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Kim Kardashian : Der liebe Narzissmus

  • -Aktualisiert am

Sie sieht toll aus – und immer gleich

Nun hat Kardashian also ihr erstes Buch veröffentlicht und dafür nicht nur alle Fotos eigenhändig gemacht, sondern angeblich auch die Texte selbst geschrieben. Es sind nur kurze Erklärungen zu den jeweiligen Bildern, doch mitunter erzählen sie so viel mehr. Zum Beispiel, dass Fotos Kim Kardashian deshalb so viel bedeuten, weil sie Erinnerungen in ihr wachrufen. „The pictures in this book bring back so many memories“ heißt es ganz vorne („Die Bilder in diesem Buch bringen so viele Erinnerungen zurück“). Und auf Seite 106: „These pics bring back so many memories“. (Dafür scheint die Erinnerung an das vorige Zitat ausgelöscht gewesen zu sein.) Oder: „Ich kann irgendein Foto von mir betrachten und sagen, wer meine Haare und mein Make-up gemacht hat, wo ich war und mit wem ich war. Fotos sind Erinnerungen für mich.“ Das ist deshalb enorm, weil Kim Kardashian auf nahezu allen Fotos absolut identisch aussieht.

Signierstunde in New York: Kim Kardashian mit ihrem Buch bei Barnes & Noble
Signierstunde in New York: Kim Kardashian mit ihrem Buch bei Barnes & Noble : Bild: Reuters

Sie sieht toll aus, keine Frage (auf dieselbe Weise, wie ein Big Mac auf den Werbefotos bei McDonald’s toll aussieht) – aber eben immer exakt gleich. Es ist dann also ein Foto zu sehen, auf dem nur ihr Gesicht ist, genau so geschminkt und mit demselben Ausdruck wie immer, und darunter steht dann: „Photo Shoot in the desert“. Es ist aber kein Stück Wüste im Hintergrund zu sehen, da ist wirklich nur ihr Gesicht. In Anbetracht der überwältigenden Menge der Selbstporträts, die Kardashian in ihrem Leben gemacht hat (bis sie eines mag, schießt sie etwa zwanzig), ist dies eine wirklich außergewöhnliche Gedächtnisleistung. Schade, dass es „Wetten, dass...“ nicht mehr gibt.

Eigentlich eine rührende Geschichte

Den Bildtexten ist außerdem zu entnehmen, dass sie sich am liebsten im Bikini fotografiert („Bikini selfies are my favorite!“; „Bikini selfies are my fave.“); dass Geschminktwerden auf sie therapeutisch wirkt. Und dass sie obsessed with contouring ist, besessen von Konturieren, was bedeutet, sich sozusagen ein helleres Gesicht aufs Gesicht zu malen, um Dinge wie Nase, Wangenknochen, Brauenbögen, Oberlippe oder was sich eben in einem Gesicht sonst noch so findet, besser zur Geltung zu bringen.

Gut, das ist jetzt insgesamt nicht so viel an Information, aber immerhin.

Bei allen Oberflächlichkeiten erzählt „Selfish“ von und mit Kim Kardashian aber im Grunde eine ganz rührende Geschichte: Es erzählt von der Liebe einer relativ jungen Frau zu sich selbst. Es ist sozusagen eine serielle Selbstvergewisserung, und zwar in jubilierendem Ton: Ich existiere, ich mag mich, und das teile ich mit euch. Und ist das nicht eine viel schönere Geschichte als die von so vielen anderen jungen oder relativ jungen Frauen, die von Unsicherheiten bis hin zu Selbsthass handeln?

Sehr gut möglich natürlich, dass alles in „Selfish“ gelogen ist und sich hinter der ganzen schön ausgeleuchteten Fassade eine zutiefst einsame Person verbirgt, deren äußerlicher Selbstoptimierungswahn auch nichts so viel anderes ist als eine Essstörung. Vorsichtshalber sollten wir das Buch als Fiktion betrachten. Und nicht vergessen, dass bei seiner Herstellung, überhaupt der Karriere von Kim Kardashian niemand zu Schaden kam (abgesehen von diversen Tieren mit Pelz).

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