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Klarnamen im Netz? : Keine Anonymität ist auch keine Lösung

  • -Aktualisiert am

Irrtum 3: Technische Machbarkeit

Dass Internetnutzer dem Staat gegenüber anonym bleiben, ist nicht nur der gesetzlich geregelte Normalzustand. Das Gegenteil wäre auch technisch kaum zu realisieren. Es wirkt paradox, aber in Zeiten nach Snowden ist ein Verbot der Anonymität kaum umzusetzen. Auch hier spielt die Definitionsfrage hinein, denn wenn von Anonymität dem Staat gegenüber die Rede ist, geht es meist um konkrete Inhalte von Kommunikation, schon aus Gründen der gesetzlichen Relevanz. Spätestens dann müsste für das geforderte Verbot der Anonymität auch private Verschlüsselung verboten werden. In der Tat hatte der britische Premierminister David Cameron diese Idee. Ein solches Verbot der sicheren Verschlüsselung kann aber nur fordern, wer die IT-Wirtschaft nachhaltig schädigen möchte. Denn gerade auf Verschlüsselung beruhen die meisten sicheren geschäftlichen Transaktionen in der digitalen Sphäre.

Irrtum 4: Verwechslung von Schutz und Schild

Verschanzen sich im Schutz der Anonymität nur böse Pöbler? Durchaus nicht. Die digitale Realität sieht anders aus. Das Internet ist nicht nur eine Bühne, sondern auch ein Raum, in dem Anonymität in vielen, sehr entscheidenden Fällen Schutz für Schwächere, für Kinder etwa und potentielle Opfer bietet. Die Generation derjenigen, die mit dem Netz aufgewachsen sind, holt sich Ratschläge zu ihren privatesten Problemen online - und genau hier ist die Anonymität zentral. Die vorgebliche „digitale Burka“ ist gleichbedeutend mit der „Intimsphäre“. Und weil das meiste, was hackbar ist, inzwischen auch gehackt wird, sind die Identifizierbarkeit für andere Nutzer und die Identifizierbarkeit für den Betreiber kaum mehr zu unterscheiden. In der Türkei, in Syrien und wohl auch im Einflussbereich des „Islamischen Staats“ gibt es mehr oder weniger staatsnahe Hacker, die vermeintlich feindliche Kräfte identifizieren und attackieren. Anonymität ist zuerst ein Schutz. Auch in Deutschland, aber vor allem in repressiven Staaten.

Irrtum 5: Die Auswirkungen auf den Umgangston

Der vielleicht größte Irrtum, der in der Forderung nach dem Verbot von Pseudonymen und Anonymität im Netz steckt, ist die Annahme, dass ein solches Verbot den Umgangston verbessern würde. Hier ist der Wunsch Vater des Gedankens. Es gibt inzwischen eine Reihe von Studien, die zeigen, dass Anonymität und Pöbeleien nicht einfach korrelieren. Es kommen aus dem deutschsprachigen Internet täglich neue Hinweise hinzu. Mitte Januar 2015 veröffentlichte die Redaktionsleiterin der Zeitschrift „Christ & Welt“ Zuschriften, die ihr auf ein Editorial hin gesendet worden waren. Wer mehr als ein halbes Dutzend davon liest, verliert wenigstens vorübergehend den Glauben an die Menschheit: „Na, du linke Abfickhure, magst du es nicht, wenn Menschen eine andere Meinung haben als du?“, war da zu lesen. „Christ & Welt“ hatte eine Anzeige der Organisation „Kirche in Not“ abgelehnt, weil in ihr das Wort „Meinungsdiktatur“ vorkam. Viele Kommentatoren waren nicht nur einverstanden mit einer Veröffentlichung ihrer üblen Beschimpfungen unter Klarnamen, sondern sogar stolz auf ihre Zuschriften.

Wenn die Einsicht fehlt, ist eine Klarnamenpflicht sinnlos. Der Ton im Netz - er ist tatsächlich ein großes und drängendes Problem. Leider keines, das so simpel zu lösen wäre, weder technisch noch gesellschaftlich. Sozialen Medien wie Netzwerke und Foren scheinen bei bestimmten Menschen den dünnen Firnis der Zivilisation abplatzen zu lassen, unabhängig von der Anonymität. Das Anonymitätsverbot, das vermeintliche Mittel zur Verbesserung des Miteinanders im Netz, es wirkt schlicht nicht. Das ist eine verstörende Erkenntnis. Aber keine neue. Frank Schirrmacher, der verstorbene frühere Herausgeber dieser Zeitung, twitterte schön im April 2012 anlässlich des antiisraelischen Gedichts von Günter Grass: „Nicht die Anonymität, sondern der ansteigende Grad der nicht-anonymen Hass-Kommentare und Mails, von Sarrazin bis Grass, ist beunruhigend.“

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