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Kinderschänder Jimmy Savile : Autogramme gegen Zungenkuss

Jimmy Savile im Dezember 1986 Bild: AP

Erpressung, Mobbing und Angeberei: Die BBC zeigt in einer groß angelegten Recherche die Strategien ihres einstigen Star-Moderators Jimmy Savile als Kinderschänder.

          3 Min.

          Achtzehn Monate nachdem der BBC-Moderator Jimmy Savile postum als serieller Kinderschänder entlarvt wurde hat sein ehemaliger Arbeitgeber Wirbel gemacht mit einer Recherche, die nicht nur ergab, dass das Ausmaß seiner sexuellen Vergehen noch größer sei, als bislang vermutet, sondern auch der Frage nachging, wie der Disc Jockey durch Erpressung, Mobbing und Angeberei mit seinen wichtigen Beziehungen mehr als sechzig Jahre lang der Gerechtigkeit habe ausweichen können.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Befunde der Reporterin Shelley Jofre wurden zunächst mittags im Hörfunk und dann am Abend im Fernsehen in der investigativen politischen Sendung „Panorama“ ausgestrahlt. Aus den Zeugenaussagen ging hervor, dass  die Warnzeichen ein ums andere Mal missachtet wurden, mit der Folge, dass der populäre Moderator der Hitparade „Top of the Pops“ sich in den Ankleidezimmern der BBC, in Krankenhäusern und Kinderheimen an Minderjährigen vergehen konnte. Am schockierendsten war die Enthüllung, dass Saviles jüngstes Opfer zwei Jahre alt gewesen sei.

          Menschen, denen keiner glaubte

          Der Schwerpunkt der Recherche, die „Panorama“ unter dem Titel „Macht zum Missbrauch“ gesendet hat, lag bei dem  psychiatrischen Hochsicherheitskrankenhaus Broadmoor, wo Savile besondere Zugangsrechte genoss. Als der vom Gesundheitsministerium eingesetzte Leiter eines Gremiums, das Arbeitskonflikte lösen und Reformen bei dem krisengebeutelten Krankenhaus durchsetzen sollte, besaß der BBC-Star vergoldete Schlüssel zu der Anstalt und konnte dort Tag und Nacht ein- und ausgehen. Der Polizei liegen bislang sechzehn Berichte über Missbrauchsvorwürfe in Broadmoor vor.

          Eine in Broadmoor tätige Psychiaterin erklärte, es sei nicht verwunderlich, dass die verletzbaren Opfer sich damals nicht beklagt hätten: „Das waren Menschen, denen keiner glaubte.“
          Edwina Currie, die Gesundheitsministerin der Regierung Thatcher, die Saviles Ernennung bewilligt hatte, erzählte, dass damals keinerlei Beschwerden über den Moderator vorgelegen hätten, andernfalls hätte sie unverzüglich die Schlüssel zurückverlangt. Savile habe ihr berichtet, wie er die Situation in Broadmoor in Griff bekommen könne. Er habe entdeckt, dass die Krankenschwestern ihre Unterkünfte untervermieteten und mit ihren Überstundenmeldungen schwindelten. Savile habe ihnen mit der Polizei gedroht, wenn sie nicht spurten. 

          Ein publikumswirksamer Kontakt für Thatcher

          Diese Drohung, die, wie Edwina Currie der Reporterin zustimmte, nach Erpressung geklungen habe, sei der Ministerin so seltsam vorgekommen, dass sie eine Notiz gemacht habe. Dabei hat sie es belassen, genauso wie der ehemalige Mitarbeiter, der zwar beobachtet hatte, wie Savile für jedes Autogramm einen Zungenkuss verlangte, jedoch nichts unternommen habe; oder die Beamtin, die einen Kollegen im Schriftverkehr fragte, weshalb er sie nicht vor Saviles Neigung gewarnt habe, Damen auf den Mund zu küssen; und die Krankenpfleger, die kopfschüttelnd bekundeten, damals schon gemeint zu haben, nur ein Wahnsinniger könne Savile zum Leiter des Sondergremiums in Broadmoor ernennen.

          „Panorama“ zeigte, wie auch Margaret Thatcher auf Savile reingefallen ist. Ihre Berater hätten ihr empfohlen, dass der Kontakt zu dem Star dienlich sei für die Breitenwirkung. Allerdings korrigierte Lord Bell, der damalige PR-Berater der Premierministerin, die Prahlerei Saviles, er sei regelmäßig Gast gewesen beim Weihnachtsessen auf ihrem offiziellen Landsitz. Wenn dies der Fall gewesen sei, müsse der Moderator sich im Schrank versteckt haben, sagte Bell, denn er sei selber jedes Jahr dort gewesen und habe Savile nie gesehen.

          Schadensbegrenzung durch Selbstkritik

          Auch die BBC, durch die Savile das Vertrauen der Nation gewonnen habe, habe entgegen den Empfehlungen eines zu Beginn der siebziger Jahre nach Missbrauchsvorwürfen in Auftrag gegebenen Untersuchungsberichts versäumt, strengere Kontrollen zur Beaufsichtigung von jungen Studiogästen einzuführen.

          Der Wirbel um diese BBC-Recherche wurde vor allem in Eigenwerbung vom öffentlich-rechtlichen Sender selber veranstaltet. Es drängt sich der Verdacht auf, die Sendung sei ursprünglich geplant worden im Zusammenhang mit dem Bericht über die eingehende Untersuchung der Kultur und Bräuche bei der BBC in den Jahren von Saviles Tätigkeit, dessen Veröffentlichung um diese Zeit herum erwartet wurde.

          Der von der BBC beauftragte Bericht der ehemaligen Berufungsrichterin Dame Janet Smith ist jedoch wegen laufender Gerichtsverfahren gegen andere BBC-Moderatoren abermals verschoben worden, diesmal voraussichtlich auf den Herbst. Aufgrund einer Kette von Fehlentscheidungen, die zum Rücktritt des BBC-Generaldirektors führte und eine tiefe Krise bei der Rundfunkanstalt auslöste, wurde der Skandal um Saviles Missbräuche 2012 von der Konkurrenz aufgedeckt. Die „Panorama“-Sendung wirkte wie der Versuch, den Schaden durch Selbstkritik wettzumachen.

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