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Klarnamen im Netz? : Keine Anonymität ist auch keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Wer im Netz unerkannt bleiben will, führt nicht immer Böses im Schilde. Bild: Colourbox.com

Lässt sich Kriminalität im Internet besser bekämpfen, wenn Klarnamen Pflicht werden? Und ändern sie auch den rüden Umgangston im Netz? Die Frage ist, wen Pseudonyme online tatsächlich schützen.

          5 Min.

          Wer anonyme Meinungsäußerungen im Internet verbieten will, argumentiert in der Regel folgendermaßen: Nur so lasse sich Kriminalität im Internet tatsächlich bekämpfen, von Betrug bis Terrorismus. Für die Denkschule der Anonymitätsfeinde, denen die Sicherheit des Staates an oberster Stelle steht, waren die Enthüllungen Edward Snowdens ein Schlag. Denn sie haben offengelegt, dass es Anonymität gegenüber Geheimdiensten faktisch kaum mehr gibt. Regen zu fordern, wenn es regnet, scheint in öffentlichen Debatten mäßig mitreißend, daher konzentrieren sich die Gegner der Anonymität nun auf einen anderen Aspekt: den Umgangston im Netz.

          Der „rauhe Ton im Netz“ war fast zwei Jahrzehnte lang ein Allgemeinplatz, also ebenso wahr wie überwiegend egal. Dann sogen soziale Netzwerke und Medien immer mehr Leute ins Internet. Auch problematische. Besonders die, schien es sogar. Zugleich entwickelte sich das Netz für eine ganze Generation von digital natives vom Instrument zur Heimat, was wiederum die Empfehlung, im Zweifelsfall doch einfach „den Computer auszuschalten“, zur Farce werden ließ.

          Zu Beginn des Jahres 2015 würde man sich allerdings einen rauhen Ton im Netz wünschen. Denn rauh wäre schon eine Verbesserung gegenüber der hysterisch-radikalen, von Fäkalsprache durchzogenen und persönlich vernichtenden Hetze, wie sie im Netz stattfindet. Nicht überall, nicht immer, aber ein Tropfen Dioxin vergiftet Abertausende Liter Wasser. Aber rechtfertigt dieser dramatisch schlechte Ton die Forderung, das Recht auf Anonymität im Netz zurückstehen zu lassen? Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Dann offenbaren sich fünf typische Irrtümer der Anonymitätsdebatte.

          Irrtum 1: Metaphernsalat und falsche Analogien

          Weil das Netz und die Vielfältigkeit seiner Wirkungen noch immer neuartig erscheinen und vieles abstrakt bleibt, bieten sich vertraute Metaphern an, um sich in der Debatte verständlich zu machen. Metaphern erleichtern ein erstes, oberflächliches Verständnis, weisen im Verlauf einer substantielleren Diskussion aber oft den falschen Weg. Oder auch einen gewünschten Weg, denn schon die Wahl einer Internet-Metapher ist Politik.

          In einem Interview erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière im September 2014 auf die Nachfrage, dass man in einer Bücherei doch auch anonym Bücher durchblättern könne: „Sie verfügen aber über einen Bibliotheksausweis. Und wenn es nötig ist, können die Ermittler sehen, welches Buch Sie ausgeliehen haben.“ Das ist sachlich korrekt, aber absichtsvoll konstruiert. Das Internet ist keine Bibliothek. Es ist auch keine Buchhandlung. In jeder Buchhandlung kann man ein Buch kaufen, bar bezahlen, und wenn man nicht gerade über eine Frisur mit Wiedererkennungswert verfügt, bleibt dieser Akt der Buchbeschaffung weitgehend anonym. Daran erkennt man, dass die Wahl der Metapher bereits eine politische Festlegung enthält. Deshalb taugen Metaphern fast nie zur Erhellung von Gesetzmäßigkeiten, insbesondere nicht denen des Internets.

          Irrtum 2: Unklare Begriffe

          Anonymität erscheint aus Sicht der Nutzers als simples Konzept. Tatsächlich bewegt sich Anonymität im Internet auf verschiedenen Ebenen und kann verschiedenes bedeuten. Wenn es um „Nichtidentifizierbarkeit“ geht, stellt sich die Frage: Nicht zu identifizieren für wen? Hier ließen sich grob drei Parteien unterscheiden: der Staat und seine Organe, die Betreiber von Plattformen und andere Nutzer. Ein Problem der Anonymitätsdebatte ist, dass in ihr alle drei Anonymitätsebenen munter durcheinandergeworfen werden, wie es gerade passt. Übrigens von allen Seiten. Dabei hat jede der drei Ebenen andere Voraussetzungen. Wenn Betreiber von Plattformen wollten, könnten sie die Anonymität mit wenigen Handgriffen quasi abschaffen, sowohl intern wie auch für die Nutzer. Es wäre technisch eine simple Operation, Kommentare in Foren nur noch User schreiben zu lassen, die ein Postidentverfahren hinter sich gebracht haben. Es wird nicht getan, weil es unpraktisch ist - aber dadurch ist die Anonymität von Forenkommentaren nicht mehr gott- oder netzgegeben, sondern eine aktiv getroffene Entscheidung. Gegen die „Abschaffung der Anonymität“ in privaten Foren hat kaum jemand etwas. In dem Moment aber, in dem der Staat Probleme durch ein allgemeines Verbot regeln soll, die auf Entscheidungen privater Plattformen zurückgehen, geht etwas gehörig durcheinander.

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