutet den anderen aus, weil er sich den kapitalistischen Leistungsvorgaben seines Vaters nicht anders entziehen kann. Es wird gelogen und betrogen. Doch es wachsen gute Dinge daraus. Wir treffen Jesper Johannsen (Jason Schwartzman, deutsche Stimme: Ralf Schmitz), heillos verwöhnter Sohn des Direktors des „Königlichen Postdienstes“, der als angehender Postbote ein Totalausfall – weil nicht an Vaters Zukunftsplänen, sondern nur an „seidenen Laken“ interessiert – ist. Zeit für einen „Weckruf“ findet der Vater und versetzt den Verzogenen in die Poststelle von Smeerensburg im hohen Norden. Dort, so die Vorgabe, soll er 6000 Briefe austragen, bevor er sich wieder blicken lassen darf.

          Wer glaubt, Jesper trete eine launige, von zwitschernden Vögeln begleitete Reise zum Korvatunturi an, um dort von irgendwelchen Armleuchtern empfangen zu werden, kann sich auf etwas gefasst machen. Es geht ins Herz der Finsternis. Die Bilder künden ganz deutlich davon, wenn Jesper das an Disneys Dornröschen-Schloss erinnernde Panorama auf seiner klapprigen Kutsche hinter sich lässt. Ein garstiger Fährmann setzt ihn über, auf eine Insel, deren Siedlung H.P. Lovecraft zu Tränen gerührt hätte und laut Seemann „voll bunter Traditionen“ und „schrulliger Folklore“ ist. Tradition, das heißt hier zunächst: „Jahrhunderte von glorreichem Hass, vererbt über Generationen“. In Smeerensburg, dem „Ort der feinsten Fehden der Welt“, herrscht Krieg: Zwei Familien, die Krums und die Ellingbones, bekämpfen sich seit weit vor der „hunderttägigen Schlägerei von 45“, einfach, weil es immer so war. Das lernen schon die Kinder, die sonst nicht viel lernen – und daher sind die Szenen von Jespers Ankunft geprägt von einem Hauen, Stechen und allerlei Verschrobenheiten, dass es eine Schadenfreude ist. Das kalte Küstenstädtchen ist also kein guter Ort für einen Menschen, der seinen Schilling damit verdient, dass die Leute miteinander kommunizieren.

          Woher Jesper seinen Kampfgeist nimmt, wird nicht ganz klar, doch er findet einen Weg: Er bringt die Kinder der Streithähne dazu, dem alten Holzfäller Klaus (J.K. Simmons, deutsche Stimme: Rufus Beck), der aus einem herzzerbrechenden Grund ein Händchen für buntes Holzspielzeug hat, ihre Wünsche per Brief zu schreiben. An Jesper ist es, die Geschenke auszuliefern. Beide erschaffen so, ohne es zu merken, die Herkunftsgeschichte des Weihnachtsmannes, indem ihr Tun all jene Bilder hervorbringt, die die amerikanische Erzählung von Santa Claus seit dem amerikanischen Gedicht „The Night before Christmas“ von 1823 in die westliche Welt emittiert. Auch dem fennoskandinavischen Volk der Samen kommt hier eine Rolle zu, die jedoch etwas angestückelt wirkt.

          Höchst sehenswert ist all das trotzdem. Weil der Film es sich nicht einfach macht (das Gute fußt hier auf egoistischem Betrug und Ausbeutung, und das macht der Film auch deutlich), weil kein Gag auf reiner Popkultur-Referenz (außer auf einer der ältesten) sowie lakonischen Dialogen beruht und weil er es schafft, die ganz großen Zeichnungen auch einfach mal stehen und wirken zu lassen. Das Beste aber: Man bekommt wieder Lust, sich auf einen Schlitten zu setzen. Hoffentlich schneit es bald.

          Klaus ist von Freitag an bei Netflix abrufbar.

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