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Kim Kardashian : Der liebe Narzissmus

  • -Aktualisiert am

„Bikini selfies are my favorite“: Kim Kardashian, wie sie sich selbst am liebsten und die Welt sie am häufigsten sieht. Bild: Kim Kardashian / Barnes & Noble

Kim Kardashian, unangefochtener Star der sozialen Netzwerke, hat ihr erstes Buch geschossen. In „Selfish“ zeigt sie, wie sie sich am liebsten sieht. Und erzählt damit auch eine rührende Geschichte.

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          Wenn wir einmal für eine bizarre Sekunde lang annehmen, dass Kim Kardashians Leben genau so ist, wie sie es uns zeigt, dann haben wir es bei ihr mit einem sehr, sehr glücklichen Menschen zu tun. Sie hat die große Liebe ihres Lebens gefunden, nämlich sich selbst, und mehr noch – es ist davon auszugehen, dass diese Liebe erwidert wird.

          Eine Ahnung davon vermittelt ihr erstes Buch, „Selfish“, das auf 450 Seiten zeigt, wie Kim Kardashian sich selbst am liebsten – und öftesten – sieht: von schräg oben aufgenommen, Wangen leicht eingezogen, Lippen gerade so weit geöffnet, dass eine Kreditkarte dazwischenpassen würde, und in ihren wimpernumkranzten, braunen, genau richtig weit aufgerissenen Augen steht stets derselbe warme Ausdruck: ein absolut aufrichtiges, zuversichtliches, angstfreies und vertrauenserweckendes I love you.

          Gesund dank Schminktherapie: Die Liebesgeschichte einer jungen Frau zu sich selbst.
          Gesund dank Schminktherapie: Die Liebesgeschichte einer jungen Frau zu sich selbst. : Bild: © Kim Kardashian / Barnes & Noble

          Das muss man erst mal können. Vor allem, wenn man dabei in sein eigenes, eine Armlänge entferntes Telefon guckt.

          Die Post-Reality-Show-Karriere

          Kim Kardashian ist 34 Jahre alt. Der Ursprung ihres Ruhms geht darauf zurück, dass sie als Freundin von Paris Hilton seit etwa 2006 in den Klatschspalten auftauchte. Etwas später fand ein privates Video, das sie beim Sex mit ihrem damaligen Freund zeigte, irgendwie seinen Weg an die Öffentlichkeit. Etwas später war sie im amerikanischen Fernsehen als Star einer Reality-Show über sie und ihre Familie zu sehen. Noch etwas später – (ich überspringe jetzt zwei Ehen, an die sie sich womöglich nicht einmal selbst erinnert) – heiratete sie den sehr berühmten Rapper Kanye West, mit dem sie inzwischen eine kleine Tochter hat, die, wie die meisten Menschen auf diesem Planeten tatsächlich wissen, mit vollem Namen North West heißt. Kardashian hat zwar in Serien und Filmen gespielt und dafür sogar Preise gewonnen (na ja, einen: den Razzie Award for Worst Supporting Actress, 2008), ist aber keine – und würde sich auch nie als solche bezeichnen – Schauspielerin.

          Ihr wird die Erkenntnis zugeschrieben, dass das Gras immer dort grüner ist, „wo man es bewässert. Nicht immer auf der anderen Seite“, doch sie ist keine – und würde sich auch nie als solche bezeichnen – Philosophin.

          Sie hat zwar schon öffentlich gesungen, aber wirklich nicht gut.

          Berühmt – nicht mehr, aber auch nicht weniger

          Und doch ist sie so berühmt, dass Bette Midler eines der Hühner, die sie sich als Haustiere hält, nach ihr benannt hat, um einfach mal irgendetwas anderes als Beweis für den Ruhm von Kim Kardashian zu zitieren, als die 32 Millionen Menschen, die ihr auf Instagram folgen. Oder die 31,6 Millionen, die dasselbe auf Twitter tun.

          Manchmal darf ausnahmsweise auch mal jemand anderes mit aufs Bild.
          Manchmal darf ausnahmsweise auch mal jemand anderes mit aufs Bild. : Bild: © Kim Kardashian / Barnes & Noble

          Was ihre Freundin Paris Hilton im Direktvergleich nur vage angedacht hat, hat Kardashian perfektioniert (wobei ihr zugutekam, dass sie später dran war und die sozialen Netzwerke etablierter): sich selbst zur alleinigen Botschaft zu machen, bei der jeder weitere Inhalt, jede zweite oder, Gott bewahre, tiefere Ebene, jede Backstory nur stören würde, genau wie die Nähe zu einem benennbaren Beruf. Kim Kardashian, berühmt. Mehr ist da nicht. Aber eben auch nicht weniger.

          Apropos. An irgendeiner Stelle, und warum nicht hier, muss natürlich auch ihr Hintern zumindest erwähnt werden, der als weiterer Grund für ihre riesige Bekanntheit gelten muss. Er ist so ausladend, dass er im Grunde auch von vorne zu sehen ist, und als er vor ein paar Monaten nackt auf dem Cover des „Paper“-Magazins abgebildet war, brachte das für ein paar fassungslose Momente fast das Internet zum Erliegen.

          Sie sieht toll aus – und immer gleich

          Nun hat Kardashian also ihr erstes Buch veröffentlicht und dafür nicht nur alle Fotos eigenhändig gemacht, sondern angeblich auch die Texte selbst geschrieben. Es sind nur kurze Erklärungen zu den jeweiligen Bildern, doch mitunter erzählen sie so viel mehr. Zum Beispiel, dass Fotos Kim Kardashian deshalb so viel bedeuten, weil sie Erinnerungen in ihr wachrufen. „The pictures in this book bring back so many memories“ heißt es ganz vorne („Die Bilder in diesem Buch bringen so viele Erinnerungen zurück“). Und auf Seite 106: „These pics bring back so many memories“. (Dafür scheint die Erinnerung an das vorige Zitat ausgelöscht gewesen zu sein.) Oder: „Ich kann irgendein Foto von mir betrachten und sagen, wer meine Haare und mein Make-up gemacht hat, wo ich war und mit wem ich war. Fotos sind Erinnerungen für mich.“ Das ist deshalb enorm, weil Kim Kardashian auf nahezu allen Fotos absolut identisch aussieht.

          Signierstunde in New York: Kim Kardashian mit ihrem Buch bei Barnes & Noble
          Signierstunde in New York: Kim Kardashian mit ihrem Buch bei Barnes & Noble : Bild: Reuters

          Sie sieht toll aus, keine Frage (auf dieselbe Weise, wie ein Big Mac auf den Werbefotos bei McDonald’s toll aussieht) – aber eben immer exakt gleich. Es ist dann also ein Foto zu sehen, auf dem nur ihr Gesicht ist, genau so geschminkt und mit demselben Ausdruck wie immer, und darunter steht dann: „Photo Shoot in the desert“. Es ist aber kein Stück Wüste im Hintergrund zu sehen, da ist wirklich nur ihr Gesicht. In Anbetracht der überwältigenden Menge der Selbstporträts, die Kardashian in ihrem Leben gemacht hat (bis sie eines mag, schießt sie etwa zwanzig), ist dies eine wirklich außergewöhnliche Gedächtnisleistung. Schade, dass es „Wetten, dass...“ nicht mehr gibt.

          Eigentlich eine rührende Geschichte

          Den Bildtexten ist außerdem zu entnehmen, dass sie sich am liebsten im Bikini fotografiert („Bikini selfies are my favorite!“; „Bikini selfies are my fave.“); dass Geschminktwerden auf sie therapeutisch wirkt. Und dass sie obsessed with contouring ist, besessen von Konturieren, was bedeutet, sich sozusagen ein helleres Gesicht aufs Gesicht zu malen, um Dinge wie Nase, Wangenknochen, Brauenbögen, Oberlippe oder was sich eben in einem Gesicht sonst noch so findet, besser zur Geltung zu bringen.

          Gut, das ist jetzt insgesamt nicht so viel an Information, aber immerhin.

          Bei allen Oberflächlichkeiten erzählt „Selfish“ von und mit Kim Kardashian aber im Grunde eine ganz rührende Geschichte: Es erzählt von der Liebe einer relativ jungen Frau zu sich selbst. Es ist sozusagen eine serielle Selbstvergewisserung, und zwar in jubilierendem Ton: Ich existiere, ich mag mich, und das teile ich mit euch. Und ist das nicht eine viel schönere Geschichte als die von so vielen anderen jungen oder relativ jungen Frauen, die von Unsicherheiten bis hin zu Selbsthass handeln?

          Sehr gut möglich natürlich, dass alles in „Selfish“ gelogen ist und sich hinter der ganzen schön ausgeleuchteten Fassade eine zutiefst einsame Person verbirgt, deren äußerlicher Selbstoptimierungswahn auch nichts so viel anderes ist als eine Essstörung. Vorsichtshalber sollten wir das Buch als Fiktion betrachten. Und nicht vergessen, dass bei seiner Herstellung, überhaupt der Karriere von Kim Kardashian niemand zu Schaden kam (abgesehen von diversen Tieren mit Pelz).

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