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Kinderpornographie : „Second Life“ verliert seine Unschuld

Der Betreiber verspricht ein System zur Altersidentifikation Bild: Linden Lab

Das Auftauchen von Kinderpornographie in „Second Life“ treibt die Entzauberung der Onlinewelt einen Schritt weiter. Überraschend ist das leider nicht. Warum sollte sie frei von perversen Inhalten sein, von denen es im Internet nur so wimmelt? Von Stefan Tomik.

          4 Min.

          Hätte das Politmagazin „Report Mainz“ Kinderpornographie im „gewöhnlichen“ Internet entdeckt, wäre das vermutlich keine „Story“ gewesen. Jeder weiß darum. Allein weil das in der virtuellen Online-Welt „Second Life“ passierte, nahmen die Medien die Meldung auf. Die Probleme aber sind keineswegs neu.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Die Berichterstattung über „SL“ geht damit in eine weitere, dritte Runde. In der ersten war es ein einziges Loblied auf das „Land der unbegrenzten Online-Möglichkeiten“. „Die Sehnsucht nach dem anderen Leben“ war offenbar auch bei Journalisten groß. Sie schickten eigene Figuren - Avatare - durchs Netz, bejubelten das rasante Wachstum der Nutzergemeinde - „mehr Einwohner als Berlin“ - und empfahlen „Dinge, die Sie Ihrem Avatar dringend anschaffen sollten“. In keinem Beitrag durfte ein Hinweis auf die SL-Millionärin Anshe Chung fehlen, die durch Immobiliengeschäfte in der virtuellen Welt angeblich ein reales Vermögen anzuhäufen verstand.

          „Gott“ wird zum „Sunnyboy“

          Dann kamen die Zweifel: Technisch läuft einiges schief, das Netz ist oft überlastet, die Grafikdarstellung von vorgestern, irgendwie geht's immer um Geld, aber richtig reich wird man doch sehr selten. Aus dem „Gott“ des „Second Life“, seinem Erfinder Philip Rosedale, wurde der „kalifornische Sunnyboy“. Jetzt verliert „Second Life“ nach dem Nimbus auch noch seine Unschuld.

          Die ARD-Reporter beobachteten, dass kinderähnliche Avatare mit erwachsenen Figuren Sex hatten und für solche Dienste gegen Bezahlung regelrecht angeboten wurden. Außerdem bekamen die Journalisten von Nutzern der Online-Welt Fotos eines realen Kindesmissbrauchs angeboten. Überraschend ist das leider nicht. Warum sollte ausgerechnet „Second Life“ frei von perversen Inhalten sein, von denen es im allgemeinen Internet nur so wimmelt? Auch diese Welt ist so gut oder so schlecht wie die Menschen, die sie gestalten.

          Bis zu fünf Jahre Gefängnis

          Schon länger diskutiert die SL-Gemeinde über sexuelle Handlungen zwischen Avataren unterschiedlichen Alters; manche sprechen euphemistisch von „age play“. Im Februar dieses Jahres teilte die niederländische Staatsanwaltschaft mit, sie ermittele aufgrund mehrerer Anzeigen gegen Urheber von Kinderpornographie in „Second Life“. Damals wurden schon Bordelle mit Kinderavataren beobachtet.

          Außerdem stand „Second Life“ immer wieder wegen Fällen von antisemitischer Hetze und Produktpiraterie in der Kritik. Das FBI ermittelt wegen illegalen Glücksspiels. Solche Fälle ereignen sich nicht nur in „Second Life“, sondern täglich vieltausendfach im Internet. Hier wie dort gelten dieselben rechtlichen Vorschriften.

          Paragraph 184 b des deutschen Strafgesetzbuchs verbietet Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornographie. Das gilt nach bisheriger Rechtsprechung auch, wenn nicht Kinder involviert sind, sondern deren wirklichkeitsähnliche Abbildungen, etwa in Form von Comicfiguren - in „Second Life“ also den Avataren. Den Tätern drohen zwischen drei Monaten und fünf Jahren Gefängnis.

          Ist Linden Lab verantwortlich?

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